Erziehung per Video

Laut einer Statistik unter Personen, die in ihrer Kinder- und Jugendzeit Gewalt erfahren haben, bemängeln 16 Prozent: „Das hat mir geschadet.“ 84 Prozent hingegen sehen keine relevanten Auswirkungen auf ihr heutiges Leben… – Mit dem Thema „Gewalt in Kinder- und Jugendzeit“ beschäftigte sich die jüngste Gesprächsrunde im DW-Plausch. Dazu berichtete Daniel Martin, Leiter der Flexiblen Jugendhilfe und Familienpflege im Diakonischen Werk (DW), über seine Erfahrungen aus der Arbeit.

„Durch einen inkonsequenten Erziehungsstil wird ein gewalttätiges Verhalten noch begünstigt“, meinte er. Elementar sei in ihrer Tätigkeit die Beziehungsarbeit innerhalb der Familie. Vor den 70er Jahren war eine „Watschen“, eine „Tatzen“ oder ein Schlag mit dem Stock nichts Ungewöhnliches. Und so berichteten die Gäste beim DW-Plausch von einer gelegentlichen Ohrfeige in der Schule oder einen Hieb daheim, weil „ich in der Schule Blödsinn gemacht hatte“ oder „weil ich meinen Vater geärgert hatte“. Austesten von Grenzen, nannte es ein Besucher. Gewaltiger Leistungsdruck Andererseits sei ein Schlag von einem Lehrer von einer anderen Qualität, wenn er jeden Tag aufs Neue den gleichen Buben treffen würde, erinnerte sich Helmut Mölle, Verwaltungsratsvorsitzender des DW. Er stellte die Frage „Ist der heutige Leistungsdruck in Schule und Elternhaus nicht auch gewalttätig? Welche Spuren hinterlässt er bei den jungen Leuten?“ Einen anderen Aspekt brachte Daniel Martin in die Diskussion: In Migrationsländern werde Gehorsam oft über Züchtigung eingefordert. Respekt erhalte nur das männliche Oberhaupt. „In einer Kemptener Klasse mit sechs deutschen Kindern bei 23 Schülern insgesamt kann sich eine weibliche Lehrkraft nur schwer durchsetzen.“ Hier werde beispielsweise demnächst der Versuch gestartet, einen türkischen Praktikanten mit in die Klasse zu integrieren. Sein Auftreten soll für mehr Respekt in der Klasse sorgen. Viel Geld (1,7 Millionen Euro) hat die Stadt Kempten in den vergangenen Jahren investiert, um eine Elternhausnahe Hilfe bei Störungen zu ermöglichen. Die Mitarbeiter der Flexiblen Jugendhilfe betreuten so 2009 140 Familien. „Wir bemühen uns um Beziehungsarbeit – beispielsweise über ein Video-home-Training“, so Martin. Das heißt, die Familie wird im täglichen Ablauf gefilmt und nur die positiven Elemente werden zu einem Film zusammengeschnitten und mehrfach gezeigt, denn: „Forscher haben herausgefunden, dass negative Erlebnisse siebenmal länger im Gehirn bleiben als positive“, berichtete der Bereichsleiter. Einige waren sich alle, dass sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch von Kindern stets ein Verbrechen sind – und absolut nicht entschuldbar. Und: „Es ist etwas anderes, ob einem Elternteil mal versehentlich die Hand ausrutscht oder ob Gewalt ein wesentlicher Teil der Erziehung ist.“

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