EU-Richtlinie: Zeitdruck auf wasserstoffbetriebenen ÖPNV wächst

Ergebnisse der ZAK-Verbandsversammlung

Karl Heinz Lumer Geschäftsführer der ZAK Holding GmbH.
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Geschäftsführer Karl Heinz Lumer berichtet von den Auswirkungen der „Clean-Vehicle-Richtlinie“ auf den ÖPNV.

Kempten – Die „Clean-Vehicle-Richtlinie“ der EU gibt vor, dass bis Ende 2025 45 Prozent der Busse des regionalen ÖPNV emissionsfrei beziehungsweise emissionsarm sein müssen. Bis Ende 2030 sollen es gar 65 Prozent sein. Ein Thema, das auch bei der Verbandsversammlung des Zweckverbandes für Abfallwirtschaft Kempten sowie der Sitzung des Aufsichtsrats der ZAK Holding GmbH am vergangenen Montagnachmittag in der Konferenzzone des Kemptener Klinikums im Fokus stand.

Wasserstoff als Lösung auf EU-Vorgaben

„Da wird sich etwas bewegen“, betonte Karl Heinz Lumer, Geschäftsführer der ZAK Abfallwirtschaft GmbH, der ZAK Energie GmbH und der ZAK Holding GmbH, in Bezug auf den Aufbau einer Wasserstoff-Absatzinfrastruktur, insbesondere im Bereich des ÖPNV, denn hier bestehe aufgrund der Clean-Vehicle-Richtlinie der EU ein gesetzlicher Handlungsbedarf. Die EU-Richtlinie müsse spätestens bis August 2021 in deutsches Recht umgesetzt werden und habe zur Folge, dass bis 2025 180 der insgesamt 400 eingesetzten Busse des ÖPNV im Raum Kempten, Oberallgäu, Ostallgäu und Lindau emissionsfrei beziehungsweise emissionsarm sein müssen. 2030 wären es bereits 260 Busse. Eine Machbarkeitsstudie des ZAK sowie der BioEnergie Allgäu GmbH (BEA) habe ergeben, dass ein Wasserstoffelektrolyseur mit integrierter Tankstelle am Müllheizkraftwerk sowie Holzheizkraftwerk Kempten technisch gut realisierbar und für eine solche Anlage ausreichend Platz vorhanden wäre. Lumer sprach in diesem Zusammenhang von Erstinvestitionskosten in Höhe von rund 11,5 Millionen Euro, die zu 90 Prozent über Fördermittel finanziert werden müssten. Wie der Einsatz wasserstoffbetriebener Fahrzeuge im ÖPNV gewährleistet werden kann, zeige die Abfallwirtschaftsgesellschaft Wuppertal, die derzeit zehn solcher Busse in Betrieb habe, wobei weitere zehn sowie ein Müllsammelfahrzeug in Planung seien.

Vertreter des ZAK und des AÜW sowie der Busunternehmer Helmut Berchtold schauten sich im September persönlich die Umsetzung in Wuppertal bei einer Besichtigung der Wasserstofferzeugungsanlage an. Oberbürgermeister Thomas Kiechle bezeichnete das Wasserstoffprojekt Bodensee/Allgäu insgesamt als Zukunftschance, wobei „nicht jeder die Komplexität der Problemlage mit vielen Schwierigkeiten erkennt“. Er führte einerseits die Herausforderung der Produktion an, für die es jedoch mit dem ZAK gute Voraussetzungen gebe, und andererseits den notwendigen Absatzmarkt, für den es im Allgäu weitere Partner brauche. Dies fachlich vorzubereiten, erfordere Zeit. Lumer forderte für das zukünftige Vorgehen eine vernetzende Plattform, beispielsweise über die Allgäu GmbH, da der ZAK allein dies nicht leisten könne.

Die Gewinnung des ÖPNV im Raum Allgäu/Bodensee sei entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung des Wasserstoffprojekts und habe oberste Priorität. Bereits Mitte 2021 müsse die Abnahmemenge für 2023/24 bekannt sein, um die nächsten Schritte anzugehen. Außerdem erklärte er in dem Zuge, dass E- und Wasserstoff-Antriebe im ÖPNV nicht miteinander konkurrierten, sondern sich gegenseitig ergänzten. Im alpinen Raum im Allgäu und den vielen Höhenunterschieden im Landkreis Lindau „kommt man mit einem Elektroantrieb nicht weit“. Für den Schwerlastverkehr der Logistikunternehmen sowie den regionalen Bahnverkehr käme ein zeitnaher Einsatz wasserstoffbetriebener Fahrzeuge hingegen momentan nicht in Frage.

Verändertes Müllaufkommen durch Corona

Andreas Breuer, Leiter Technik, Abfallmanagement und neue Technologien, stellte die Entwicklungen der Wertstoff- und Restmüllmengen im Zeitraum Januar bis September 2020 vor. Insgesamt gebe es im Vergleich zum Vorjahr sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich eine Steigerung des Restmüllaufkommens von 3,2 Prozent auf 49.388 Tonnen im Einzugsgebiet Kempten, Oberallgäu und Lindau. Die über 700 Tonnen weniger Altpapier im Vergleich zu 2019 bezeichnete Breuer als „ganz beträchtlich“. Die Vermutung, dass ein Zusammenhang zur Pandemie hergestellt werden könne, sei naheliegend, da deutlich weniger Magazine gedruckt worden und die Zeitungen dünner gewesen seien. Auch das auf den Wertstoffhöfen abgegebene Altholz habe um 6,2 Prozent auf 12.081 Tonnen zugelegt, da die Menschen während des Lockdowns mehr Zeit für Entrümpelungen gehabt hätten. Beim Grüngut habe es eine Steigerung um 900 Tonnen gegeben, was auf den milden Winter zurückzuführen sei.

Ergebnis- und Investitionspläne 2020

Sowohl bei der ZAK Abfallwirtschaft GmbH als auch bei der ZAK Energie GmbH lägen die voraussichtlichen Investitionen bis zum Jahresende aufgrund von ins nächste Jahr verschobenen Projekten unter dem ursprünglich angenommenen Ansatz von 2020, wie Felix Greiter, Abteilungsleiter Finanzen, erläuterte. Beim Umsatz der ZAK Abfallwirtschaft GmbH sei insbesondere aufgrund stark eingebrochener Papier- und Schrottpreise während Corona mit bis zu 1,4 Millionen Euro weniger Umsatz zu rechnen. Auch bei der ZAK Energie GmbH sei mit Umsatzeinbußen von rund 700.000 Euro zu rechnen. Hauptgrund sei hier der niedrigere Bedarf an Fernwärme, der auf das milde Frühjahr zurückzuführen sei.

Anonymität großes Problem bei Müllentsorgung

Als Geschäftsleiter Christian Oberhaus im Rahmen des Haushaltsabgleichs die Einnahmen und Ausgaben des Verwaltungshaushalts vorstellte, kam die teilweise problematische Müllentsorgung in gemeinschaftlich genutzten Wohnkomplexen zur Sprache. Dort werde der Müll oft in der Tonne entsorgt, in der noch Platz sei, anstatt den Müll sachgemäß zu trennen. Die Bewohner würden sich hinter ihrer Anonymität verstecken und könnten sich dadurch jeglicher Verantwortung entziehen. Ideen, wie diese Herausforderung nachhaltig angegangen werden könnte, gab es bei der Versammlung nicht.

Zukünftige Schlackenverwertung teilweise geklärt

Da die DK2-Deponie in Gutenfurt im Landkreis Ravensburg, auf der die Schlacke des Müllheizkraftwerks (MHKW) bisher entsorgt und verwertet worden ist, nur noch bis Ende 2020 über ausreichende Kapazitäten verfüge, habe die Geschäftsführung nach einer künftigen Lösung gesucht, wie Lumer berichtete. Mit einer hochmodernen Aufbereitungsanlage in Schkopau in Sachsen-Anhalt sei für die MHKW-Schlacke bereits ein neuer Partner für die Aufbereitung, Verwertung und Deponierung gefunden worden. Ab München könne die in einem Spezialcontainer befindliche Schlacke mit der Bahn abtransportiert werden, wodurch 80 Prozent des Transportweges auf der Schiene zurückgelegt werden könne. Die Kosten würden sich in Zukunft im gleichen Rahmen wie bisher bewegen. Für die Schlacke des Holzheizkraftwerks sei indes noch kein wirtschaftliches Angebot abgegeben worden, allerdings sei die Entsorgung hier noch bis Ende 2022 gewährleistet.

„Benachteiligte Flächen“ Chance für neue Anlagen

Abschließend ging Breuer auf die Entwicklungen der Solarenergie Allgäu GbR, einer Beteiligungsgesellschaft aus ZAK und AÜW mit dem Ziel des regionalen Ausbaus von grünem Strom, ein. Besonders die Möglichkeiten, die benachteiligte Acker- und Grünlandflächen für PV-Projekte böten, „sind interessant und nicht hinreichend bekannt“. Fast das gesamte Allgäu werde aufgrund vorgegebener Kriterien, unter anderem der Höhenlage über 700 Metern, als so genannte „benachteiligte Fläche“ eingestuft. Dies bedeute, dass rein rechtlich auf jeder dieser Flächen eine Photovoltaikanlage gebaut werden könne, die sogar über das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert werde.

Dominik Baum

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