Flanieren mit Heinz Schubert

Galeriebesuch hinein in Kemptens Stadtgeschichte

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Auch Schuberts „klassische“ Bleistiftzeichnungen strahlen Leichtigkeit und Lebendigkeit aus, wie hier der „Reiserweg mit Blick zur Lorenzkirche“.

Kempten – Die Bilder von Heinz Schubert gehören zu Kempten wie die St.-Lorenz-Basilika oder das Kornhaus. Allein 200 Postkartenansichten hat er von Kempten, dem Allgäu und Schwaben angefertigt.

Am vergangenen Samstag, 7. Oktober, wäre der Zeichner, Grafiker und Maler 105 Jahre alt geworden. Im Jahre 1947 kam er aus der amerikansich-belgischen Kriegsgefangenschaft nach Kempten. Diese beiden Jubiläen nahmen die freunde der kemptener museen und der Heimatverein zum Anlass, Besucher mit Heinz Schubert auf einen „Malerischen Streifzug“ durch Kempten mitzunehmen – und damit auf eine Reise in die Vergangenheit.

„Das Spannende ist, dass man Bekanntes sehen, und dabei die Veränderung erkennen kann“, sagt Dr. Werner Scharrer. Der Beirat der freunde kemptener museen und Schriftführer des Heimatvereins steht vor einer Bleistiftzeichnung Schuberts, auf der die Fischersteige mit dem bekannten Geländer zu sehen ist. An der Stelle des neuen Geschäfts für Frozen Joghurt steht allerdings ein Baum hinter einem Gartenzaun. Dort wo heute ein Café ist, führt eine abkürzende Treppe hinunter zur Steige. Die abgebildeten Passanten tragen Anzüge mit breiten Schulterpolstern.

Daneben gibt es eine detailgenaue Zeichnung des „Bauerntanzes“ vor seinem Abriss, als die Autos noch zweispurig durch die heutige Fußgängerzone fuhren und Stadtansichten aus den 60er Jahren mit einem völlig grünen Illerdamm und der Not-Kirche Christi Himmelfahrt. Es sind Bilder einer anderen Zeit.

Neben Illustrationen für die berühmte „Allgäuer Chronik“ für Dr. Dr. Alfred Weitnauer, sind Zeichnungen aus dem Skizzenblock, Entwürfe, aber auch Studien zu Umbrüchen in der Stadt wie etwa einem Altstadthaus vor seinem Abbruch oder die Ansicht der Alten Münze durch die Reste einer abgerissenen Mauer hindurch zu sehen.

Dem Lieblingsmotiv Schuberts, der St.-Lorenz-Basilika, sind seinem Stellenwert entsprechend viele Bilder aus sämtlichen Perspektiven gewidmet.

Der Titel von Werner Scharrers Lieblingsbild „Ein Warenhaus wird vor die Residenz gestellt“ lässt tief blicken. Es zeigt die Baugrube des Kaufhaus Horten, das 1970 errichtet wurde. Im Vordergrund läuft ein Wasserrohr, dessen Nieten und Schellen exakt zu sehen sind. Auch die Einzelheiten der Architektur ringsum ist genau zu sehen. „Sogar die Fahnen aus den Fenstern der Residenz sind abgebildet“, freut sich der Organisator der Ausstellung.

Aus den Anfängen Schuberts in Kempten stammt die Zeichnung einer kleinen Hütte im Grünen – die Hütte, in der die aus dem Sudetenland stammende Familie Schubert am Mariaberg nach dem Krieg in kleinsten Verhältnissen wohnte. „Schubert hat nie einen Fotoapparat besessen und auch kein Auto“, erzählt Scharrer, „in den Kemptener Anfangsjahren hat er ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Prager Studienfreund Udo ­Scholz unternommen und sich die nähere Umgebung malend zu eigen gemacht.“ „Eine meiner ersten Zeichnungen im Allgäu nach dem Krieg“ unterschrieb der Künstler die Zeichnung einer kleinen Kapelle, als sei sie für sein Tagebuch gedacht.

Der Heimatverein hat vor zehn Jahren über 100 Blätter von Dr. Josefine Schubert erworben. Die daraus stammenden Bilder zu Kempten bilden den Grundstock der Ausstellung. Scharrer hat sie archiviert und nun gesichtet. Ergänzt werden sie durch den Bestand der freunde kemptener museen. Neben den teils filigranen, teils kraftvollen, detailverliebten, teils colorierten Feder- und Bleistift-Zeichnungen, sind da auch Aquarelle, Kreide- oder Ölstiftzeichnungen, auf denen die Striche wie hingeworfen wirken. Jedoch sind auch hier erstaunlich viele Details erkennbar.

Insgesamt sind die ausgestellten Werke Schuberts geprägt von großer Lebendigkeit. Sei es in den dynamischen Linien, den teils expressiven Zeichnungen, durch die Farbgebung oder die abgebildeten Menschen. Anregede Zitate von Weitnauer und Schubert lockern die Gemäldereihe zusätzlich auf. „Die Ausstellung regt zum Nachdenken an über die Entwicklung unseres Stadtbildes“, „ein Lob auf die Kleinigkeiten der gewachsenen Stadt“, kommentieren Besucher im Gästebuch – eine Aussage, der man nur zustimmen kann.

Die Ausstellung im Börsensaal des Kornhauses (Großer Kornhausplatz 1) läuft noch bis zum zweiten Adventssonntag, 10. Dezember. Sie hat täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Susanne Kustermann

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