Enorme Anziehungskraft

China: ein Land voller Gegensätze, mit einer anderen Kultur und Sprache. China: eine neue globale Großmacht? Ingmar Niemann, Politikwissenschaftler und Asienkenner, hat jetzt den rund 150 Besuchern im Gemeindehaus Kempten im Rahmen des Forum Lichtblick den Blick gen Osten gerichtet und damit Diskussionsstoff für neue Sichtweisen geliefert, wie Wolfgang Grieshammer, geschäftsführender Vorstand im DW, resümierte. Dazu meinte eine Zuhörerin: „Es heißt immer, China goes West, vielleicht sollte man zumindest von der Denkweise öfter mal anstoßen: Europe goes East.“

Erstmals hatte das Diakonische Werk mit seiner Stiftung Lichtblick bei dieser schon traditionellen Veranstaltung am Buß- und Bettag in Kooperation mit der Thomas-Dehler-Stiftung eingeladen. Niemann, der sonst Hörsäle in den Universitäten füllt, hatte auch an diesem Abend eine enorme Anziehungskraft auf die zahlreichen jungen Zuhörer. An sie appellierte er: „Das Allgäu ist schön, aber blicken Sie auch zum globalen Horizont.“ Sprachen, Reisen, Wissen, Lektüre seien heutzutage ein wichtiger Faktor im globalen Wettbewerb. Einerseits, so informierte Niemann, sei China durch die enorme Bevölkerungszahl von 1,35 Milliarden Menschen im Vorteil: „Wenn fünf Prozent der Chinesen heute studieren, ergibt das ein anderes Potential, als wenn wir von fünf Prozent Europäern sprechen.“ Andererseits müsse China als Land jedes Jahr 20 Millionen Arbeitsplätze schaffen, um dem Bevölkerungswachstum gerecht zu werden. „China braucht ein Realwachstum von mindestens acht Prozent dafür.“ Tief greifende Reformen Die rasante Entwicklung Chinas schrieb Niemann den Reformen von Deng Xiaoping zu. Modernisierungen von Landwirtschaft, Industrie und Wissenschaft hätten ebenso dazu beigetragen wie die Öffnung der chinesischen Volkswirtschaft. Hier prangerte der Experte, der auch Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Außenpolitik e.V. ist, die „europäische Dummheit“ an. „Es wird viel geleistet, aber es ist auch schnell weg.“ Damit bezog er sich beispielsweise auf den geschlossenen Vertrag mit Airbus über 100 Fluggiganten. „Der Abschluss wurde groß gefeiert. Gleichzeitig bedeutet es, dass Airbus bis 2010 ein Werk in China bauen muss – und dann werden sie dort selber weitere 300 Flugzeuge bauen….“ Für Chinesen sei „Kopieren eine Ehre“, doch diese Ehre sei wirtschaftlich verheerend für Firmen mit europäischen Patenten. „In Europa gibt es politische Institutionen – zum Beispiel Industriekommissionen – die das verhindern sollen. Aber der Erfolg ist zweifelhaft“, so Niemann. Lohnniveau nicht zu halten Im Hinblick auf die aktuelle Finanzsituation und die Krise in der Automobilindustrie meinte Niemann, das Niveau der Löhne sei auf Dauer in Europa nicht zu halten, wenngleich andererseits auch die in China steigen (aktuell im Durchschnitt bei 1,10 Euro). In Deutschland werde das 25-fache bezahlt. Ein Gleichstand sei also noch lange nicht zu erwarten. „China baut derzeit modernste Technologie in Billigautos. Die sind für die Masse kaufbar.“ Das werde wohl das Geschäft der Zukunft, von deutschen Autobauern sei diese Entwicklung jedoch verschlafen worden. Für Niemann war am Ende des Vortrags somit die elementare Frage für die Zukunft: „Wer von uns beiden ist bereit, den niedrigeren Lebensstandard hinzunehmen, da keiner von uns besser ist als der andere?“

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