"Entwicklung zieht den Verkehr an"

Baureferentin Monika Beltinger (links) erläutert die Pläne für die Trasse. Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann (v.l.), OB Dr. Ulrich Netzer und der Laubener Bürgermeister Berthold Ziegler hören aufmerksam zu. Foto: Kampfrath

ie geplante Nordspange in Kempten sorgt für Zündstoff in Lauben. Der Gemeinderat hatte im März die Pläne dafür abgelehnt. Am Dienstag vergangener Woche wagten sich der Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer (CSU) und Baureferentin Monika Beltinger gewissermaßen in die Höhle des Löwen. Sie und andere informierten im Gemeinschaftshaus „Birkenmoos“ die Laubener über die Auswirkungen des Mammut-Verkehrsprojekts.

Laut Netzer hätten die Einwendungen der Gemeinde verdeutlicht, dass es in Lauben Bedenken und Ängste gebe. Kempten und die Nachbargemeinden seien aber ein Wirtschaftsraum. Warum die Stadt Geld für die Nordspange ausgeben will, begründete Netzer folgendermaßen: Er zeigte zwei Luftbilder von Kempten aus den Jahren 1964 und 2006. Auf dem Bild von 1964 ist fast nur Ackerfläche im Kemptener Norden zu sehen. Das Luftfoto von 2006 zeigte hingegen, dass der Norden Kemptens ziemlich bebaut ist. Dort befindet sich zum Beispiel mittlerweile das Gewerbegebiet Ursulasried. „Die Stadt hat sich im Norden westlich und östlich der Iller stark entwickelt. Ohne dritten Übergang wird der Ring nicht mehr leistungsfähig sein, da er dann überlastet wäre“, sagte Netzer. Leute aus dem Norden westlich der Iller müssten den Umweg über den Ring nehmen, wenn sie in den Norden östlich der Iller fahren wollen. Die Anzahl der Autos pro 1000 Einwohner sei in Kempten rasant gestiegen, erklärte Baureferentin Monika Beltinger. Im Stadtgebiet gebe es eine starke Entwicklung bei den Verkehrszahlen. Als Beispiel nannte Beltinger die Kaufbeurer Straße. „Dort nahm die Verkehrsbelastung von 2002 bis 2008 um zehn Prozent zu.“ Während 2002 rund 55 000 Fahrzeuge in 24 Stunden den Berliner Platz passierten, waren es 65 000 im Jahr 2008. Laut einer Prognose würden ohne die Nordspange 2020 etwa 70 000 Fahrzeuge pro Tag über den Berliner Platz rollen. Mit der Nordspange rechne man für dasselbe Jahr mit zirka 62 500 Fahrzeugen in 24 Stunden. „Für die Nordspange verbinden wir bereits bestehende Straßen miteinander“, berichtete Beltinger weiter. Zum Beispiel werde die Porschestraße über einen Knotenpunkt angeknüpft. Die Baureferentin gab einen Einblick in den derzeitigen Planungsstand. Demnach seien alle Stellungsnahmen zum Bebauungsplanverfahren eingesammelt. „Die Erhöhnung und Erweiterung der Autobahnbrücke in der Zeppelinstraße steht nicht im Zusammenhang mit der Nordspange“, bekräftigte sie. Beide Baumaßnahmen könnten gar nicht gleichzeitig in Angriff genommen werden. Anhand einer Computersimulation präsentierte Markus Wiedemann, Tiefbauamtsleiter der Stadt Kempten, einen Film des Rundflugs über die Nordspange. „Der Straßendamm soll gleichzeitig als Hochwasserschutzdamm dienen.“ Die neu zu bauende Brücke über die Iller solle eine Spannweite von etwa 100 Metern haben. Struktur-Veränderungen „Jede Entwicklung eines Wohn- oder Gewerbegebiets zieht den Verkehr an“, meinte Reiner Neumann, Verkehrsgutachter der Modus Consult Ulm. Er begleite das Planungsverfahren zur Nordspange schon seit 2002. Die Befragungen seien für die Verkehrsplaner genauso wichtig wie die Erhebungen. 2008 seien rund 84 000 Fahrzeuge täglich auf der OA19 in Richtung Heising unterwegs gewesen. Auf derselben Strecke habe es in dem Jahr pro Tag rund 850 Fahrten im Güterschwerverkehr gegeben. Dies gehe besonders auf die Lkws der Käserei Champignon, des Kieswerks Brutscher und von Maha Maschinenbau zurück. Bei der OA19 werde es keine spürbaren Veränderungen durch die Nordspange geben. Die Region werde sich strukturell noch verändern. „Die Nordspange bündelt rund 10 000 Kraftfahrzeuge in 24 Stunden“, so der Diplomingenieur. Entlastet würden die Leubaser Straße, die Heisinger Straße und die Kaufbeurer Straße mit dem daran abschließenden Abschnitt der B19. Auf der Memminger Straße und der Dieselstraße werde der Verkehr hingegen durch die Nordspange zunehmen. Im Schwerpunkt würden die Verkehre also verlagert. „Die Zahl der Mautflüchtlinge wird noch mehr steigen“, rief ein Mann aus dem Publikum dazwischen. „Der Gemeinderat ist sich sicher, dass die Ausweitung der Brücke in der Zeppelinstraße Auswirkungen für Lauben haben wird“, betonte Berthold Ziegler, Bürgermeister der Gemeinde. Auch er glaubt, dass dann mehr Lastwagen durch Heising oder Lauben fahren werden, um zur Autobahnauffahrt in Dietmannsried zu gelangen. Er habe bei der Autobahndirektion angefragt. „Man sagte mir, dass die Verbreiterung der Zeppelinbrücke gar nicht nötig sei. Ein Radweg könne einfach angehängt werden“, so Ziegler. Allein die Lastwagen der Firma Logwin führen 240-mal am Tag über Heising. Weiterhin skeptisch „Niemand bestreitet, dass Sie in Heising eine hohe Belastung durch den Lkw-Verkehr haben“, sagte Netzer. Doch die Firmen der Lastwagen kämen aus dem Gewerbegebiet östlich der Iller, was mit der Nordspange nichts zu tun habe. „Die Mitarbeiter von Dachser in der Memminger Straße arbeiten im Büro und sind damit Pkw-Leute.“ Auch die Laubener würden, je nachdem wo sie wohnen, die Nordspange nutzen. Zudem sei die Zeppelinbrücke hauptsächlich Sache der Autobahndirektion. „Vor der Erweiterung der Brücke reden wir noch einmal miteinander“, empfahl er Ziegler. Dieser schlug Netzer eine öffentliche Vereinbarung vor, wonach die Zeppelinbrücke nicht vor 2016 erweitert werden soll. „Die Hälfte der Lkw, die durch Heising fahren, haben nichts mit Champignon, dem Kieswerk oder Maha zu tun. Wir müssen nach Maßnahmen suchen, um dies zu verhindern“, so Neumann. Tempo 30 sei jedoch keine Lösung. Trotz der vielfältigen Informationen blieben einige der anwesenden Laubener skeptisch gegenüber der Nordspange.

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