Neue Situation erfordert neue Gesamtplanung am Gerhardinger Weg

Erstmal keine Bagger in Lenzfried

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Nord-Ost Ansicht der geplanten Wohnanlage am Gerhardinger Weg 4.

Kempten – Bei manchen Bebauungsplänen dauert es etwas länger, bis sich Bauherr, Gestaltungsbeirat und Bauausschuss und/oder Stadtrat einig werden. Dazu zählen unter anderem Halde Nord, das ehemalige Kreiskrankenhaus an der Memminger Straße und natürlich das „Große Loch“. Noch kann das Bauprojekt Gerhardinger Weg 4 in Lenzfried zwar nicht in einem Atemzug genannt werden. Aber auch hier geht es seit dem Erwerb des Areals durch die BreFa im Jahr 2016 eher zäh voran. Im Januar 2018 waren erstmals Pläne für die Wohnbebauung des vormals von der Maria-Ward-Schule genutzten Areals zwischen Lenzfrieder Straße, Wettmannsberger Weg, Gerhardinger Weg und Friedhof im Gestaltungsbeirat diskutiert worden – nicht das einzige und letzte Mal. Vergangene Woche wollte der Stadtrat nicht absegnen, was im Bauausschuss zwei Tage zuvor unbeanstandet blieb.

Auf Wunsch des Gestaltungsbeirats wurde 2019 ein Wettbewerb mit „anspruchsvollem Auslobungstext“ durchgeführt. Der inzwischen weiter bearbeitete und angepasste Siegerentwurf bildet die Entwurfsgrundlage für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan. Die jüngsten Entwicklungen haben zu den geplanten 61 Wohneinheiten als neue Option ergeben, dazu noch den benachbarten Edeka-Supermarkt um mehrere Wohngeschosse aufzustocken. Am Ende einer ausgedehnten Diskussion konnte sich der Stadtrat aber mit einigen Punkten nicht anfreunden und so wurde der Tagesordnungspunkt kurzerhand abgesetzt.

Zur Erinnerung: Das Grundstück liegt am Rand des Stadtteil-Ortskerns, umgeben von denkmalpflegerisch wertvollen und stadtteilprägenden Gebäuden, u.a. das Franziskanerinnenkloster St. Anna und südlich gegenüber das Franziskanerkloster St. Magnus und es ist nicht erschlossen. Der Großteil der Wohngebäude ist abwechselnd zwei- bis dreigeschossig, der Quartiersplatz im Norden wird nach aktuellem Planungsstand durch ein siebengeschossiges und im Süden durch ein fünfgeschossiges Gebäude begrenzt.

Inzwischen konnte die BreFa GmbH, Investor des Bauprojektes, das aktuell als Edeka Parkplatz genutzte und für die Verkehrserschließung über den Wettmannsberger Weg benötigte Grundstück erwerben und den Markt gleich obendrein. Im Gegenzug tritt sie einen Teil des ursprünglichen Baugrunds ab, damit der Edeka-Markt von derzeit 400 Quadratmetern Verkaufsfläche auf rund 1400 Quadratmetererweitert werden kann. 

Wohnungen über dem Supermarkt?

Dabei sei, so Koemstedt, seitens des Vorhabenträgers auch der Gedanke entstanden, den Supermarkt um mehrere Wohngeschosse aufzustocken, dann aber wieder verworfen worden, da er eine Verzögerung der geplanten Wohnanlage befürchtet habe. Ob der Supermarkt aus statischen Gründen tatsächlich aufgestockt werden kann oder dafür ein kompletter Neubau erforderlich wäre, muss laut Verwaltung erst noch geprüft werden und ist, wie deutlich wurde sowohl der Bauverwaltung wie dem Stadtgremium ein ernsthaftes Anliegen. Ganz und gar nicht konnten sich die StadträtInnen allerdings mit dem siebengeschossigen Punkthaus anfreunden, das ihres Erachtens niedriger ausfallen soll. Die wegfallenden Wohnungen könnten, so die Meinung, durch den Wohnraum über dem Supermarkt aufgefangen werden. Vormals waren es die Punkthäuser, die eine Kompensation sein sollten. Im Gegenzug war die als zu dicht erschienene Bebauung des Geländes gelichtet worden. 

Einigkeit herrschte nun darüber, dass sich der aktuelle Plan nicht wie gefordert in den dörflichen Charakter einfüge, weder Rücksicht auf die historische Umgebung, den Friedhof oder den Dorfkern nehme und „über das Ziel hinausschießt“. 

Michael Hofer (ödp) begrüßte die Idee, den Edeka aufzustocken, und erkundigte sich nach Möglichkeiten, diesbezüglich Druck zu machen. Das könne der Stadtrat als „Hebel des Baurechts“, so Koemstedt, wenn er der Verwaltung den entsprechenden Auftrag erteile. 

Theo Doedel-Hefele (Die Grünen) regte an, die Pläne dann auch dem Gestaltungsbeirat vorzulegen und sein Fraktionskollege Thomas Hartmann mahnte, rechtzeitig Dinge wir Dachbegrünung, Wärmeversorgung sowie die bauliche Qualität festzulegen. 

Franz-Josef Natterer-Babych (ödp) kritisierte die geplanten Flachdächer, die sich seines Erachtens nicht in die sonst rundum Satteldächer einfügten. Er fürchtete gar eine „Brauhausentwicklung“ und damit eine völlig unpassende Bebauung für den Ortsteil. Koemstedt klärte ihn auf, dass die Entscheidung nach „stundenlangen Diskussionen“ gefallen sei, unter anderem weil Flachdächer begrünt werden können. Auch Natterer-Babychs Bedenken wegen einer möglichen Verkehrsüberlastung konnte er anhand von Untersuchungsergebnissen ausräumen. 

Wie eine „Trabantenstadt“ wirkte das Bauvorhaben auf Thomas Senftleben (AfD), dem zudem die Einfahrt neben dem Friedhof ein Dorn im Auge war. Der Schall emittiere nach Norden zum Friedhof hin, „da wohnt zumindest keiner“, begründete Koemstedt die so Anwohner freundlichste Lösung. 

Katharina Schrader (SPD) sorgte sich um die wegfallenden Parkplätze des Supermarktes, die rege genutzt würden und laut Koemstedt noch in ausreichender Zahl bleiben sollen. Und auch die Sorge von Erna-Kathrein Groll (Die Grünen) um die Verkehrssicherheit der Schüler in diesem Bereich konnte der Baureferent nehmen. 

Nägel mit Köpfen forderte schlussendlich Erwin Hagenmaier (CSU), der als Konsequenz der Kritikpunkte meinte, dass ein Aufstellungsbeschluss erst dann sinnvoll sei, „wenn klar ist ob Edeka aufstocken wird oder nicht“. Es werde ewig mit dem Investor hin und her diskutiert, aber niemand sage am Ende „wir wollen das so nicht“. Hagenmaier folgend räumte auch Koemstedt ein, dass es „ehrlicher“ sei zu sagen, dass aus statischen Gründen sicher nichts auf den Edeka gebaut werden könne, was Abbruch bedeute. Es sei jetzt eine „neue Situation“ entstanden, die einen neuen Gesamtentwurf erfordere.

Christine Tröger

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