Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ein "Engel" am Beginenhaus-Horizont

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Kempten – Viel Grund zur Freude bot der Rückblick auf das Jahr 2016 bei der Jahresversammlung des Beginenhaus-Vereins nicht. Weder die Kontaktpflege mit Entscheidungsträgern noch positive „Signale“ seitens der Stadt hätten Fortschritte gebracht, wie die Vorsitzende Birgit Kata feststellen musste.

Der Planungsstopp für das Beginenhaus sei nach einem Jahr der intensiven Sanierungsplanungen in den Haushaltsberatungen Ende 2015 „überraschend gekommen“. Die Begründung: das Nutzungskonzept sei nicht attraktiv genug. Ohne Resonanz sei das Angebot des Vereins geblieben, das Beginenhaus ausschließlich vom Verein zu betreiben, ohne Inanspruchnahme städtischer Dienststellen. Nun habe die Stadt eine Wirtschaftlichkeitsberechnung inklusive aller Betriebskosten vom Schneeräumen bis zum Stromverbrauch gefordert und dafür 50.000 Euro im Haushalt 2017 frei gegeben. Dieses Gutachten sei Voraussetzung für ein weiteres Einstellen von Geldern in den städtischen Haushalt, der nach aktuellem Stand für das Beginenhaus bis 2020 Null Euro vorsehe. Problematisch sah Kata, dass das Gutachten für das Betriebskonzept viel Arbeitskraft des Vereins binden werde und deshalb im laufenden Jahr die meisten der bisher regelmäßig geleisteten Angebote gestrichen werden müssten. So sollen Führungen nur auf Anfrage stattfinden sowie das Jugendprogramm und der Bücherflohmarkt auf Eis gelegt werden.

Vereinsmitglied und ehemalige SPD-Stadträtin Ingrid Jähnig haderte mit der Rückübertragung des Beginenhauses an die Stadt, „die außer Ärger nichts gebracht“ habe. Es sei „skandalös“ wie die Stadt damit umgehe. Sie frage sich, ob eine Rückkehr zur Sozialbau denkbar sei. Laut Kata könne sich die Sozialbau „das vorstellen, wir würden es uns sehr wünschen“. Aus Sicht des Vereins sei das Beginenhaus für die Stadt nur so lange interessant gewesen, wie sie es für das Gutachten „Sanierungsgebiet Doppelstadt“ benötigt hätte. Aus unerfindlichen Gründen sei in Stadtratssitzungen auch „immer wieder mit falschen Zahlen hantiert worden“ und der Verein in die Diskussionen nicht eingebunden worden, so dass man vieles erst aus der Zeitung erfahren habe. Dass Kulturbetriebe „Zuschussbetriebe“ sind, sei zudem eher die Regel. Nur beim Beginenhaus werde immer von einem „Defizitbetrieb“ gesprochen, ärgerte sich die Vereinsvorsitzende.

Die entscheidende Wende erhielt die Sitzung durch einen Gast, der seine Unterstützung anbot, was die Ratlosigkeit bezüglich der Zukunft des Vereins weichen ließ. Er „verstehe zwar nicht viel von Kultur und Denkmal“ aber von großen Projekten, meinte der Wirtschaftsmathematiker Peter Engel. „Ich bin sehr beeindruckt davon, was, mit wie wenig Geld, hier bewegt wird“. Aber mit den „Stakeholdern“, bediente er sich eines Begriffes für Anspruchs- bzw. Interessengruppen aus der Wirtschaft, „da haben Sie ein Problem“. Es gehe darum, „mit kühlem Herzen einen Meilenstein zu planen“ und sich von Emotionalität zu befreien. Klar sei, so Engel, „ein Zentrum der Buchkultur wird es in Kempten nicht geben“, denn das sei „nicht gewünscht“. Das allerdings sah zumindest ein Großteil der Teilnehmer einer Umfrageaktion des Vereins im vergangenen Jahr anders als die Stadtpolitik. Laut Kata sei auf knapp 80 Prozent der Antwortkarten ein „Zentrum für Buchkultur“ im Beginenhaus als Nutzungsschwerpunkt gewünscht worden und auch sonst hätten sich die meisten für eine flexible Nutzung mit Veranstaltungs-, Kurs- und Ausstellungsräumen sowie Café und Museum ausgesprochen, wie sie der Verein seit Jahren vorschlage.

Laut Beschluss will der Förderverein 2017 seinen Teil zur Machbarkeitsstudie und der Wirtschaftlichkeitsberechnung beitragen, aber die Stadt auch an ihre vielen Versprechen erinnern und in die Pflicht nehmen.

Christine Tröger

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