Ein Ende ohne Schrecken

Heutigen und ehemaligen Mitarbeitern der Stadtverwaltung kann man im Zusammenhang mit den Missbrauchs-Vorfällen im Gerhardingerhaus in den 1980er Jahren (der KREISBOTE berichtete mehrfach) offenbar keinen Vorwurf machen. Zu diesem Schluss sind die Verantwortlichen in der Verwaltung gekommen. Dennoch entschuldigte sich OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) am Montagnachmittag öffentlich bei dem Missbrauchsopfer Stefan S.

„Wir entschuldigen uns dafür, was damals im Gerhardingerhaus passiert ist“, sagte Netzer anlässlich einer Pressekonferenz im Rathaus. Dort stellten er und die zuständigen Referatsleiter Peter Riegg und Benedikt Mayer die Ergebnisse ihrer Recherchen hinsichtlich des Gerhardingerhauses sowie der Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfe vor. Demzufolge kann keinem heutigen oder damaligen Mitarbeiter der Vorwurf gemacht werden, er habe von Misshandlungen oder Missbrauch der Heimkinder gewusst. Sämtliche Mitarbeiter und Ehemaligen hätten eine dienstliche Erklärung nach Beamtenrecht mit übereinstimmenden Aussagen abgegeben. „Allerdings haben wir keine Möglichkeit, dem Wahrheitsgehalt nachzugehen“, schränkte Riegg ein. Zwei ehemalige Mitarbeiter des Jugendamtes hätten aber ausgesagt, „dass sie nichts gewusst haben – damit sind wir am Ende“, wies er auf die eingeschränkten rechtlichen Möglichkeiten der Verwaltung hin. Helmut Dreher, noch heute Leiter des Stiftungsamtes, sei hingegen von allen Befragten entlastet worden. „Da hat sich ein klares Bild ergeben“, so Benedikt Mayer. „Er har richtig reagiert.“ Alles in allem betrachtet sei die Sache damit für die Stadt Kempten erledigt – sofern künftig nicht noch weitere Erkenntnisse hinzukämen. Der Entschuldigung der Stadtverwaltung schloss sich Elisabeth Aleiter, Anwältin und Missbrauchsbeauftragte des Ordens der Armen Schulschwestern, an. „Die Verhältnisse waren sicherlich nicht ideal“, bekannte sie. Sie habe mittlerweile mit allen noch erreichbaren Schwestern von damals gesprochen und ein klares Bild erhalten. Während Ohrfeigen wohl seinerzeit zum Alltag gehörten, sollen sich wie von S. behauptet vor allem drei Schwestern darüber hinaus sehr rücksichtslos gegenüber den Kindern verhalten haben. „Es ist herausgekommen, dass drei Schwestern wohl überreagiert haben.“ Die Züchtigungen sollen ihren Recherchen zufolge von harten Ohrfeigen über an den Haaren ziehen bis hin zu Schlägen mit Büchern gereicht haben. Allerdings hätten die Schwestern auch unter sehr harten Bedingungen wie viel zu großen Gruppen mit 15 bis 20 verhaltensauffälligen Kindern arbeiten müssen. „Sie sagen, sie mussten hart durchgreifen, um die Ordnung zu bewahren“, so Aleiter. Von den Missbrauchsvorfällen durch den Hausmeister und einen weiteren Heimbewohner hätten die Schwestern jedoch nichts mitbekommen. Beide Seiten halten übrigens weiterhin Kontakt mit dem heute in Berlin lebenden Stefan S. Netzer berichtete, dass er erst vergangene Woche S. einen Brief geschrieben habe und das Gesprächsangebot der Stadt – dem S. bislang nicht nachkommen will – erneuert habe. „Wir schließen die Tür nicht, sondern sind offen für dieses Gespräch“, so Netzer. Er betonte, dass das Gerhardingerhaus von damals mit dem von heute nichts gemein habe. Aleiter sagte: „Wenn ich ihm helfen kann, werde ich es tun.“ Zu möglichen Entschädigungen wollte sie sich aber nicht äußern.

Auch interessant

Meistgelesen

Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Indien trifft Allgäu
Indien trifft Allgäu
Zwischen Romantik und Realität
Zwischen Romantik und Realität

Kommentare