Erhalt statt Abriss des »Haus-Bavaria«

Das Architekturforum Allgäu sieht in historischen Gebäuden einen Beitrag zur eigenen Identität

Haus Bavaria Wohn- und Atelierhaus des Kunstmalers Franz Weiß
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Das als „Haus-Bavaria“ bekannte späteres Wohn- und Atelierhaus des Kunstmalers Franz Weißim Zustand von 2019.

Kempten – „Die sogenannte ‚Allgäu-Metropole‘ tut sich schwer, ihr bauliches Erbe gegen die Begehrlichkeiten so manchen Investors zu bewahren“, eröffnet das Architekturforum Allgäu ihre aktuelle „randnotiz.28“.

Als ein Beispiel aus jüngster Zeit verweist das Architekturforum auf das „markante und stadtbildprägende“ Eckgebäude Bodmanstraße – Adenauerring, das „als ‚Bavaria‘ tief im kollektiven Gedächtnis der Stadtbewohner und darüber hinaus verankert“ sei. Wie berichtet steht es derzeit zur Disposition, nachdem ein Investor das recht in die Jahre gekommene Gebäude erworben hat. Vorgestellt wurden die Pläne für das Anwesen erstmals in der Septembersitzung des Gestaltungsbeirats, wo der geplante Abriss des innen teilweise, laut Investor, „einsturzgefährdeten“ Gebäudes zu einer längeren Diskussion führte (siehe Kreisbote vom 7. Oktober). Kommenden Dienstag, 24. November, 14 Uhr, im großen Sitzungssaal des Kemptener Rathauses, wird das überarbeitete Bauvorhaben erneut im Gestaltungsbeirat zur Diskussion stehen. Vermutlich einer der Gründe, warum es dem Architekturforum Allgäu eine intensivere Betrachtung wert ist. Was macht das Haus zu einem „Gebäude mit Eigenschaften“, wie es frei nach Robrt Musil in der randnotiz bezeichnet wird?

Die Begründung des Architekturforums: „Für das Bodmanstraßen-Viertel existiert seit vielen Jahren zu recht eine Stadtbildsatzung, weist diese Prachtstraße doch einen ganz besonderen Charakter im Stadtgefüge auf. Hubert Hingerl setzte dem Straßenzug mit seinem Buch ‚Gusgasga‘ ein literarisches Denkmal. Am höchstgelegenen Abschluß nach Westen wurde 1899 die ‚Gaststätte zur Bavaria‘ erbaut. Nach Aufgabe der Wirtschaft 1930 brachte man den ‚Bavaria-Kindergarten‘ in den ehemaligen Schankräumen unter. 1959 kaufte der weithin bekannte Kunstmaler Franz Weiß das Gebäude, nutzte es selbst als Wohn- und Atelierhaus und wirkte von hier aus mit seinem herausragenden künstlerischen und handwerklichen Können. Auch seine sozialen Aktivitäten, zu denen u. a. die Ausrichtung des jährlichen Stadtnikolaus-Umzuges zählte, verdienen große Anerkennung. Ein Bauwerk also mit bewegter Geschichte, deren Spuren sich wunderbar ablesen und nachvollziehen lassen. Eine Tatsache allerdings, die das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege nicht würdigt und das Gebäude wegen Veränderungen am Originalzustand als nicht schützenswert einstuft. Nebenbei bemerkt ist das Spannende an Baugeschichte doch aber der fortwährende Transformations-Prozess, dem auch Einzelgebäude unterliegen.

Haltung und Strategie der Stadt wird vermisst

Die Witwe von Franz Weiß ist als langjährige Eigentümerin des ‚Bavaria‘-Hauses wenig pfleglich mit dem Kulturerbe umgegangen. Gerät ein wertvolles historisches Gebäude erst einmal in einen bemitleidenswerten Zustand und mangelt es an einer übergeordneten Strategie der Kommune, ist Spekulanten Tür und Tor geöffnet. Genau dies ist geschehen, als das Haus 2018 öffentlich zum Kauf angeboten wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte die Stadt Kempten ihrer kulturellen Verpflichtung nachkommen und für dessen Zukunft Sorge tragen müssen. Wäre es doch relativ einfach gewesen – aus der eigenen Stadtbildsatzung abgeleitet – auf die weitere Entwicklung Einfluss zu nehmen. Und zwar mit einer Reihe von Steuerungsinstrumenten, die einer Kommune zur Verfügung stehen: Veränderungssperre, vorhabenbezogener B-Plan mit Erhaltungssatzung nach § 172 Abs.1 (1) BauGB oder Sicherung des Gebäudes durch Kauf und Wiederverkauf mit entsprechenden Auflagen, um nur einige zu nennen. Manche Gemeinden gewähren auch einfach kommunale Förderungen für den Erhalt ortsbildprägender Gebäude. Aber die Dinge gingen wie meist ihren Gang: Ein Investor und sein Architekt traten auf den Plan und entwickelten ein Projekt vorrangig nach wirtschaftlichen Kriterien, sprich Abbruch und Neubau. Erste Entwürfe sind der Stadtgesellschaft über die Presse mittlerweile bekannt. Erneut muss festgestellt werden, dass jetzt nicht mehr agiert, sondern nur noch reagiert werden kann. Dankenswerterweise hat in diesem Fall zumindest der Gestaltungsbeirat die Hand gehoben und den Investor eindrücklich ermahnt, doch wenigstens den Erhalt der ‚Bavaria‘-Fassade zu prüfen.“ Noch ein zweites Beispiel greift das Architekturforum in ihrer aktuellen „randnotiz“ auf:

Weiteres Fallbeispiel: Ulmer Straße

„Dass auch Gebäude in einem ganz anderen Kontext erhaltenswert gewesen wären, zeigt ein Blick in die Ulmer Straße im Osten der Stadt: Auch hier wurden die bemerkenswerten Bundeswehr-Gebäude am dortigen Stadteingang an einen örtlichen Investor weitergereicht, ohne zu prüfen, ob nicht Teile der soliden und über die Jahrzehnte äußerst gepflegten Bausubstanz für eine Nachnutzung hätten Verwendung finden können. Stattdessen wurde hier der komplette Alt-Bestand zugunsten eines ausgedehnten Sportund Freizeitzentrums mit vorgelagertem Großparkplatz bereits flächendeckend abgebrochen. Vermutlich dürfte auch in diesem Fall das „Neue“ in vielerlei Hinsicht kaum die Qualität des ‚Alten‘ erreichen“, fürchtet das Architekturforum Allgäu. Und so lautet die abschließende Mahnung: „Noch wird in unserer Region zu wenig erkannt, welches Potential wertvolle alte Bausubstanz birgt. Gebäude aus vergangenen Tagen können zur Identitätsstiftung eines Straßenzuges, eines Gemeindeteiles, ja einer ganzen Kommune oder Region beitragen – und außerdem für eine ressourcenschonende Weiterentwicklung stehen. Bis sich diese Erkenntnis flächendeckend bei uns durchsetzt, werden wohl noch viele Gebäude der Abrissbirne zum Opfer fallen und letztlich zu einem Gesichtsverlust des Allgäu führen.“

kb/Christine Tröger

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