Zu Besuch auf dem Gnadenhof

Eine Entscheidung fürs Leben

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Schon immer waren ihm die Tiere wichtig, Hans-Peter Zeh hat einen ganz besonderen Draht zu ihnen.

Niedersonthofen – Was Hans-Peter Zeh (51) vor einem Jahr, am 5. Mai 2019, mit seinem Facebook-Post auslöste, ist für ihn heute immer noch unfassbar und rührt ihn immer noch sehr.

Damals waren die Futterpreise durch den vorigen trockenen Sommer immens in die Höhe geschossen und quasi „eskaliert“. Für ihn, der seine damals noch 32 Rinder nicht mehr als Landwirt nutzte, sondern sie vielmehr als Tierfreund auf seinem Gnadenhof versorgte, eine ausweglose Situation. Er hatte kein Geld mehr für das Futter seiner geliebten Tiere und stand davor sie abzugeben oder sie im schlimmsten Fall sogar auf den Schlachthof bringen zu müssen. „Ich kann nicht mehr!“, so lauteten die ersten Worte seines Hilferufs auf Facebook, der von insgesamt 1,8 Millionen Menschen angeklickt und gleich mal 22.000 Mal geteilt wurde. Die Resonanz darauf war einfach unglaublich: Es folgten Spenden, das Telefon stand nicht mehr still, haufenweise E-Mails, Zeitungsverlage und sogar Fernsehsender klopften an.

Sympathisch, bescheiden und authentisch, so kommt der 51-jährige Allgäuer im persönlichen Gespräch rüber. Er weiß, was er tut. Auch wenn er „von vielen anderen als Spinner abgetan wird“, lebt er mit den Tieren „als Freund“ zusammen, statt sie „auszubeuten“. Schon von Kindesbeinen an wären ihm die Tiere wichtig gewesen und schon immer hätte er einen besonderen Bezug zu ihnen gehabt, sagt Zeh. Er sei sensibel und schüchtern gewesen, vieles hätte er von seiner Oma gelernt. Im Alter von 26 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, übernahm Zeh den elterlichen Hof in Niedersonthofen am Kalvarienberg. Anfangs war der junge, ausgebildete Landwirt noch hochmotiviert und versuchte alles richtig zu machen, ganz in der Manier eines Milchbauern. Er ließ die Kühe regelmäßig besamen und kalben. Er achtete auf die Futterzusammensetzung, auf die Eutergesundheit, kontrollierte penibel die Zellzahlen und erhoffte sich eine gute Milchleistung. Um jedoch als Milchbauer wirtschaftlich zu arbeiten – was er nicht immer getan hatte – musste er sich so manches Mal von kranken, alten und nicht mehr leistungsfähigen Tieren verabschieden und sie zum Schlachthof bringen. Das fiel Zeh immer schwerer, schließlich waren ihm die Tiere längst ans Herz gewachsen. Und auch der Umgang mit den Tieren auf dem Schlachthof missfiel dem Landwirt sehr. Dies führte letztendlich dazu, dass er die Tiere selbst bis zur Schlachtbank begleitete. Das war für ihn bald nicht mehr (er)tragbar. Wenn er wusste, ein Tier sollte am nächsten Tag zum Schlachter, konnte er nachts nicht mehr schlafen. Die seelische Belastung wuchs und war schließlich so groß, dass er nach einer Lösung suchte.

Im Internet stieß er auf Gnadenhöfe und begann, sich intensiv damit zu beschäftigen. „Eine tolle Sache“, stellte er fest und anfangs hatte er natürlich auch alles „rosarot“ gesehen. Ende 2013 fällte er schließlich den Entschluss, einen Gnadenhof zu gründen. Fortan ernährte er sich vegetarisch und sah sich selbst auch nicht mehr als Landwirt. Zusammen mit sieben Mitgliedern, aus dem Verwandtenkreis und Bekanntenkreis, gründete er Anfang 2014 den Gnadenhof „Wohlfühlhof Zeh e. V.“. Seine Tiere sollten nun nicht mehr genutzt, sondern als „Freunde“ künftig zusammen mit ihm auf dem Hof leben dürfen. Das Melken der Kühe stellte er langsam ein, kündigte bei der Molkerei und verkaufte das Milchkontingent. Seine Kühe haben fast alle Hörner, sind kräftig gebaut und haben im Gegensatz zu den heutigen Hochleistungskühen kaum ein Euter mehr. Von einer alten Holzbank neben dem Haus kann Zeh die Wiederkäuer in der Wiese beobachten. Alle kennt er sie beim Namen, weiß von jeder einzelnen die Eigenarten. „Eine Kuh“, so schätzt er, „kann bis zu 30 Jahre alt werden.“ Dabei rechnet er mit einem Futteraufwand von rund 100 Euro pro Monat. Seine älteste Kuh heißt Elli, sie ist 17 Jahre alt. Für den Unterhalt der Tiere ist er auf Spendengelder angewiesen, seinen eigenen Lebensunterhalt bestreitet er aus dem Vermieten von Ferienwohnungen.

Schon von Anfang an hatte Zeh ein Faible für die sozialen Medien und nutzte sie, um mit Videos und Bildern auf seinen Hof aufmerksam zu machen. Eigentlich wollte Zeh den Gnadenhof für seine eigenen Tiere schaffen, doch immer wieder gab es Situationen, in denen der Tierfreund seine Augen nicht verschließen konnte und beherzt eingreifen musste. So erzählt er die Geschichte von dem jungen Pinzgauer Ochsen Nemo, den ein Landwirt in die Mast geben wollte, weil es aber ein „Mollakälbe“ war und ihm dadurch weniger Geld als ein weibliches Kalb einbrachte, fütterte er es einfach weniger. Zeh hatte Mitleid mit dem jungen Ochsen und kaufte ihn. „300 Euro wollte der Landwirt für das Kalb, das war mir aber egal, obwohl ich das Geld für Futter gebraucht hätte“, erinnert er sich. Bis heute ist Zeh über diese Entscheidung „mehr als überglücklich“. Und auch einer Ziegenmutter, die ihn mit ihren zwei Zicklein bereits aus dem Hänger zur Schlachtbank heraus anschaute, rettete Zeh kurzerhand das Leben. „Sie waren nicht krank, ‚man‘ wollte sie lediglich nicht mehr haben“, sagt er. Und auch ein paar federlose Hühner vom Tierheim fanden auf dem Wohlfühlhof Zeh ein neues Zuhause. „Anfangs trauten sie sich gar nicht raus – wahrscheinlich, weil sie noch nie Tageslicht gesehen hatten“, vermutet er. Nach vier Wochen hätten die Hühner wieder ein tolles Federkleid gehabt, nun seien sie glücklich bei ihm. Für Zeh ist das alles „einfach unbezahlbar“. Inzwischen leben auf dem Wohlfühlhof Zeh 23 Rinder, sieben Ziegen, zehn Katzen und fünf Enten.

Für die Tiere kann man spenden und ab fünf Euro auch Patenschaften übernehmen. „Aber auch Futterspenden sind immer willkommen“, sagt der Hofbesitzer. Ein nächstes Projekt, das er aus Spenden stemmen will, ist der Bau eines neuen Laufstalls. Der alte Anbindestall sei längst nicht mehr tiergerecht und für die bereits in die Jahre gekommenen Kühe schon gar nichts mehr, erklärt Zeh. Die Pläne für den neuen Stall mit Futtertisch, Liegeboxen und Abtrennungsmöglichkeiten liegen fertig in der Schublade. Jetzt warte er noch auf die Angebote, und je nachdem, was finanziell machbar sei, könnte eventuell noch Platz für ein paar weitere Tiere geschaffen werden, sagt Zeh, allerdings immer mit Blick darauf, was für ihn und seine Lebensgefährtin Alexandra Petereit (51) machbar ist. Derzeit hat der Hofbesitzer allerdings noch ein ganz anderes – ein technisches Problem. Sein 15 Jahre alter Claas-Traktor, den er für die täglichen Arbeiten, zum Mähen und zur Gülleausbringung dringend braucht, ist kaputt. „Vermutlich ein elektronisches Problem“, sagt Zeh, schließlich gehe der Traktor während der Fahrt einfach aus. Der Monteur wäre schon dreimal dagewesen und hätte Teile ausgetauscht, das Problem allerdings sei noch nicht behoben. „Jetzt muss ein Teil nach dem anderen ausgetauscht werden“, sagt Zeh. Ein finanzielles Fiasko für ihn. „Aber vielleicht findet sich noch jemand, der mir helfen kann“, hofft er. Und seit dem FB-Post vor einem Jahr, weiß Zeh, dass alles möglich ist. Schließlich war der Post seine Rettung gewesen. Zwar hatte sich der 51-jährige damals nicht viel gedacht, als er seine Gedanken in Facebook veröffentlichte, dennoch waren es die unzähligen Reaktionen darauf, die ihn in seinem Tun bestärkten und motivierten, weiterzumachen. Lange Zeit dachte er, er stehe alleine da, heute weiß er, dass es viele Menschen gibt, die genau das toll finden, was er tut. Und für ihn steht fest: „Ich würde es heute wieder machen – genau so!“

Tamara Lehmann

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