Vom 11. Jahrhundert bis heute: Wie Säkularisation, Krieg und Wirtschaftskrise das Marktgeschehen beeinflussten

Die Entwicklung der Wochenmärkte in Kempten

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Der Viktualienmarkt in Kempten Anfang des 20. Jahrhunderts.

Kempten – Diesen Zeitpunkt haben viele Marktbesucher sehnsüchtig erwartet. Nach gut viermonatiger Winterpause zog am Samstag, 2. April 2016, der beliebte Kemptener Wochen- oder Viktualienmarkt (von lat. „victus“ = Lebensmittel) wieder von der Markthalle am Königsplatz auf den Hildegardplatz um. Konnten in der Markthalle während der Winterzeit nur rund 45 Verkäufer Platz finden, sind es auf dem großzügig gestalteten Hildegardplatz an die 70 Händler, die ihren Kunden frisches Obst, Gemüse und andere Lebensmittel sowie eine Fülle an verschiedenen Spezialitäten anbieten. Nun herrscht zwischen April bis Mitte November jeden Mittwoch und Samstag von 7 bis 13.30 Uhr auf diesem Platz ein lebhaftes und buntes Markttreiben.

Neben dem reichhaltigen Angebot dürfte es auch die architektonisch reizvolle und historisch so bedeutsame Kulisse dieses Hildegardplatzes am Fuße der Lorenz-Basilika sein, die viele Besucher in ihren Bann zieht. Nur wenige werden aber genau wissen, wie weit die Geschichte des Kemptener Wochenmarktes wirklich in die Vergangenheit hineinreicht.

Erste Märkte im 11. Jahrhundert 

Sieht man einmal vom römischen Cambodunum als Vorgängerstadt Kemptens ab, in der es eine ausgezeichnete Marktkultur gab, dann kann in der werdenden Stadt Kempten der offizielle Beginn des Marktgeschehens auf das Ende des 11. Jahrhunderts gelegt werden.

Da Kempten im 8. Jahrhundert aus kleinsten Anfängen auf klösterlichem Grund erwuchs, stand es unter der Herrschaft des Abtes. Der Abt als Feudalherr (von lat. feudum = Lehen) erhielt um 1080 als königliches Privileg oder als königliche Regalie (= Recht, das mit der Wirtschaft zusammenhängt) ein Marktrecht. Mit diesem Privileg durfte er nun offiziell Märkte einrichten.

An diesem Marktrecht hatte der Abt aus verschiedenen Gründen großes Interesse. Einmal stellte es eine wichtige Voraussetzung zur weiteren städtischen Entwicklung Kemptens dar. Zum anderen konnte er Dank der sich entfaltenden Geldwirtschaft nunmehr verschiedene Steuern, Zölle und andere Abgaben in Geldform von den Marktteilnehmern fordern.

Die Märkte spielten damals für die Kemptener eine besondere Rolle. In Zeiten, in denen es noch keine Supermärkte gab, konnten die Menschen ihren Bedarf an Lebensmitteln und Alltagsgütern auf den Märkten decken, wo neben heimischen Händlern und Handwerkern auch auswärtige Gewerbetreibende ihre Erzeugnisse zum Verkauf anboten.

Die ersten Wochenmärkte wurden schon damals am Mittwoch und Samstag bei der St. Mang-Kirche abgehalten, wobei der Mittwochsmarkt die größere Bedeutung hatte. Der später am Samstag eingerichtete Kornmarkt spielte dagegen eine untergeordnete Rolle.

Aus Wochen- werden Jahrmärkte 

Im 13. Jahrhundert entstanden auch schon die ersten Jahrmärkte, die sich wahrscheinlich aus einfachen Wochenmärkten aus früheren Zeiten entwickelten. Einer der bedeutenden Jahrmärkte war in dieser Zeit der Himmelfahrtsmarkt, der am sogenannten Herrentag, dem 10. Mai, dem Tag der Stadtpatrone St. Gordian und Epimachus, stattfand. Später kam noch der große Kramermarkt hinzu, der am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag nach Johanni (ab dem 24. Juni) abgehalten wurde. Im 18. Jahrhundert folgte noch Anfang Oktober der Kathreinermarkt.

In Kempten soll es, zumindest, wenn man den historischen Stadtplänen glauben darf, neben dem Viktualienmarkt noch mehrere andere Märkte gegeben haben. So ist z.B. von einem Brot-, Fisch-, Mehl-, Leinwand-, Salz-, Holz- und Hafenmarkt (Töpferwaren, wie z.B. „Milchkacheln“), ja sogar von einem eigenen Sau- und Rossmarkt die Rede.

Egal ob Händler und Gewerbetreibende aus Kempten oder von außerhalb kamen, alle mussten sich den Marktvorschriften der Reichsstadt Kempten anpassen. Angehörige des Stadtgerichts überwachten zusammen mit Ratsmitgliedern und Zunfthandwerkern die Einhaltung des Marktrechts. Verstöße dagegen wurden mit Geldbußen geahndet.

34 Kreuzer als Standgebühr 

Im 17. Jahrhundert ist eine Markt- und Standgebühr von 34 Kreuzern bekannt, die jeder Markthändler bezahlen musste. Daher profitierte auch die Stadtkasse von den Märkten. Die fälligen Marktgebühren und verschiedene Steuern und Abgaben, die beim Verkauf anfielen, kamen den städtischen Einnahmen zugute. Neben ihrer ökonomischen Funktion nahmen die Märkte auch als Zentren des gesellschaftlichen Lebens in Kempten eine wichtige Rolle ein. Hier konnten die Menschen ihre kommunikativen Bedürfnisse befriedigen und ihre sozialen Beziehungen pflegen.

Weizen nur für die obere Schicht 

Welche Erzeugnisse boten nun bis zum Erscheinen der „Süd-Amerikaner“ (besonders Kartoffeln) im 18. Jahrhundert die Händler ihren Kunden auf den Viktualienmärkten an? Auf den Verkaufstischen lagen heimische Lebensmittel, wie Obst, Gemüse, Butter, verschiedene Schmalzsorten, Käse, Brot, Honig als Süßungsmittel sowie Fisch und Fleisch, darunter auch lebendes Geflügel und vor allem Getreide.

Getreide stand in der Nahrungsmittelpyramide der damaligen Zeit ganz oben. Dabei dürfte es sich hauptsächlich um Roggen, Hafer und Dinkel gehandelt haben. Weizen fand man dagegen relativ selten auf dem Speiseplan der meisten Stadtbürger. Obwohl er zwar das „wisse“ (weiße) Mehl und das „wisse“ Brot lieferte, war Weizen in Bezug auf Klima und Boden anspruchsvoller als Dinkel und Roggen und kam daher meist, auch wegen des höheren Preises, nur für die oberen Bevölkerungsschichten in Frage.

Getreide verzehrten die Menschen damals in unterschiedlicher Form, z.B. als Brot, Musmehl und als Beilagen zu Fleischspeisen. Fleisch dürfte allerdings weniger häufig auf den Tischen vieler Stadtbürger gestanden haben.

Die Stadt Kempten, die erst im 16. Jahrhundert durch den sogenannten „Großen Kauf“ ihre rechtliche Selbstständigkeit erhielt, lag wie eine Insel im Stiftsgebiet. Daher stand sie in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung immer mehr oder weniger stark in Abhängigkeit des Stifts und der im 18. Jahrhundert entstandenen Stiftsstadt. Die Fürstäbte, die sich mit der Autonomie Kemptens nicht abfinden konnten, versuchten ständig, mit zum Teil massiven Störmanövern, die politische und ökonomische Entwicklung der Stadt zu behindern.

So verbot z.B. Rupert von Bodman (1678 – 1728) 1690 seinen Stiftsuntertanen, die Stadt Kempten mit solchen Produkten zu beliefern, welche die Städter zum täglichen Leben benötigten. Diese Maßnahme löste eine Teuerungswelle in der Stadt aus. Ende des 17. Jahrhundert verlegte er die stiftischen Wochenmärkte direkt vor die Tore der Reichsstadt. Um das Jahr 1710 erließ er die Anordnung, alle Märkte im Stiftgebiet auf die Zeiten der städtischen Markttage zu legen. Damit entstand eine Konkurrenz, die zu Lasten der städtischen Märkte ging.

In der seinerzeit noch getrennten Stiftsstadt und Reichsstadt fanden, wie schon früher, die Wochenmärkte jeweils am Mittwoch und Samstag statt. In der Altstadt befand sich der Markt auf dem Kirchhof der St. Mang-Kirche, in der Stiftstadt dagegen auf dem Kornhausplatz.

Vereinigung beider Wochenmärkte 

Dieser unsägliche Dualismus zwischen Stift und Stadt endete erst ab 1802 mit der sogenannten Säkularisation und Mediatisierung, als aus beiden Städten – zumindest formal – ein Kempten entstand. Die mentale Vereinigung, die in den Köpfen der Menschen stattfinden musste, dauerte noch bis weit in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Daher scheiterten im Jahre 1803 staatliche Versuche, einen gemeinsamen Viktualienmarkt einzurichten an den unterschiedlichen Auffassungen der Bürgerschaft.

Erst ab 1870 gelang es endlich, die beiden Wochenmärkte der ehemaligen Alt- und Neustadt zu vereinigen. Sowohl der Mittwochs-, als auch der Samstagsmarkt fanden nun für die Dauer von fünf Jahren auf dem Hildegardplatz und zum Teil in der Schranne des Kornhauses statt. Schon 1875 kam es zu einer erneuten Veränderung. Ab da zog der Samstagsmarkt auf den St. Mang-Platz, während der Mittwochsmarkt auf dem Hildegardplatz verblieb.

1893 kam es zur Zusammenlegung der beiden Wochenmärkte auf dem Hildegardplatz. Ab 1907 wurden dann die Wochenmärkte in den Wintermonaten (Dezember bis einschließlich März) in die Halle des Kornhauses verlegt. Da die Stadtbevölkerung wegen der Industrialisierung stark anwuchs, konnten sich die Wochenmärkte bis 1914 gut entfalten.

Der Wochenmarkt im Ersten Weltkrieg

Der erste Weltkrieg sollte aber die positive Entwicklung der Kemptener Wochenmärkte deutlich unterbrechen. Wenige Monate nach Kriegsbeginn schränkte sich wegen des allgemeinen Lebensmittelengpasses das Angebot an Nahrungsmitteln auf den Kemptener Märkten stark ein.

Wie sich diese Verknappungen auswirkten, kann man an einigen Beispielen erkennen. Schon im Herbst 1914 rief die Stadtobrigkeit zum Fleischverzicht zu Gunsten der Frontsoldaten auf. Ab März 1915 gab es in Kempten ein Nachtbackverbot und wegen der Lebensmittelrationierungen kam es zur Einführung von Brot- und Lebensmittelmarken für Milch, Fett, Eier und andere Nahrungsmittel. Im gleichen Jahr forderte die Stadt wegen der Nahrungsmittelknappheit alle Fremden auf, Kempten zu verlassen. Die Käseindustrie in Kempten musste ihre Produktion zu großen Teil auf die Versorgung der Frontsoldaten umstellen. Da sich ab 1917 die Versorgungslage noch mehr verschlechterte, begann man in Kempten auf öffentlichen Wiesen Äcker und Gemüsegärten anzulegen. Unter diesen Umständen waren funktionierende Wochenmärkte nicht mehr möglich.

Auch nach dem ersten Weltkrieg verhinderte die immer noch bestehende englische Blockadepolitik eine Rückkehr zu gewohnten Viktualienmärkten bis 1919. Erst danach konnten die Wochenmärkte wie früher abgehalten werden. Aber schon kurze Zeit später kam es in den Zeiten der Hochinflation zwischen 1922 bis 1923 und der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre wiederum zu verheerenden wirtschaftlichen Einbrüchen, die sich auch auf die Wochenmärkte negativ auswirkten.

1 Kilo Schwarzbrot für 100.000 Reichsmark 

Zum Höhepunkt der Geldentwertung, der sogenannten „galoppierenden“ oder „Hyperinflation“ im August 1923, brachen die Marktbeziehungen nahezu zusammen. In dieser Phase beschleunigte sich die Geldentwertung so sehr, dass die Menschen, die am Vormittag ihren Lohn erhielten, das Geld so schnell wie möglich ausgeben mussten; denn bereits am Nachmittag hatte sich der Wert so verschlechtert, dass sie sich dafür kaum noch etwas kaufen konnten. Die Preise stiegen ins unermessliche. So kostete zum Beispiel am 16. August 1923 ein Kilo Schwarzbrot in Kempten 100.000 Reichsmark, kurze Zeit später stieg der Preis dafür in die Milliardenregion. Die Kemptener Wochenmärkte mussten unter diesen Bedingungen massive Einbußen hinnehmen.

1922 zog der Wochenmarkt während der Wintermonate von der Halle des Kornhauses in den Gewölbekeller dieses Hauses ein. Ob und wie lange er sich vor 1922 während des Winters in der 1896 errichteten Gewerbehalle in der Vogstraße 2 befunden hatte, ist unklar.

Auch die Weltwirtschaftskrise ab Oktober 1929 bis 1932 wirkte sich wegen der hohen Arbeitslosigkeit in Kempten und des daraus resultierenden Nachfragerückgangs negativ auf die Wochenmärkte aus. Eine Erholung trat dann ab 1933 ein.

Im Dritten Reich funktionierten die Wochenmärkte noch bis in die ersten Kriegsmonate hinein; obwohl schon ab 28. August 1939, also vier Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Kemptener Bürger Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für Benzin erhielten und wenig später die Reichskleiderkarte folgte. Sogar Kartoffeln, Obst und Gemüse durften in den ersten Monaten noch frei auf den Wochenmärkten verkauft werden. Beamte der Preisüberwachung kontrollierten auf den Kemptener Wochenmärkten die Einhaltung der Kriegsbestimmungen und der festgesetzten Preise.

Diese Verhältnisse änderten sich aber schon bald nach Kriegsbeginn. Wegen der Nahrungsmittelrationierungen und der zunehmenden Bedrohung durch feindliche Flugzeuge – so gab es in Kempen 627-mal Fliegeralarm und 16 Bombenangriffe – und der gegen Kriegsende immer stärker werdenden Tieffliegerangriffe, gab es keine Wochenmärkte mehr in Kempten.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg fanden anfangs noch keine Wochenmärkte in Kempten statt. Zunächst wurde sie von den Amerikanern eine Zeit lang verboten. Später scheiterte der Neustart, weil es schlichtweg keine Waren des täglichen Bedarfs gab, da alle Lebensmittel „bewirtschaftet“ und nur gegen entsprechende Berechtigungsmarken in vorher festgelegten stationären Geschäften abgegeben werden durften.

Wiederbelebung durch Währungsreform

Dies änderte sich fast schlagartig nach der Währungsreform am 20. Juni 1948. Dank der D-Mark geschah etwas schier Unglaubliches. Schon am ersten Markttag füllten sich die Warentische auf den Kemptener Viktualienmärkten mit Erzeugnissen, auf die man vorher jahrelang verzichten musste. Als dann 1950 die letzten Lebensmittelkarten abgeschafft wurden, traten wieder normale Verhältnisse auf den Wochenmärkten ein. Ab nun durften die Kemptener wieder ohne Einschränkungen auf ihren beliebten Viktualienmärkten am Hildegardplatz Obst, Gemüse und andere Lebensmittel sowie in der Anfangszeit auch noch lebende Tiere, wie Hühner und Hasen, aber dann auch schon bald die beliebten Südfrüchte erwerben. In den Wintermonaten diente der schon früher bewährte Gewölbekeller des Kornhauses noch bis 1998 als Markthalle. Im Jahre 1999 konnte der Wochenmarkt während der Winterzeit in die neue Markthalle am Königsplatz einziehen.

Ende 2012 begannen die Bauarbeiten zur Neugestaltung des Hildegardplatzes und im Juni 2014 wurde er im neuen Gewande der Öffentlichkeit übergeben. Während der Umbauarbeiten fanden die Wochenmärkte in den Sommermonaten an der Südseite des Residenzplatzes statt.

Dr. Wilhelm Vachenauer

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