Die einen richten den Blick bereits auf die Zukunft...

Ankommen in der Fremde

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Haben sich auf der Flucht kennengelernt und sind seither unzertrennlich: (v.li.) die Brüder Moas Shamaly (18), Yaman Shamaly (14), Fakhré Shamaly (16) und Yusif Shamaly (5) mit ihrer Mutter Hanady Yusif (40) und Seham Sharaba (43) mit ihrem Sohn Mohammed Muneir (19).

Kempten – „Wir kommen aus Syrien und möchten hier in Deutschland leben und arbeiten. Leider mussten wir unser Land verlassen, weil dort Krieg herrscht. Ein normales Leben ist einfach nicht mehr möglich. Alles ist zerstört: Universitäten, Schulen, Krankenhäuser. Wir haben keine Lebensgrundlage, es gibt keine Lebensmittel, kein sauberes Wasser, keine Medikamente und die ständige Bedrohung durch Gewalt, Angriffe und Bombardierungen. Wir sind sehr dankbar, dass wir hier aufgenommen wurden und hoffen sehr, dass wir die Aufenthaltsbewilligung bald erhalten. Wir bedanken uns bei den freiwilligen Menschen.“

Formuliert hat die Zeilen der 24-jährige Kusai El Ahmed-Elisa aus Aleppo. Es ist sein Statement, welches er auch im Namen seiner Mitbewohner in bereits ziemlich gutem Deutsch aufgeschrieben hat, für das Treffen mit dem Kreisboten.

Der angehende Apotheker lebt mit acht weiteren syrischen Flüchtlingen als Wohngemeinschaft im Siedlerweg, nachdem sie den „Klecks“ für Flüchtlinge zur Erstaufnahme frei machen mussten. Es sind junge, ledige Männer ohne Kinder in diesem auffällig ordentlichen Haushalt. Für ihre Familien sind sie oft Hoffnungsträger, die auserwählt wur- den, weil ihnen das Meistern der gefährlichen Reise zugetraut wurde und dass sie im Ausland auch beruflich Fuß fassen können.

Am 12. April 2015 ist Kusai in Deutschland angekommen, in Kempten ist er seit dem 28. April, zuerst im ehemaligen „Klecks“, jetzt in der WG, wo er, wie seine Mitbewohner auch, sehnsüchtig auf die Anerkennung des Asylantrags wartet. Das würde ihm vor allem eine berufliche Perspektive eröffnen. Drei Jahre lang hat er bereits Pharmazie in Jordanien studiert. Als er seine Eltern in Syrien besuchte, hätten diese beschlossen, ihn ins sichere Europa zu schicken, wo er sein Studium beenden und arbeiten will. Einen großen Teil des Fluchtwegs hat er, wie so viele der Flüchtlinge, zu Fuß zurückgelegt: zwei Tage bis Mazedonien, weitere drei Tage bis nach Serbien und von dort zwei Tage bis Ungarn; von dort per Bahn binnen einem Tag über Österreich nach Deutschland.

Sein Mitbewohner Benyamaen Alsalibi ist auf einer anderen Route gekommen. „Ich bin nach Libyen geflogen“, von dort per Schiff nach Italien und mit dem Zug weiter nach München, wo ihn die Polizei in eine Gemeinschaftsunterkunft gebracht habe, erzählt der 25-jährige Maurer und Fliesenleger, mit ein wenig Unterstützung von Kusai als Übersetzer. Kennengelernt haben sich die beiden Männer hier in Kempten. Benyamaen ist seit dem 25. Mai hier, wo er auch seine Mutter gerne sähe, „weil sie krank ist und Behandlung braucht“. Zu anstrengend wäre die gefährliche Reise für sie in jedem Fall gewesen. Sein Bruder ist in Augsburg – sie wurden in München an getrennte Orte verteilt – und möchte gerne nach Hamburg. Ein weiterer Bruder ist in der Türkei, wohin auch der dritte Bruder sowie seine vier Schwestern und Mutter diese Tage aufbrechen wollen, wie Benyamaen erzählt. Sehr positiv spricht er von den Deutschen Polizeibeamten, die „immer sehr freundlich“ gewesen seien.

Auch Kusai hat einen Bruder, der es nach Deutschland geschafft hat. Er ist Arzt und derzeit in Halle (Sachsen), wo er das Caritas-Team bei der Behandlung syrischer Menschen unterstützt. Dass er erst sehr gut Deutsch sprechen muss, bevor er beruflich weiter kommen kann, ist Kusai klar. Dafür büffelt er drei Stunden täglich im Unterricht plus mindestens zwei Stunden zu Hause sowie weitere Zeit mit ehrenamtlichen Helfern. Bevor er nach Deutschland aufgebrochen sei, habe er sich im Internet über „die andere Kultur“ informiert und über das Leben hier, das zumindest „in syrischen Großstädten ähnlich“ sei.

Aber „viele Menschen in Syrien wissen nicht, wie das Leben in Deutschland ist“ und auch, dass es mit den Dokumenten so lange dauert und sie so lange nicht arbeiten können. Da die Reisekosten zwischen 5000 und 10.000 Euro pro Person lägen, „brauchen viele Familien in der Heimat das Geld“. Vor allem arme Menschen „verkaufen alles, um herkommen zu können“, bekräftigen Kusai, Benyamaen und Nahar Alahmed, der sich inzwischen dazu gesellt hat. Kusai selbst wartet derzeit auf das O.k. vom Sozialamt für ein Apotheken-Praktikum. Den Platz habe er bereits und da er auch eine Ausbildung als Anästhesist habe, möchte er noch versuchen einen Praktikumsplatz im Krankenhaus zu bekommen. Ein „großes Problem“ gebe es aber mit Benyamaen, der mit 25 Jahren „zu alt für die Berufsschule ist“ und dessen Ausbildung zum Fliesenleger hier nicht anerkannt werde, da er das vom Arbeitgeber benötigte „B1-Zertifikat nicht hat“.

Besonders wichtig ist den Dreien ihren Dank loszuwerden: an die Behörden und die „freiwilligen Menschen“, vor allem Werner Röll, Christina Böttger-Lang und „Frau Susanne”.

Die Tage der jungen Männer sind vor allem damit gefüllt, die Sprache zu lernen. „Manchmal gehen wir auch Billard spielen“ oder „in die Disco“. Dass sie neben dem intensiven Studium der Sprache gerne einen aktiven Beitrag für die Gesellschaft hier leisten möchten, wird derzeit durch ihren ehrenamtlichen Einsatz bei den Johanni- tern im „Klecks“ deutlich. Dass sie dort helfen können, lässt sie sichtbar aufblühen – beim Ausladen der Essenslieferungen, der Essens- und Getränkeausgabe, bei Anliegen der „Klecks“-Bewohner, oder einfach da, wo sie gerade gebraucht werden.

...die anderen verarbeiten erst noch ihre Fluchterlebnisse

Es waren etwa 300 Menschen, die sich in einem Wald in der Türkei gesammelt haben, erzählt die Syrerin Seham Sharaba, die seit vergangenem Sonntag zur Erstaufnahme im „Klecks“ weilt. 50 Menschen davon sollten neben der 43-Jährigen und ihrem 19-jährigen Sohn Mohammed eine der Gruppen bilden, um nach Europa aufzubrechen. Ein Jahr lang hatte die von Beruf Röntgenassistentin sich und ihre zwei Söhne in der Türkei schon als Fabrikarbeiterin über die Runden gebracht, nachdem ihr jüngerer Sohn 2014 „für 25 Tage“ verhaftet worden war – beim Pizzaessen mit Freunden im Garten. Damals lebten sie noch in Damaskus und er war 14 Jahre alt. „Wir wussten nicht wo er ist.“ Gefunden hat sie ihn schließlich über einen Bekannten, einen „officer“, und 1500 US Dollar für die Freilassung bezahlt. Warum er verhaftet wurde, kann sie nicht beantworten. „Just für money“ – um abkassieren zu können – vermutet sie. Danach ist sie mit beiden Söhnen in die Türkei geflüchtet. Vom Vater der Kinder seit 14 Jahren geschieden, sei sie es gewöhnt, allein für sie zu sorgen und ihr eigenes Haus in Damaskus sei schon vor vier Jahren zerbombt worden, sieht sie es pragmatisch. Nach einem Besuch bei ihrer Mutter in Syrien, wurde sie bei der Rückeinreise in die Türkei verhaftet und zurück in den Libanon geschickt. Den Grund weiß sie auch diesmal nicht. Ihre Söhne habe man Einreisen lassen. Sie selbst müsse ein Jahr warten, wie man ihr mitgeteilt habe. Es sei also nur die Flucht nach Europa geblieben. 500 US Dollar hat sie für den acht Stunden Fußmarsch in die Türkei bezahlt, um erst einmal auf illegalem Weg zu ihren Söhnen zu gelangen und einen Schlepper zu finden, „die dort überall ihre Dienste anbieten“. Trauen könne man keinem, „aber wir mussten es versuchen“. Da das Geld – 5000 Euro pro Kopf – nicht für alle Drei reichte, ging ihr jüngerer Sohn auf eigenen Wunsch zum Vater nach Syrien. Trauer und Bitterkeit vermischen sich, als sie erzählt, dass dieser den jetzt 15-Jährigen als Soldat für Assad nach Aleppo geschickt habe. Ob die Details nicht „langweilig sind“, fragt sie. Dabei ist erkennbar, dass sich eben diese tief in ihr eingebrannt haben.

Mit dem Flugzeug ist Hanady Yusif mit ihren vier Söhnen Moas (18), Fakhré (16), Yaman (14) und Yusif (5) aus Syrien in die Türkei geflohen und zum Treffpunkt im Wald gekommen. Die gemeinsamen Fluchterlebnisse haben die beiden Familien, die sich in diesem Wald erstmals begegnet sind, zusammengeschweißt und auch jetzt im „Klecks“ sind sie unzertrennlich. Dass Hanadys Mann, ein Kaufmann, der selbst in der Türkei bleiben wollte, seine Frau und Kinder allein auf diesen „Todestrip“ geschickt hat, macht Seham wütend. Statt des vom Schlepper angekündigten ein bis zwei Stunden Marsches ging es zum Flucht-Auftakt „nachts sechs Stunden durch die Berge, was sehr gefährlich war“, schildern die beiden Frauen. An der Küste angekommen, wartete für die Überfahrt nach Griechenland ein kleines Schlauchboot auf die 52 Flüchtlinge – ohne Bootsführer und auch der Treibstoff ging unterwegs aus, schimpft Seham über den „kriminellen“ Schlepper.

Sie erzählt von den abgesetzten Notrufen, die unbeantwortet blieben, davon, dass das Gepäck über Bord geworfen wurde – „ausversehen auch ein Baby“, das in der Dunkelheit nicht habe gerettet werden können und dessen Mutter „fast verrückt wurde“ –, um zur griechischen Küste paddeln zu können und davon, dass sie das letzte Stück zum Strand geschwommen sind. Dort sei ein Fischer mit der Polizei gekommen, die die Gruppe „ohne Essen und Trinken 25 Kilometer weit zu Fuß nach Samos“ gebracht habe, was besonders für die Kinder „very difficult“ – sehr schwierig – gewesen sei.

„An der Polizeiwache „standen wir zwei Stunden in der Sonne, bis alle Fotos von uns gemacht waren“, dann weiter mit dem Bus auf die andere Seite der Insel, wo sie ihre Ausreisepapiere bekommen sollten. Nachts „war es kalt und wir mussten ohne Decken auf dem Boden schlafen“, der nur „mit einem Karton bedeckt wurde“. Immerhin hätten sie Essen und Trinken im Supermarkt kaufen können, wenn auch zu horrenden Preisen. Als „super“ hat Sehan dagegen die Fahrt auf der großen Fähre nach Athen in Erinnerung. „Da konnten wir duschen und ich konnte endlich schlafen“, schwärmt sie während Hanady nebenher mit ihrer Mutter telefoniert, die einige Tage vor ihr nach Deutschland gekommen war und nun in Wuppertal ist. Von Athen ging es dann per Bus nach Mazedonien, wobei die letzten acht Kilometer wieder „zu Fuß zurückgelegt werden mussten“. An der Grenze habe die Polizei sie nicht passieren lassen wollen, aber „es waren UN-Leute da, die uns geholfen haben“.

In guter Erinnerung ist den beiden Frauen auch Serbien, das nächste Bus-Etappenziel, auch wenn sie dort wieder „ohne Decken unter Bäumen schlafen mussten“. Aber die Bevölkerung seien „lovely and friendly people“ – nette und freundliche Menschen. Nach einer Nacht in Belgrad – mangels Hotelzimmer „in einem Garten“ – sei morgens ein Bus zur ungarischen Grenze gestartet. Der von Land zu Land recht unterschiedliche Umgang mit Flüchtlingen wird hier besonders deutlich: im letzten Ort auf serbischer Seite „bekamen wir noch Essen, Getränke und alles Nötige“.

Nach überqueren der Grenze in einem Waldstück zu Fuß, sei die Gruppe erst von der UN empfangen, dann von der Polizei verhaftet und in eine Art – sehr beengtes – „Freiluft-Gefängnis“ mit rund 3000 Leuten gebracht worden. Statt Nahrungsmittel zu verteilen, „warfen die Wärter trockenes Brot und Wasser einfach in die Menge“. Auch die Toiletten seien vor Dreck unbenutzbar gewesen. Erst nach zwei Tagen wurden sie zum Zug nach Budapest gebracht. „Sie haben uns wie Tiere angeschaut“, denkt sie mit Schaudern zurück. Aber, „es gab dort billiges und gutes Essen und wir bekamen saubere Kleidung“.

Die ablehnende Haltung der Ungarn ihnen gegenüber sei dennoch nicht nur bei der vergeblichen Zimmersuche in den Hotels spürbar gewesen, erzählt Sehan. „Also haben wir zwei Taxis gemietet“, für „500 Euro – pro Person!“, um nach Deutschland zu kommen. Wie der Grenzort heißt, in dem sie nachts in Deutschland angekommen sind, hat sie vergessen. Aber dass die Jungs mit dem zweiten Taxi „einfach nicht gekommen sind“, ist noch sehr präsent. Um sie suchen zu lassen, seien sie zur Polizei gegangen, wo „sie uns zu Essen und ein Bett gegeben haben“ und nach fünf Stunden seien auch die Jungs da gewesen. „I love them“, zeigt sich Sehan begeistert über die Polizei und auch über Kempten: „And now we are in heaven“ – und jetzt sind wir im Himmel. Am liebsten würde sie hier bleiben und endlich ankommen dürfen.

Christine Tröger

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