Entzückendes Rokoko in den Römerthermen

Der Orchesterverein trifft beim Sommerkonzert den richtigen Ton

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Ein Sommerkonzert mit ganz besonderem Ambiente: Der Kemptener Orchesterverein spielt zwischen römischen Artefakten.

Kempten – Die kleinen Thermen des Römerbezirks boten vergangenen Samstagabend wieder einmal eine besondere Bühne für das Sommerkonzert des Kemptener Orchestervereins. Bewegliche Stühle waren an allen irgendwie geeigneten Flächen zwischen den architektonischen Ausgrabungsresten aufgestellt und bis auf den letzten Platz mit einem erwartungsfrohen und zumeist älteren Publikum besetzt, als die Musiker und schließlich die Leiterin Mary Ellen Kitchens das Podium im vorderen Teil der Ausstellungshalle betraten.

Hier waren an diesem Abend keine Raumprobleme zu lö- sen, denn das Orchester war zu einer reinen Streicherbesetzung verkleinert, lediglich ergänzt von zwei Flöten und zwei Hörnern. Später kam dann noch ein (elektrisches) Cembalo als Basso-Continuo-Instrument hinzu. Einige einführende Worte durch die Leiterin zum Programmablauf, dann begann das Konzert. 

Nach der etwas heterogenen Zusammenstellung beim Frühjahrskonzert des Orchestervereins im April gab es an diesem Abend eine Programmauswahl wie aus einem Guss. Heitere Gebrauchsmusik aus dem 18.Jahrhundert, die am Vorabend der Wiener Klassik zwar weder an die Tiefe und das Gewicht der größten Werke jener Musikepoche heranreichte, aber von hohem Unterhaltungswert und genau die passende Musik für einen lauen Sommerabend war. M

it der Sinfonie in C-Dur, op.12 Nr.3 von Luigi Boccherini hörte man gleich zu Beginn ein sehr abwechslungsreiches und eingängiges Orchesterstück, das viel orchestralen Wohlklang versprühte. Besonders der zweite Satz, ein Andantino amoroso, gelang den Musikern des Orchestervereins hinreißend. Boccherini ist der einzige nennenswerte Sinfoniker Italiens des späten 18. Jahrhunderts. Bereits in seiner Jugend nahm er Einflüsse des frühen Haydn und der Mannheimer Schule auf und formte daraus seine von Grazie und schwärmerischer Melodik geprägte Musik. 

Guiseppe Torellis ein gutes halbes Jahrhundert früher komponiertes, nur siebenminütiges Trompetenkonzert in D-Dur entführte den Zuhörer dann in die höfisch-herrschaftliche Barockmusik des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Torelli hat innerhalb der Musikgeschichte die musikalische Formensprache bedeutend weiterentwickelt, und so ist in diesem kurzen Stück bereits die Anlage des späteren Solokonzerts erkennbar. 

Mit der ehemaligen Jugend-Musiziert-Bundespreis-Siegerin Katrin Bertsch-Weber an der Trompete trat eine Solistin zum Orchester auf die Bühne, die durch ihr strukturiertes und intonationsreines Spiel die fünf kurzen Teile des Stücks zu einer hörbaren Einheit gliederte. 

Die weiterentwickelte Form des Solokonzerts bekam man dann beim nächsten Stück dargeboten: Domenico Cimarosas Oboenkonzert in C-Dur, allerdings gewissermaßen aus zweiter Hand, hatte doch der australische Komponist Arthur Benjamin 1942 aus verschiedenen Klaviersonaten Cimarosas dieses Oboenkonzert zusammengestellt. Der Lieblichkeit der Melodielinien Cimarosas tat dies keinen Abbruch, und mit Víktor Marín Román, spielte ein spanischer Musiker die Oboe, der bereits in seinen jungen Jahren mit der Überzeugungskraft eines erfahrenen Konzertsolisten den Orchesterverein durch die vier Sätze führte. 

Nach einer längeren Pause, die vom Publikum lebhaft genutzt wurde, bei einem Glas Sekt im Freien nicht nur musikalisch das besondere Ambiente dieses Aufführungsortes zu genießen, ging es musikalisch stimmig weiter. Sowohl was die Entstehungszeit betrifft als auch besetzungstechnisch mit den beiden anwesenden Solisten des Abends bot sich der deutsche Komponist des „empfindsamen“ vorklassischen Stils Johann Michael Hertel mit seinem Doppelkonzert für Trompete und Oboe an. Beim zuhörenden Eintauchen in das Stück zeigte sich, wie persönliche Nähe der Musiker zu einem sehr innigen Zusammenspiel und einer stimmigen und ausgewogenen musikalischen Interpretation führen kann. Gerade die Solisten stehen ja bei einem Doppelkonzert nicht nur im Zwiegespräch mit dem Orchester, sondern auch miteinander, und sollten wie mit einer Stimme musizieren. Das taten sie dann auch und machten aus Hertels Komposition einen feinen Ohrenschmaus. 

Zum Abschluss – wie schön gewählt – eine frühe Mozartsinfonie, die zwar noch nicht die Tiefe von Mozarts Spätwerk in sich trägt, aber alles, was musikalisch an diesem Abend vorher zu hören war, vereinte und für die neue musikalischen Epoche bereithielt. Der Orchesterverein spielte engagiert und empfindsam und formte eine echte Sinfonie aus den Noten des fünfzehnjährigen Mozart. 

Als kleine Zugabe gab es dann ein Werk der einzigen Frau des Abends, wie Mary Ellen Kitchens anmerkte, die Ouvertüre zu einer namenlosen Oper der Venezianerin, die nach Wien ausgewandert ist, Maria Margherita Grimani. Wieder einmal bereitete es großes Vergnügen, den engagierten Musikern des Orchesterverein zuzuhören. Sie spielten gut, zuweilen sehr schön (namentlich das Andantino amoroso aus der Boccherini-Sinfonie und das ganze Oboenkonzert waren sehr gut gelungen), über die Intonationsschwierigkeiten der hohen Streicher an besonders „gefährlichen“ Stellen (3.Satz Boccherini, Beginn der Mozartsinfonie) legen wir den Mantel des Schweigens.

Jürgen Kus

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