Erinnerungen an eine Ära

Im besten Sinne hat der Künstler Peter Krusche die Tradition der „neuen Sachlichkeit“ aufgegriffen und mit seiner eigenen Handschrift in die Gegenwart gebracht. Foto: Tröger

Leuchtend bunt ist die erste Wahrnehmung beim Betreten der Kemptener Kunsthalle. Auch der Gedanke an Otto Dix und die „neue Sachlichkeit“, die in der kokainschwangeren Ära der 1920er Bahn brach, bleibt nicht aus, betrachtet man die Bilder des Malers Peter Krusche, die er dort aktuell als „Meine Welt“ mit Arbeiten aus 30 Jahren Malerei ausstellt.

Und doch sind sie wie eine Weiterentwicklung, ein schonungsloseres zur Schaustellen von Details, eine vielleicht rauere Ausdrucksform. Menschen, die ihre Geschichten in den Gesichtern tragen, sind es vor allem, die sich bei Peter Krusche besonders in Kneipen, Nachtlokalen oder „Unter der Brücke“ dicht an dicht drängen. Manche – zumindest aus brav-bürgerlicher Perspektive – „verkrachte“ Existenzen, deren fahl-geisthafte Erscheinungen mehr tot als lebendig wirken. „Auf großer Fahrt“ hat er ein Triptychon, Öl auf Leinwand, genannt. Eine Fahrt, die mit Abschied nehmenden Menschen am Kai beginnt und mit verletzten Überlebenden des im Hintergrund sinkenden Schiffes endet. Dem gebürtigen Kaufbeurer gelingt es, praktisch den ganzen Facettenreichtum menschlicher Existenz in die Gesichter zu packen. Kein Antlitz gleicht dem anderen, weder in Ausdruck noch Physiognomie. Markant die überdimensionierten Hände seiner Darsteller, deren überbetonte Fingerglieder die Assoziation mit dem klappernden Ende einer Kobra initiieren. Auch Einzelfiguren oder Paaren hat Krusche seine Aufmerksamkeit gewidmet. Dazwischen in der Perspektive verzogene Landschaften, die trotz ihrer schreienden Farben durchatmen lassen. Video-Bild-Objekte zeigen eine andere, ebenfalls interessante Seite des Künstlers. Während er in „Das Haus des Lebens“ schlicht einen voyeuristischen Rundgang durch sein Atelier ermöglicht, regt „Das Haifischbecken“ zum Nachdenken an. Begriffe wie „atmen“, „freundlich“, „Reichtum“, „ruhen“, „diszipliniert“ oder „tolerant“ hat der in Osterzell und Berlin lebende Künstler auf langen, schmalen Bildsäulen integriert, die wie Trennstreifen zwischen den sonst meist großformatigen Bildern hängen. Und auch die wenigen ausgesägten Malereien verfehlen ihre so ganz andere Wirkung nicht. Trotz der in vielen der gezeigten Werke augenfälligen Nähe zur Kunst der 1920er Jahre kann man bei Krusche nicht von „Aufgüssen“ reden. Vielmehr sind sie die eigenständige Fortführung einer Entwicklung, die dereinst ebenfalls etwas fortgeführt hat. „Meine Welt“ von Peter Krusche ist noch bis 17. Oktober zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung freitags, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr in der Kemptener Kunsthalle, Memmingerstraße 5. An den Sonntagen ist Krusche persönlich anwesend.

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