"Entwürdigung des Menschen"

Stellten sich nach ihren Kurzvorträgen zu Humanismus noch einer angeregten Diskussion: Willi Drach (v.l.), Dipl. Psychologe und Mitglied des Senats der Vereinigten Großlogen von Deutschland, Dr. Andreas Grabenstein vom Institut Persönlichkeit und Ethik und Dr. med. Klaus Hammerschmid, Mediziner und Ökonom. Foto: Tröger

Ein moderner Humanismus sei „Rückbesinnung auf die Würde des Menschen und seine Verantwortung, diese Welt menschenwürdig zu gestalten“, begrüßte Wolfgang Böhm, Vorsitzender der Kemptener Freimaurerloge „Zum Hohen Licht“, die rund 50 Gäste des mit dem Förderkreis Humanität gemeinsam veranstalteten Symposiums „Humanismus – eine notwendige Utopie“. Wie bei Freimaurern üblich, lieferten die drei Vorträge zu christlich-ethischen, medizinisch-sozialethischen und freimaurerisch-humanistischen Blickwinkeln auf die humanistische Idee keine Antworten.

Vielmehr standen am Ende der Vorträge im Kleinen Kornhaussaal Impulse für einen konstruktiv-kritischen Diskurs, moderiert von Dr. Thomas Henkel. Bereits vor 40 Jahren habe der Humanist Erich Fromm in der ökonomischen Krise eine „Krise der Menschheit erkannt“, gab Böhm als Gedanken vorab und stellte mit Blick auf die Menschen sowie das Leben die Sinnhaftigkeit einer steten Maximierung in Frage. Die zunehmende Ökonomisierung – auch im Sozialen, in Kultur, öffentlichem Raum – sowie die Reduzierung des Menschen auf die Faktoren Arbeit und Konsum, komme „einer Versachlichung des Menschen und damit einer Entmenschlichung“ gleich. Dagegen zeichne das Streben nach dem Humanen „die feine Trennlinie zwischen zivilisatorischem Fortschritt und drohendem Rückfall in die Barbarei“. Für den Theologen und Management-Coach Dr. Andreas Grabenstein spielte das zehnte Gebot aus dem Alten Testament „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut“ eine zentrale Rolle. Werbung wie die einst populäre „Mein Haus, mein Auto, mein Boot...“ nahm er als Indiz dafür, „wie weit weg wir von diesem Gebot sind“. Der Paradigmenwechsel sei mit der Zinslockerung in der Renaissance eingeleitet worden, zeigte er sich überzeugt. „Wehe dem, der heute noch mit einem zehn Jahre alten“ Handy telefoniere statt mit dem neuesten Smartphone: „Woher soll denn dann das Wachstum kommen?“ spottete er. „Begehren“ verband er mit „Konkurrenz“, „Streben“ mit dem Blick auf die eigene Entwicklung und den Menschen als Kooperationspartner. Das zehnte Gebot sei keine „Spaßbremse“, sondern als Schutz, um nicht zur „x-ten Kopie eines Erfolgsmodelles“ zu werden und stattdessen nach eigenen Begabungen und Zielen zu fragen. Zweckfreie Bildung „Mehr Selbstverantwortlichkeit“ nach Vorbild der Netzwerke von Eltern kranker Kinder sah Dr. med. Klaus Hammerschmid, Mediziner und Ökonom, als richtige Antwort darauf, dass der Wohlfahrtsstaat dafür gesorgt habe, dass die Menschen ihre Souveränität abgeben. Die Kosteneinsparungen, bei denen „nicht mehr das Wohl der Menschen“, sondern „Wirtschaftsinteressen vertreten werden“, würden im „Gutmenschentum“ oder „Solidaritätsprinzip“ versteckt. Den Mangel an Humanität in der Praxis machte er unter anderem am Beispiel „Bestandschutz“ greifbar – einmal genehmigte Leistungen könnten auch bei Bedarfsänderung nicht mehr rückgängig gemacht werden, während Menschen mit Bedarf Leistungen verwehrt würden. Oder dem Aktionismus der Politiker, die pünktlich vor dem Wahljahr unsere „künftige Demenz-Gesellschaft“ für sich entdeckt hätten. Wie in der Wirtschaft üblich, von „Humankapital“ zu sprechen, „ist für mich schon die Entwürdigung des Menschen“, meinte er. „Bildung soll zweckfrei sein“, betonte Willi Drach, Dipl. Psychologe und Mitglied des Senats der Vereinigten Großlogen von Deutschland in seiner humanistisch-freimaurerischen Sicht. Darin seien Menschen „grundsätzlich gleichwertig“, von Natur aus weder gut noch böse, lernfähig, jeder auf seine Weise permanent auf der Suche nach Sinn und Glück, begrenzt und „nicht nur Teil, sondern auch Gestalter eines Systems“. Das Freimaurertum sei „kein Wertesystem“, sondern liefere „Anleitung zum Handeln“ und habe mit dem Humanismus viel gemein. Das System der Bruderschaft zeige die Ausrichtung auf „lebenslange Entwicklung“, mit dem Ziel der „Selbsterkenntnis und Selbstfindung“. Es sei ein Spiel von Fragen, auf die es keine Antworten gebe, da sie „individuell gefunden werden müssen“. Als wesentliche Bausteine führte er an: handlungsbetonter Optimismus, Mut zu Ungarantiertheit, wissend-konkrete Hoffnung. Seien diese drei Punkte in einer Loge spürbar“, dann sei sie fähig den Freimaurergedanken umzusetzen und einen Beitrag zu leisten auf dem Weg von „wünschenswerten zu praktizierten Utopien“. Näheres zu den Freimaurern kann noch bis 28. Oktober 2012 in der Ausstellung „Im Geist der Aufklärung – 225 Jahre Freimaurer im Allgäu“ ergründet werden. Geöffnet ist die Ausstellung donnerstags und sonntags zwischen 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr und während der Allgäuer Festwoche täglich 10 bis 18 Uhr, im Zumsteinhaus.

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