"Laudato si"

Entwicklungsminister Müller zur Erhaltung der Schöpfung in der Politik

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, sprach auf Einladung von Pfarrer Dr. Bernhard Ehler am Freitagabend im Pfarrsaal von St. Lorenz.

Kempten – „Die Religion hat die Kraft, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

Die Kirchen müssen da mutiger und hörbarer vortreten“, betonte der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, vor Kurzem, noch vor den derzeitigen Beschränkungen, im Pfarrsaal von St. Lorenz. Rund 130 Zuhörer folgten zunächst den Ausführungen von Pfarrer Dr. Bernhard Ehler zur zweiten Enzyklika des Papstes „Laudato si“, in der die Gefährdung unseres Planeten und die Verantwortung der Menschen für die Sicherung künftiger Lebensmöglichkeiten beschrieben wird. Anschließend beleuchtete der Bundesminister unter großer Zustimmung der Anwesenden „Was Politik und Kirche für die Erhaltung der Schöpfung tun können“.

„Der Mensch bezieht alles auf sich und versteht nicht, dass er Teil der Schöpfung ist“, nahm der Stadtpfarrer Bezug auf die Enzyklika. Dieses Papstschreiben habe vor fünf Jahren Gläubigen die Schritte aufgezeigt, die in eine bessere Richtung führen können. Bei einer Analyse der Fakten werde klar, dass der Klimawandel die ganze Welt betreffe – er falle jedoch am stärksten auf die Ärmsten zurück, so Ehler. Weitere Themenbereiche der Enzyklika beziehen sich auf die ganzheitliche Ökologie, auf die Leitlinien zum richtigen Handeln sowie die ökologische Erziehung und Spiritualität. „Die Umwelterziehung darf nicht vergessen werden“, fuhr Ehler fort. 

Denn Gott habe uns die Kraft gegeben, etwas zu ändern, erklärte er auf die Frage, was das mit Gott zu tun habe. Ein kurzer Film porträtierte anschließend die Arbeit des Bundesministers Dr. Müller. „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“, überschrieb er seine Ausführungen zur Bevölkerungsentwicklung. Die derzeitige Weltbevölkerung von 7,7 Milliarden Menschen wachse täglich um 230.000 Neugeborene – rein rechnerisch komme innerhalb einer Woche somit einmal die Einwohnerzahl von München hinzu, veranschaulichte der Minister. Der Zuwachs geschehe in Afrika, wo es im Jahr 2050 zwei Milliarden Babys geben werde. „Der Kontinent verdoppelt sich“, prognostizierte Dr. Müller. Daher stehe man heute an einer Weggabelung. „Entweder wir bauen an einer gemeinsamen Zukunft und handeln jetzt, oder es gibt keine!“ 

Der Bundesminister ging weiter auf das Schicksal der vergessenen Kinder der Rohingyas und das Elend der zig Millionen Flüchtlinge ein. „Die Flüchtlinge dürfen nicht vergessen sein“, appellierte er an die interessierten Zuhörer. Christen stünden für Frieden und Versöhnung in der Welt, stellte Müller fest. „Stoppt den Rüstungswahnsinn. Mehr Militär schafft nicht mehr Frieden!“, appellierte er an die Anwesenden unter Applaus. Jeder Mensch habe das Recht auf ein Leben in Würde. „Wir müssen aufstehen gegen Hass und Ausgrenzung“, so der Minister. Im täglichen Leben könne jeder mit bewussterem Kauf von Kleidung und Lebensmitteln zu mehr Gerechtigkeit für Arm und Reich beitragen. Dies zeigte er am Beispiel von Teepflückerinnen mit einem Tageslohn von 1,6 Dollar auf. „Und wir kaufen Tee beim Discounter für 17 Cent“, ereiferte sich der Minister, der zu „fair trade“ aufrief, und ein mit Arbeitsminister Hubertus Heil geplantes Lieferkettengesetz begrüßte. 

Auch die Bekämpfung des Hungers in der Welt könne gemeinsam bewältigt werden. „Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir müssen es nur wollen“, führte er aus. Das Thema Klimaschutz sei zu einer Überlebensfrage geworden, betonte der Entwicklungsminister. Daher freue er sich besonders, dass Kempten die erste klimaneutrale Stadt werden wolle, wandte er sich an die Stadtratsmitglieder im Publikum. Wichtig sei ihm, dass der Starke dem Schwachen helfe. Das sei schließlich auch das christliche Prinzip. „Wir müssen die Globalisierung der Gleichgültigkeit überwinden“, forderte Müller. Die Zukunft brauche Werte und Orientierung. Wenn man sich die zehn Gebote anschaue, benötige man keine Gesetze. „Frieden mit dem Planeten in Balance und nicht immer weiter und schneller. Das ist es, was wir brauchen“, betonte der Minister. 

Die Reichen sollten sich von der Macht und Gier des Geldes befreien, die Armen den Mut zum Überleben haben und die Schwachen sich mehr zutrauen. Auch in dieser Hinsicht sei es gut, „die Kirchen an unserer Seite zu haben“, schloss Dr. Gerd Müller seinen Vortrag. In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem die Themen Lieferketten, grüner Knopf in der Textilbranche, Militärausgaben, der europäische „Clean Deal“, Sonnenenergie als Lösung der Energieversorgung in Afrika, Forschung auf dem Gebiet Wasserstoff und Methanol, Spekulationsabgabe im Börsenhandel sowie Digitalsteuer behandelt. Gastgeber Monsignore Ehler schloss mit den Worten: „Allen, denen Werte am Herzen liegen, sollten auch für diese eintreten.“ 

Sabine Verspohl-Nitsche

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