Geduld erwünscht: Begrünung folgt

Entsetzen in Heiligkreuz: Lärmschutzmauer ruiniert derzeit das historisches Dorfensemble

Lärmschutzwand Heiligkreuz
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Für allerhand Unmut sorgt derzeit die im Bau befindliche Lärmschutzwand in Heiligkreuz.

Kempten – Bereits Anfang November hatten sich besorgte Bürger an das architekturforum allgäu gewandt, weil sie den Verein darauf aufmerksam machen wollten, dass derzeit im Neubaugebiet Heiligkreuz-Süd parallel zum angrenzenden Friedhofsparkplatz eine lange, ausladende „Gefängnismauer“ entsteht. Der Geschäftsführer des Vereins Franz G. Schröck hat die Baustelle inzwischen besichtigt und zeigte sich „erschüttert“:

„Wieder einmal frage ich mich, warum wir es in unserer Zeit nicht mehr schaffen, neue Baugebiete – wenn sie schon sein müssen – selbstverständlich in die vorhandene Topographie einzupassen, von den immensen Kosten eines über sechs (!) Meter hohen und Hunderte Meter langen Bauwerks einmal abgesehen.“ Schröck weist zudem darauf hin, dass die „historische Südansicht des Wallfahrtsortes Heiligkreuz“ durch die Kemptener Stadtbildsatzung besonders geschützt sei. Laut diesem Regelwerk müssen sich „bauliche Anlagen“ im Ortskern von Heiligkreuz „in das Orts-, Straßen- und Landschaftsbild harmonisch eingliedern“.

Auch Stadtrat Alexander Hold hat am vergangenen Wochenende das mächtige Bauwerk entdeckt: „Gestern habe ich mich bei einer kleinen Radrunde mal wieder fürchterlich aufgeregt: Am Rande meiner Heimatstadt Kempten entsteht im idyllischen Heiligkreuz ein nettes kleines Wohngebiet mit 14 Einfamilienhäusern – direkt angrenzend an den Friedhof, genauer gesagt, an den Parkplatz des Friedhofs. Und es geht voran, leider ... Denn das, worüber ich mich in der Planung schon sehr geärgert habe, ist nun Wirklichkeit geworden: Eine teils über fünf Meter hohe Betonmauer zwischen den Baugrundstücken und dem Friedhofsparkplatz! Der Lärmschutz macht diese wahnwitzige Mauer wohl erforderlich. Die Lebenden müssen vor dem Lärm der Verstorbenen geschützt werden! Mal ganz abgesehen davon, dass nach meiner Erfahrung nachts auf Friedhöfen samt ihren Parkplätzen die sprichwörtliche Friedhofsruhe herrscht, ist solch eine überlebensgroße Betonmauer einfach ein scheußlicher Fremdkörper. Hier zudem ein trennendes Element, das den Familien, die hier bauen werden, das schöne Gefühl nimmt, mitten im Dorf mit herrlicher Bergsicht zu wohnen. Eher bleibt der Eindruck, man wohne neben einer JVA. Auch wenn mich das Thema Friedhof diese Woche leider sehr beschäftigt hat: Mir geht es gar nicht speziell um diese Mauer. Sie ist nur ein Symbol für etwas, das mich seit Langem umtreibt: Wir machen uns zunehmend zu Knechten unserer Rechtsordnung. Man hört immer häufiger ein achselzuckendes „Das ist eben so“, weil die Vorschriften nun mal so sind. Gerade bei Schutzgesetzen ist das so. Sie werden immer umfassender, kleinteiliger und strikter – bis sie diejenigen erdrücken, die eigentlich geschützt werden sollen: Brandschutzanforderungen werden dort immer komplexer, wo seit Menschengedenken niemand mehr zu Schaden gekommen ist. Häuser können nicht mehr genutzt werden, weil der Denkmalschutz blockiert. Menschen dürfen nicht mehr arbeiten, wann sie wollen, weil der Gesetzgeber glaubt, es besser zu wissen als die Menschen selbst. Und auch der Lärmschutz soll ja eigentlich den Menschen dienen. Wenn man die Menschen zwingt, sich hinter Mauern zu verstecken, wo sie gern mit den Mitmenschen auf der anderen Seite kommunizieren würden, dann sinkt die Akzeptanz für unsere Rechtsordnung. Schutzgesetze sind wichtiger denn je. Aber wir brauchen dringend mehr Augenmaß – am besten Öffnungsklauseln für den gesunden Menschenverstand!“, appelliert Hold.

Die Kritik gab Anlass, dass das Sujet kurzfristig im Bauausschuss aufgegriffen wurde. Zumal selbst OB Thomas Kiechle gleich eingangs einräumte, dass er den „Unmut auch nachvollziehen kann“. Antje Schlüter, Leiterin des Stadtplanungsamtes, fasst die Enstehungsgeschichte nochmals kurz zusammen, beginnend bei der Ausweisung der Baugrundstücke mit 30 Stellplätzen, welche u.a. den Heiligkreuzern „zu wenig“ gewesen seien und man diese deshalb auf 75 aufgestockt habe, auch weil die Fläche für Feste mit Zelt genutzt werden soll. Die Konsequenz: Die umliegende Wohnbebauung muss vor den dort auch geplanten Nebennutzungen geschützt werden. „Wir hatten das im Vorfeld auch kommuniziert“, betonte Schlüter. Anstelle einer wenig ansprechenden senkrechten Schutzwand sei die Idee des Carports entstanden, erklärte sie und beruhigte das Gremium: „Die nackte Betonwand“ im Grünen werde sicher nicht lange so bleiben. Geplant ist ein begrüntes Flachdach und begrünte Holzverschalung für die Außenseiten, bat sie um „Geduld und Verständnis“. An der Grundstücksgrenze werde die Mauer nach der Erdaufschüttung nur noch drei Meter hoch sein und damit die „Oberkante des Erdgeschosses“ bereits darüber liegen.

Wirklich nachvollziehen konnte sie die Aufregung nicht, da alles vorab klar kommuniziert worden sei. Hans-Peter Wegscheider (FW) gab Schlüter insofern recht, als das Gremium gemeinsam abgestimmt habe, es so zu machen. „Aber wir haben nie über die Höhe gesprochen.“ Ins gleiche Horn stieß Erwin Hagenmaier (CSU), der meinte, dieser Schnitt und diese Höhe seien ihm „vollkommen unbekannt“ und „diese Dimension war für mich unvorstellbar“. Dennoch wolle er die „Schuld“ insofern auf sich nehmen, als er „nicht tief genug nachgefragt“ und sich unter Carport etwas anderes vorgestellt habe. OB Thomas Kiechle sprang Schlüter bei und bestätigte, dass laut Sitzungsprotokoll auch über die Höhe informiert worden sei, räumte aber ein, dass jetzt „die Wirkung anders ist“. Hans-Peter Hartmann (FW) wünschte sich für die Zukunft Video-Animationen, um eine realistische Vorstellung zu bekommen. Schlüter sah ein Problem darin, „dass so viele verschiedene Akteure“ in die Sache involviert gewesen seien, von Tiefbauamt bis Bayern Grund. „Ich appelliere, dass wir unsere Grundstücke – wenn sie nicht gerade Halde heißen – auch wieder selbst bebauen.“

kb/Antonia Knapp/Christine Tröger

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