Mein erstes Mal…

… beim Blutspenden. Ein Erfahrungsbericht mit Hindernissen

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Die Spender haben Freude am Spenden und sind sich einig: „Es tut nicht weh, es geht schnell (alles in allem circa eine Stunde) und ich kann damit Leben retten.“ Wenn das nicht Gründe genug sind.

Oberallgäu – Kürzlich fiel mir in einem Wartezimmer eine Broschüre des Blutspendedienstes des BRK in die Hände. „94 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung hält Blutspenden für wichtig“, steht da geschrieben.

„Klar, keine Frage“, denke ich. Weiter heißt es: „60 Prozent würden auch Blut spenden gehen“. Ich nicke innerlich. Dann der entscheidende Satz: „3,5 Prozent spenden tatsächlich Blut“. Ertappt. Blutspenden war für mich bis heute eine Sache, die ich „eiiigentlich schon lange mal machen will“ – aber „iiirgendwie“ noch nie getan habe. Das soll sich nun ändern. Ich beschließe: Beim nächsten Blutspendetermin in meinem Wohnort bin ich dabei. Und als Angehörige der schreibenden Zunft werde ich darüber berichten, um möglichst viele Menschen, die sich gerade ebenso ertappt gefühlt haben, anzuspornen, ihrem „Eiiigentlich“ die Zähne zu zeigen. Doch mein „erstes Mal“ hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt…

Die erste Überraschung erlebe ich, als ich die Dietmannsrieder Grund- und Mittelschule betrete, in der die Blutspende stattfindet. Organisiert hat diese der Ortsverband Dietmannsried des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Durchgeführt wird sie vom gemeinnützigen Blutspendedienst des BRK Augsburg, der die gesamte medizinische Ausrüstung stellt und auch die Krankenschwestern und Ärzte vor Ort organisiert. Insgeheim hatte ich mit gähnender Leere und händeringend auf Spender wartenden Helfern gerechnet. Stattdessen empfängt mich geschäftiges Treiben – und eine lange Wartschlange vor dem Zimmer, in dem das ärztliche Beratungsgespräch stattfindet, das jeder Blutspende vorausgeht. Menschen mit weißen Pflastern am Ohrläppchen und Druckverband am Arm stehen am Getränkespender oder plaudern in der zur Imbissstube umgewidmeten Schulküche, in der auch für jeden Spender ein kleines Geschenk wartet. „Da werde ich nachher auch dabei sein“, denke ich halb freudig, halb bang. Denn es gibt ein, zwei Dinge, die mir lieber sind als Spritzen und Nadeln. Aber wären alle Menschen so zimperlich, wären ein naher Verwandter und eine Freundin von mir nicht mehr am Leben. Ersterer hatte bei einem schweren Autounfall viel Blut verloren, letztere bei einer Geburt mit Komplikationen. Beide überlebten unter anderem dank Bluttransfusionen. Also sei´s drum.

Tätowierung, Akupunktur, Impfung?

Die Räume sind bestens ausgeschildert, so weiß ich auch als Neuling sofort, wo ich zuerst hin muss. In einem Raum werden von einem jungen Helfer meine Personalien aufgenommen (Wichtig: Personalausweis, Reisepass oder Führerschein dabei haben!). Ich erhalte ein Informationsblatt und einen Fragebogen. Angesichts einiger der 31 Fragen schwant mir allerdings, dass das hier anders verlaufen könnte als geplant. „Wurden Sie in den letzten drei Monaten geimpft?“, heißt es da. Ich denke an meinen kleinen Gartenunfall vor ein paar Wochen mit anschließender Tetanusauffrischung. „Hatten Sie in der letzten Woche eine zahnärztliche Behandlung oder professionelle Zahnreinigung?“ Jaa, auch das. „Wurde in den letzten vier Monaten bei Ihnen eine Tätowierung, Akupunktur oder Body Piercing durchgeführt? Wurde bei Ihnen in den letzten vier Monaten das Ohrläppchen durchstochen?“ Ich wundere mich – ist so etwas relevant? „Hielten Sie sich in der Zeit vom 1.1.1980 bis 21.12.1996 länger als sechs Monate im Vereinigten Königreich Großbritannien oder Nordirland auf?“ Ich wundere mich noch mehr. Letztlich sieht es so aus: Die Zahnreinigung wäre nur ins Gewicht gefallen, wenn sie am Vortag gewesen wäre. Auch die Tetanusimpfung ist kein Ausschlusskriterium (anders sähe es bei bestimmten anderen Impfstoffen aus). Die Großbritannien-Frage hat mit BSE zu tun. Was meinen noblen Plänen den Garaus macht, ist ein Medikament, das ich aufgrund einer chronischen Erkrankung regelmäßig einnehme. „So lange Sie das nehmen, dürfen Sie leider nicht spenden, zur Sicherheit der Empfänger“, klärt mich eine freundliche Ärztin im vertraulichen Gespräch auf, dankt mir aber, als sie meinen enttäuschten Gesichtsausdruck sieht, für meine grundsätzliche Bereitschaft. War wohl nichts mit dem geplanten Selbsterfahrungsbericht. Schade. Dann halt Fremderfahrung.

Der größte Kühlschrank Deutschlands

Hierbei steht mir Peter Rau mit seinem Wissen zur Seite. Der 65-jährige Dietmannsrieder ist seit 44 Jahren ehrenamtlich beim BRK aktiv und ist maßgeblich an der Ausrichtung des vierteljährlich stattfindenden örtlichen Blutspendetages beteiligt. Er zeigt mir den Klassenraum, in dem auf sieben transportablen Entnahmeliegen die Blutspende stattfindet. Unterhaltungen finden hier im Flüsterton statt. „Bei der Blutspende werden jedem Spender circa 500 Milliliter (ml) Blut entnommen. Das dauert gut zehn Minuten“, erklärt Rau. Bei der 27-jährigen Christina sind bereits 476 ml dunkles Blut aus ihrer Armvene durch den Plastikschlauch in den Beutel mit der Nährflüssigkeit und dem Gerinnungshemmer geflossen. Sie spendet heute zum 16. Mal. „Es tut nicht weh, es geht schnell und ich möchte ja schließlich auch Hilfe, wenn mir selber mal was passiert“, begründet sie ihr Engagement. Gertrud (51) spendet seit 16 Jahren dreimal pro Jahr. Sehr zur Freude des Blutspendedienstes, denn Gertrud hat Blutgruppe 0 negativ, eine der seltensten, die zugleich mit den meisten Blutgruppen kompatibel ist. Sie sagt: „Ich tue es, um zu helfen.“ Sie fühle sich „hinterher immer richtig gut, wesentlich vitaler, wenn ihr Körper neues Blut bilde.“ Neben jeder besetzten Liege schwappt auf einer Art elektrischer Wippe der Beutel mit Blut. „Das Blut muss bewegt werden, damit es nicht gerinnt“, so Rau. Alle Blutbeutel kommen sofort in den draußen wartenden Spezial-LKW mit Kühlung. Am Abend werden sie ins unterfränkische Wiesentheid gebracht, in die Blutbank des Blutspendedienstes, oder, wie Rau sagt, „den größten Kühlschrank Deutschlands“ mit 240.000 Lagerplätzen für Plasma-Beutel. Hier wird das Blut in Erythrozyten, Thrombozyten und Plasma aufgeteilt („mit jeder Blutspende kann man also drei Menschen helfen“) und bis zu einem Vierteljahr gelagert, oder aber vorher von Krankenhäusern angefordert.

Bayern braucht pro Jahr 730.000 Blutspenden

Laut BRK werden allein in Bayern täglich circa 2000 Blutspenden benötigt. In ganz Deutschland sind es 15.000. „Gibt es denn überhaupt so viele Spender?“, will ich wissen. „Hier in Dietmannsried haben wir zum Glück immer viele“, bejaht Peter Rau und verrät: „Bei uns gibt es hinterher außer Kaffee und Butterbrezen auch noch Wienerle. Die sponsern lokale Firmen. Das haben sie in den anderen Orten nicht.“ Aber insgesamt bräuchte man natürlich viel mehr Spender. „Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie selbst einmal auf eine Blutspende angewiesen sein könnten“, bedauert er. Denn Spenderblut wird, das wusste ich nicht, am häufigsten zur Behandlung von Krebspatienten eingesetzt, gefolgt von Herz-, Magen- und Darmerkrankungen. Lediglich zwölf Prozent aller Blutprodukte helfen bei Verletzungen aus Unfällen (Quelle: DRK-Blutspendedienst). „Es gibt immer zwei Engpässe im Jahr: An Pfingsten, wenn die Motorradsaison beginnt und im August, in der Hauptreisezeit“, so Rau. Tatsächlich werden am Ende der heutigen vierstündigen Aktion 105 Menschen Blut gespendet haben. Immerhin. Ich war leider keiner von ihnen.

Die nächsten Blutspende-Termine

• Durach: 6.12.,17–20.30 Uhr, Grund- und Hauptschule

• Dietmannsried: 8.12., 16.30–20.30 Uhr, Grund/Mittelschule

• Kempten, 12.12., 11–17 Uhr, Fachhochschule-Blutspendemobil

• Altusried, 13.12., 17–20.30 Uhr, Grund- und Mittelschule

• Kimratshofen, 20.12., 17– 20.30 Uhr, Volksschule

Umfangreiche Infos gibt es unter www.drk-blutspende.de.


Sabine Stodal

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