Kunsthallenstipendiatin bespielt Kemptener Kunsthalle für einen Monat

Auf hintergründige Weise greift Julia Frankenberg Kunsthalle und Allgäu auf

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Ungewöhnliche Materialien: Kunsthallenstipendiatin Julia Frankenberg zeigt ein Werk mit Dichtmasse und Blütenstaub aus ihrer Ausstellung „Rückwärts den Berg hinauf“.

Wo ist eigentlich das Titelmotiv? Aha, da hinten am Eingang. Ganz unscheinbar in einem Aufsteller steht das Aquarell, als würde es auf eine kommende Ausstellung hinweisen.

„Das macht total viel Sinn“, sagen zwei Besucher, die das Gemälde ebenfalls gerade entdeckt haben, „man geht rückwärts den Berg hinauf und sammelt alles, was man auf dem Weg findet.“ Zu sehen ist ein Blatt Papier mit einer Hand, die einen runden Spiegel hält. Darin: eine Bergspitze. Und schwupps wird der Besucher selbst zentraler Gegenstand des Werks: Gehe ich gerade den Berg hinauf? Vielleicht macht am Ende doch alles Sinn, wenn ich einmal angekommen bin... Das könnte man beim Betrachten des „Plakates“ denken.

„Ich habe bewusst etwas mit Bergbezug gemalt“, sagt Kunsthallenstipendiatin Julia Frankenberg, die die aktuelle Ausstellung in der Memminger Straße 5 konzipiert hat. Die 36-Jährige ist für die einmonatige Ausstellungszeit in einer Wohngemeinschaft in Sulzberg untergekommen. „Ich habe noch nie so nah an den Alpen gelebt, das genieße ich sehr.“ Den Bogen zur Kunsthalle, zu Kempten und dem Allgäu schlägt die in Berlin und Hamburg lebende Künstlerin auf vielfältige und immer wieder überraschende Art und Weise. Eingesammelt hat sie dafür auch schon bestehende Werke in ihrem Atelier. In der Kunsthalle kombiniert sie sie neu und auch mit der Halle selbst, verändert sie und ergänzt sie mit regionalen Exponaten. Das wirkt mal märchen- und zauberhaft wie die Farbstudie in Pink und Grün, mal verstörend, wie die abgeschnittenen Hände, die immer wieder auftauchen, oder die Stühle, die wie für Besucher aufgereiht sind, aber in Richtung einer weißen Wand ausgerichtet sind.

Außergewöhnlich sind dabei oft die Medien. Eine Tischdecke aus dem 19. Jahrhundert, ein Bettbezug. Zerfledderte Jalousien, die die Streifen der Heizkörper aufnehmen, daran verknotete Kordeln. In der Mitte der Halle ein alter Hoinzen. Gehalten wird er von Objektteilen aus erdigem schwarzem Ton, die Frankenberg von Alltagsgegenständen wie Bügeleisen oder einer Persil-Flasche abgegossen hat. „Die Ära Plastik ist ja irgendwie vorbei“, kommentiert sie. Mit ihren Griffen wirken die Scherben aber auch wie antike Amphoren, die aus Cambodunum stammen könnten. Frankenberg reißt die Gegenstände aus ihrem Kontext, bettet sie spielerisch in einen neuen ein. Das wirkt entlarvend, erhellend oder humorvoll.

An zwei der mächtigen Kunsthallen-Säulen sind zwei Wachsbatiken geschnürt. Expressiv die Farben und Linien, starke Arme halten jemanden oder etwas auf dem einen Tuch fest, die Finger sind abgetrennt. Gewalt ist auch Thema der anderen Wachsbatik-Tücher. Eines zeigt eine mittelalterliche Hüftklammer, das andere ebenfalls eine abgeschnittene, aber eher weiblich wirkende Hand. „Bewusst habe ich hier gegen das Schönheits-

ideal gearbeitet“, sagt Frankenberg. In ihren Bildern, Installationen und Skulpturen spielt das Thema Weiblichkeit, aber auch (selbstbestimmte) Sexualität immer wieder eine Rolle.

In einer Nische aus Kunsthallen-Aufstellern finden sich zwei Skulpturen, aus schwarzem Ton, bemalt mit Engobe und Glasur. Sie scheinen sich in der Luft im freien Fall zu befinden. Ihre Gliedmaßen zeigen erdige Verwachsungen. „Das sind die ‚Unglücklichen Enthusiasten‘“, aber über den Titel muss ich mir noch Gedanken machen“, erklärt die Künstlerin, „es hat Vorteile, wenn man lange warten kann.“ Überhaupt lässt Frankenberg die Dinge gerne offen, wie sie sagt. Auch während ihres Aufenthalts in Kempten arbeitet sie noch weiter an der Ausstellung und ergänzt sie. Es kann sich also lohnen, bis zum 24. Juni ein zweites Mal in der Kunsthalle vorbeizukommen und zu sehen, was sich verändert hat.

Die Ausstellung hat Donnerstag und Freitag von 14 bis 18 Uhr geöffnet und am Samstag und Sonntag jeweils von 12 bis 18 Uhr. Beim Workshop „Wax on Wax off“ am kommenden Sonntag, 10. Juni können die Teilnehmer selbst die aufwändige Technik der Wachsbatik ausprobieren.

Susanne Kustermann

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