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Erfreuliche Kriminalstatistik, aber erschreckend viele Betrüger am Telefon

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Um 200.000 Euro erleichterten Betrüger 2017 einen Mann aus dem Oberallgäu, indem sie sich am Telefon als Kriminalbeamte ausgaben und ihn davon überzeugten, sein Vermögen sei in Gefahr.

Kempten/Allgäu – Die Menschen im Südwesten Bayerns leben nach wie vor in einer der sichersten Regionen Deutschlands. Nicht ohne Stolz verkündete dies Werner Strößner, Behördenleiter des Polizeipräsidiums (PP) Schwaben Süd/West, als er am Mittwoch die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2017 veröffentlichte.

Um messbar zu machen, wie hoch die Gefahr von Verbrechen in einem Gebiet ist, berechnet die Polizei stets die sogenannte „Kriminalhäufigkeitszahl (KHZ)“. Dabei handelt es sich um die Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner. Das Gebiet des Polizeipräsidiums (PP) Schwaben Süd/West hat mit 4487 (2016: 4498) eine der niedrigsten KHZ im Freistaat. Gesamtbayern liegt hier bei 4868; Berlin bei 15.000.

Das Gebiet des PP Schwaben Süd/West umfasst die Landkreise Lindau, Ober-, Ost- und Unterallgäu sowie Neu-Ulm, Ulm und Günzburg. Auch die Kreisfreien Städte Memmingen, Kaufbeuren und Kempten zählen zu diesem Bereich. Und um nur 0,3 Prozent sind die registrierten Straftaten in Strößners Zuständigkeitsbereich vergangenes Jahr gestiegen. Insgesamt wurden dort 43.193 Straftaten verübt. 2016 waren es 43.055. In ganz Bayern gingen die Fallzahlen sogar um rund 30 Prozent zurück.

Aber auch in Südschwaben gab es sinkende Fallzahlen. Der „bereinigte Wert“ nahm um 1,35 Prozent ab. Das ist die Zahl der Straftaten ohne jene, die nur von Ausländern verübt werden können. „Diese positive Entwicklung zeichnet sich schon die letzten Jahre ab und ist den hervorragenden Ermittlungen meiner Mitarbeiter zu verdanken“, sagte Strößner. Neben den Verstößen gegen das Asyl- und Aufenthaltsgesetz werden beim bereinigten Wert auch Vergehen von beispielsweise ausländischen LKW-Fahrern auf der Durchreise, Touristen und Gastarbeitern herausgerechnet.

Und auch die Aufklärungsquote steigerten die Beamten abermals um 1,5 Prozentpunkte. „Der Wert von etwa 72 Prozent aufgeklärter Fälle ist der beste seit zehn Jahren“, verkündete der leitende Kriminaldirektor Albert Müller.

Der positive Trend zieht sich durch fast alle Kriminalitätsbereiche hindurch. Sowohl die Straßenkriminalität (-2,5 Prozent), sprich alle Delikte im öffentlichen Raum, Rauschgiftkriminalität (-11 Prozent) als auch Diebstähle (-6 Prozent) haben allesamt abgenommen. Besonders freute die Beamten der Rückgang der Wohnungseinbrüche von 503 auf 431 Fälle (-14 Prozent).

Falsche Polizeibeamte am Telefon

Sorgen bereiteten ihnen allerdings die Vermögens- und Fälschungsdelikte, die in Südschwaben um rund vier Prozent gestiegen sind, während es in Bayern etwa fünf Prozent weniger Fälle gewesen waren. Besonders problematisch sind hier die Anrufe von falschen Polizeibeamten, Richtern oder Rechtsanwälten, die ähnlich wie beim Enkeltrick bei älteren Menschen anrufen und vorgaukeln, deren Vermögen sei in Gefahr. Sie bringen sie dann dazu, ihnen ihr Geld und ihren Schmuck zu übergeben, und sogar dem Bankangestellten zu misstrauen. 

Die Opfer sehen auf ihrem Display meist die 110 als Nummer des Anrufers. Waren es im Jahr 2016 noch 30 solcher Straftaten, stieg die Zahl 2017 auf 260. Und alleine am Tag vor der Pressekonferenz seien im PP Süd/West vier solcher Fälle gemeldet worden. Die Polizei vermutet die Drahtzieher in der Türkei und beschäftigt sich in einer bayernweiten Arbeitsgruppe mit dem Thema. „Das Perfide an dem Trick: Das Vertrauen in die Polizei und in die Notrufnummer 110 wird missbraucht und gefährdet“, sorgte sich Müller. „Fremde Autos, die mehrfach im Wohngebiet unterwegs sind, Personen, die nicht im Viertel wohnen“: Intensiv warben er und Strößner wieder dafür, beim kleinsten Verdacht, die 110 anzurufen. Mit ihren Hinweisen hätten auch im letzten Jahr viele Bürger bei der Aufklärung von Fällen geholfen.

Mehr Raub, Mord, Totschlag und Verletzungen

Auch die Gewaltverbrechen haben 2017 wieder zugenommen. Mit 1447 Delikten liegt die Zahl auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Ganze 84 Prozent nehmen hier die gefährliche und schwere Körperverletzung ein. Rund ein Drittel der Täter waren bei Gewaltverbrechen betrunken. „Traditionell sind jugendliche Täter (27 Prozent) bei Gewaltverbrechen überproportional oft vertretenen“, sagte Müller. Ihr Bevölkerungsanteil liegt bei rund sieben Prozent. Genauso sieht es hier bei ausländischen Tatverdächtigen aus (rund 45 Prozent, Bevölkerungsanteil: zwölf Prozent).

Erneut räumte Behördenleiter Strößner mit dem Vorurteil aus, dass Flüchtlinge für einen Großteil der Kriminalität verantwortlich seien. „Seit 2009 bewegen sich die Zahlen der Straftaten ungefähr zwischen 42.000 und 43.000 und sind mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 nicht signifikant gestiegen“, erklärte er. Genaue Aussagen zu diesem Thema seien schwierig, weil der Anteil der ausländischen Bevölkerung täglich schwanke. 

50 Prozent der Straftaten von Flüchtlingen richteten sich gegen andere Asylsuchende in Unterkünften, wo sie oft sehr beengt mit Menschen unterschiedlichster Nationen leben müssten. „Außerdem sind die Flüchtlinge meist männlich und jugendlich, dieser Anteil ist im Bereich der Gewaltverbrechen traditionell hoch“, stellte Müller klar.

Die Zunahme im Bereich der Sexualdelikte um 17 Prozent von 436 auf 510 Fälle erklärte der leitende Kriminaldirektor mit der 2016 geänderten Rechtslage. Für den Tatbestand der Vergewaltigung ist jetzt nicht mehr die Ausübung von körperlicher Gewalt ausschlaggebend, sondern allein die Handlung gegen den Willen des Opfers, nach dem Stichwort „Nein heißt nein“.

Und auch bei der Cyberkriminalität, die auf den ersten Blick mit sinkenden Fallzahlen daherkomme (2016: 892; 2017: 818), sei Vorsicht geboten. Zwei Drittel der Taten würden im Ausland verübt und fließen nicht in die Statistik mit ein. In den Polizeiinspektionen Neu-Ulm, Memmingen und Kempten sind jetzt sogar eigene Kommissariate gegen die Netzkriminalität eingerichtet worden. 22 Kollegen beschäftigen sich mit dem Thema. 

Gesamtkriminalität 2017 nach Regionen (2016)

Lkr. NU

7744

(7734)

Lkr. GZ

4975

(5316)

Lkr. OA

4914

(5199)

Lkr. OAL

4811

(4237)

Lkr. UA

4308

(3977)

Lkr. LI

6307

(6302)

Stadt Kempten

4486

(4699)

Stadt Kaufbeuren

2765

(2559)

Stadt Memmingen

2886

(3032)

Häufigkeitszahl (KHZ) nach Region 2017 (2016)

Lkr. NU

4528

(4541)

Lkr. GZ

4028

(4317)

Lkr. OA

3196

(3405)

Lkr. OAL

3480

(3077)

Lkr. UA

3052

(2832)

Lkr. LI

7790

(7835)

Stadt Kempten

6643

(7019)

Stadt Kaufbeuren

6410

(5989)

Stadt Memmingen

6666

(7077)

Aufklärungsquote 2017 nach Regionen (2016)

Lkr. NU

68,7 % (66,8 %)

Lkr. GZ

66,2 % (65,6%)

Lkr. OA

70,7% (70,6%)

Lkr. OAL

73,6% (71,2%)

Lkr. UA

72,7% (69,7%)

Lkr. LI

82,5% (81,0%)

Stadt Kempten

72,2% (72,1%)

Stadt Kaufbeuren

71,5% (68,7%)

Stadt Memmingen

67,4% (67,1%)

Susanne Kustermann

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