Europa als Friedensgarant

Initiative Gebet Allgäu im Gespräch mit Gerd Müller und Theo Waigel

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Dr. Stefan Vatter (M.) und Dr. David Hauck (l.) von der Initiative Gebet Allgäu hatten Bundesminister Dr. Gerd Müller (r.) und Ex-Finanzminister Dr. Theo Waigel ins Stadttheater eingeladen, um über Glauben und christliche Werte in Europa zu sprechen.

Kempten – „Europaglaube als neue Religion“ – funktioniert Europa ohne christliche Werte? Diese Fragen diskutierte Dr. Stefan Vatter, Vorsitzender der Initiative Gebet Allgäu (IGA e.V.) am Montagabend im Stadttheater mit seinen geladenen Podiumsreferenten Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Dr. Theo Waigel, Ex-Finanzminister.

Die überkonfessionelle, parteiübergreifende Gebetsinitiative möchte Gesellschaft, Themen und Menschen durch das Gebet mit Gott in den Dialog bringen. Sie greifen brisante gesellschaftliche Themen auf und möchten eine Plattform für persönliche Begegnungen bieten. So waren mehr als 400 Gäste zu dieser Veranstaltung mit Schwerpunkt Europa erschienen. 

Nach der Begrüßung durch Vatter und der musikalischen Eröffnung des Abends mit den Thingers Gospel Singers hatten die beiden Referenten die Gelegenheit, ihre persönlichen Ansichten, Fragestellungen und auch Wünsche in einem Vortrag dem Publikum näher zu bringen. Dr. Gerd Müller, dessen Vater und Großvater im Krieg waren, hofft, dass es nie wieder Krieg gibt. So soll der Geist des Friedens, der Versöhnung und der Toleranz an die jüngere Generation weitergegeben werden. Die Friedensphase seit Ende des zweiten Weltkrieges sei die längste, keine Selbstverständlichkeit, so Müller. Und dies sei nur möglich gewesen durch die Deutsche Einheit, verbunden mit dem Namen des bereits verstorbenen Helmut Kohl, der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen BRD und DDR, verbunden mit Theo Waigel. Den Staatsvertrag dazu hatte er am 18. Mai 1990 unterzeichnet. Die Ausverhandlung und Durchführung seien maßgebliche Zwischenstationen auf dem Weg zur Wiedervereinigung gewesen, erläuterte der Entwicklungsminister. Auch heute noch gebe es vielerorts Bedrohung durch Krieg, wie etwa 1994 auf dem Balkan, in Syrien, im Iran. 

Viele Menschen fliehen nicht freiwillig, mittlerweile gibt es zwölf Millionen Vertriebene. Die Antwort für Frieden sei Europa, die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und der Zusammenarbeit, einer Friedensmacht mit gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen, einer gemeinsamen Klima- und Verteidigungspolitik, Subsidiarität und Solidarität. Und so seien drei wichtige Maßnahmen für Müller erforderlich, um insbesondere der jungen Generation Europa näher zu bringen und sie auch einzubinden. Er plädierte für eine zweisprachige Erziehung in den 28 EU-Staaten, um sich in einer gemeinsamen Sprache in ganz Europa verständigen zu können. Junge Menschen bis 25 Jahre sollten ein europäisches Land für Zivil- oder Militärdienst frei wählen können und Jugendliche ab 18 Jahren sollten einen Interrailpass erhalten, um Europa bereisen zu können, Land und Leute kennenzulernen, so der Minister. Auch der Ex-Finanzminister Dr. Theo Waigel spannte den Bogen vom Ersten Weltkrieg bis in die heutige Zeit. So zeigte er den Anwesenden drei Gegenstände, verbunden mit vielen Erinnerungen. Das Bajonett seines Vaters, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte, steht für die Grausamkeit und Unmenschlichkeit des Krieges, für viele Tote und Vertriebene. „Und keiner hatte den Mut, dem Einhalt zu gebieten“, so Waigel, „die Europäer hatten keinen festen Plan, sondern zogen wie Schlafwandler oder Spieler in den ersten Weltkrieg“ ,zitierte der Ex-Finanzminister den Historiker Christopher Clark. So sei die Entwicklung seit 1914 bis heute eine unglaubliche Leistung und doch könnte das Erreichte jederzeit wieder zerbrechen. 

„Es wäre Selbstmord, aus der Europäischen Union auszutreten“, betonte Waigel. Der zweite Gegenstand, eine europäische Münze erinnere ihn an seinen Bruder, der im Alter von 18 Jahren gefallen ist. Gustl Waigel liegt auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Bad Niederbronn im Elsass begraben und viele Besucher, die von der Verwandtschaft erfahren, legen eine Euro-Münze auf dem Grab nieder, als Symbol der europäischen Einheit, eine Seite der Münze mit nationaler Prägung und die andere Seite mit europäischer Prägung, erzählte Waigel. Die gemeinsame Währung sei ein Symbol für Zusammengehörigkeit, Frieden und Verständigung in Europa und auch er sieht dies nicht als Selbstverständlichkeit. Und mit dem dritten Gegenstand, einem Füllfederhalter, hatte er den Vertrag von Maastricht am 7. Februar 1992 unterzeichnet – der größte Schritt der europäischen Integration seit Gründung der europäischen Gemeinschaft. Europa brauche gemeinsame Zukunftsprojekte, wie etwa zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, eine gemeinsame Steuer- und Verteidigungspolitik, ein gemeinsames Afrikaprojekt und Entwicklungshilfsprogramme, um Fluchtursachen zu reduzieren, erläuterte der Ex-Finanzminister. Es brauche dafür junge Eliten, die Europa als Zukunftsmodell verteidigen. Und besonders wichtig sei, so Waigel , in diesem Kontext die Religion. 

Sie stehe für Menschenwürde und Grundrechte, die ohne das Christentum nicht möglich wären. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden diverse Fragestellungen zum Themenschwerpunkt „Funktioniert Europa ohne christliche Werte?“ – „Christ in der Politik“ beleuchtet und diskutiert. So sei für den Entwicklungsminister und auch für den Ex-Finanzminister der Gottesbezug in der europäischen Verfassung ein entscheidender Wert. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben in Würde.“ Es sei notwendig, dass die Starken den Schwachen helfen – in Europa sei dies die Solidarität mit den anderen Staaten. Deutschland habe in der Flüchtlingskrise ein „humanes Gesicht“ in die Welt hinausgetragen und dadurch immense Anerkennung erhalten, betonte Müller. „Der christliche Glaube verbinde die Menschen und stärke den Frieden.“ Und doch haben nicht alle Europäer Vertrauen in ein gemeinsames Europa, nationalistische Parteien haben regen Zulauf. „Was müsste sich in der EU verändern, damit das Vertrauen wieder wächst?“ Auch zu dieser Frage hatten beide Gäste die gleiche Meinung, „gemeinsame Projekte, ein Dialog der Kulturen und Engagement für ein starkes Europa“. Waigel könnte sich etwa ein gemeinsames europäisches Finanzsystem mit einem gemeinsamen Budget und einen Einlagensicherungsfonds vorstellen. Müller favorisierte die europäische Zusammenarbeit, nicht nur in wirtschaftlichen Fragen, sondern auch in der pharmazeutischen und technischen Forschung, etwa die Entwicklung von synthetischen Kraftstoffen, um somit auch den Klimaschutz voranzubringen. 

Ein großes Thema sei für ihn auch eine gemeinsame Flüchtlings- und Asylpolitik. Die Menschen in Afrika brauchen eine Lösung, einen Afrikavertrag für eine Zukunft ohne Hunger, angelehnt an der historischen „Schuman Deklaration“, die die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in der Kohle- und Stahlproduktion verbesserte. Afrika sei Herausforderung, Chance und Zukunft, so Müller.Und auch die Fragen des Publikums, angefangen bei der politischen Beziehung zwischen Deutschland und den USA, über Israel bis hin zur Situation in Ost- und Mitteleuropa wurden umfangreich beantwortet, mit der Quintessenz: nur eine kluge Politik und der Dialog könnten zur Lösung beitragen. Die Kernländer der Europäischen Union, wie Deutschland, Frankreich und Italien sollten mit gemeinsamen Lösungen vorangehen und die anderen Länder der EU folgen in einem zweiten Schritt. Waigel gab den Gästen mit auf den Weg, miteinander über Europa zu sprechen, den Nationalisten zu widersprechen und für Europa zu demonstrieren. Müller wünschte sich, dass die Menschen Frieden mit sich selbst, dem Leben und auch mit anderen schließen und dies in die Welt hinaus tragen. Dr. David Hauck von der Initiative Gebet bat um eine Spende für die Not- und Katastrophenhilfe Humedica, die diesen Betrag für die vom Wirbelsturm Idai betroffenen Menschen verwenden möchte. So konnte ein Spendenbetrag in Höhe von 4146 Euro an Humedica übergeben werden. 

Christine Reder

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