Eiserner Zusammenhalt

Eigentlich waren Eugen und Maria Müller nur auf der Durchreise und wollten am Kaufbeurer Bahnhof umsteigen, als plötzlich der Fliegeralarm ertönte. Es war der 9. September 1944, der zweite Weltkrieg tobte. Eineinhalb bange Stunden verbrachten sie im Luftschutzbunker – ein Wechselbad der Gefühle für den 22-jährigen Installateur und seine 21-jährige Frau, denn erst wenige Stunden vorher hatte sich das Paar in Kempten das Ja-Wort gegeben. 65 Jahre ist das nun her und ihre Ehe hat seitdem gehalten. Am vergangenen Mittwoch feierten die Müllers Eiserne Hochzeit.

Die Hochzeitskleidung hatten sie sich geliehen, nach der Heirat lebten sie in einer kleinen Wohnung in der Gerberstraße. Auf zwei Feldbetten, die mit Heu gefüllt waren, schliefen sie damals, ein halber Küchenschrank und drei geliehene Stühle waren das Mobilar. Erst nach der Geburt von Tochter Heike, zwei Jahre nach der Trauung, zogen die beiden in eine größere Wohnung in der heutigen Fußgängerzone um, wo sie heute noch leben. Viel Anerkennung zollte Bürgermeister Josef Mayr (CSU) dem Paar für ihren schwierigen Start, als er am Mittwoch im Namen der Stadt gratulierte und merkte an: „Ihre Geschichte ist auch eine Geschichte der verlorenen Jugend.“ Eugen Müller (87) wurde als junger Mann eingezogen und in den Krieg nach Afrika geschickt, wo er bei El Alamein verwundet wurde. Seine Eltern und Geschwister starben in dem Bombenhagel, der auf seine Heimatstadt Frankfurt niederging. Maria Müller (86) war damals kriegsdienstverpflichtet. "Er war der Brävste am Tisch" „Aber es ist auch eine Geschichte des Zufalls“, so Mayr weiter. Denn das Glück wollte es, dass der verwundete Soldat und einige seiner Kameraden im Münchner Lokal „Grinzing“ einkehrten, wo sich auch seine Zukünftige zusammen mit einer Freundin vom traurigen Kriegsalltag ablenkte. „Er war der Brävste am Tisch“, erinnert sich Maria Müller. Per Flaschenpost begannen sie, Botschaften auszutauschen. Im „Lumpensammler“, wie der letzte Bus des Abends damals hieß, tauschten sie die Adressen aus. Kurz nach der Entlassung Müllers aus der Wehrmacht bestellte das Paar in Kempten das Aufgebot. Den Beruf des Installateurs, den er gelernt hatte, konnte Müller nach dem Verlust des rechten Unterarms im Krieg nicht mehr ausüben. Fast 30 Jahre lang arbeitete er als Lagerist, ehe er mit 60 Jahren in Rente ging. Seine Freizeit verbrachte er am liebsten beim Campen oder in den Bergen. Es gibt kaum einen Allgäuer oder Tirloer Gipfel, den Eugen Müller nicht bestig. Seine Frau arbeitete bei einer Textilfirma und einer Druckerei und zog auch privat Handarbeiten dem Bergwandern vor. Heute begnügt sich ihr Gatte mit einem täglichen Stadtspaziergang. Die Einkäufe erledigt Maria Müller immernoch selbst, auch wenn ihr Mann ihr heute stets entgegen geht, um ihr mit den Taschen zu helfen. Und seit er pensioniert ist, erzählt sie, steht er immer eine halbe Stunde vor ihr auf und macht für beide Frühstück.

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