"Es ist gut so, wie es ist"

Ex-Topmanager Thomas Middelhoff zu Gast bei der Birmelin Akademie

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Dr. Thomas Middelhoff, Ex-Topmanager der Bertelsmann- und Arcandor AG, war am vergangenen Wochenende zu Gast auf der Birmelin Akademie Eventbühne. Dort sprach der einstige Konzernlenker über die Folgen seines tiefen Sturzes, als er 2014 vom Oberlandesgericht Essen zu drei Jahren Haft wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt wurde.

Altusried – Wie kaum ein anderer verkörperte Thomas Middelhoff den Typus eines karriereorientierten deutschen Topmanagers, der zur Erreichung seiner beruflichen Ambitionen keine Kompromisse einging.

Das bedeutete für viele, die von seinen unternehmerischen Entscheidungen betroffen waren, zum Teil nichts weniger als den Verlust des Arbeitsplatzes und damit einen möglichen Sturz in prekäre Lebensverhältnisse. Beispielhaft sind hier viele Beschäftigte der ehemaligen Arcandor AG, die beim Insolvenzverfahren Anfang der 2010er-Jahre ihre Jobs bei den Tochterunternehmen Karstadt und Quelle verloren. 

Wenngleich damals die Möglichkeiten zur Rettung des Handelskonzerns bereits sehr beschränkt waren, wurde die Causa Arcandor in den Medien schnell zur Causa Middelhoff. Schlussendlich endete der Fall mit einer Verurteilung des Managers wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen. Maßgeblich mitverantwortlich an seiner „Demontage“, so die Worte des ehemaligen Konzernlenkers, war die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die ihre nordrhein-westfälische Amtskollegin Roswitha Müller-Piepenkötter angewiesen hatte, den Fall genauer zu prüfen. Medial wurden die Vorgänge damals insbesondere durch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ begleitet, der rund 98 mal über den westfälischen Unternehmersohn berichtete. 

Schockstarre

 Über die Erlebnisse dieser Zeit sprach Thomas Middelhoff am vergangenen Wochenende auf Einladung von Rolf Birmelin, dem Geschäftsführer der Birmelin Managementberatung GmbH, auf der gleichnamigen Eventbühne in Kimratshofen. Rund 120 Gäste, die zum Teil Teilnehmer des dreitägigen Großgruppenworkshops „I do it my way – Der rote Faden in meinem Leben“ waren, lauschten gespannt den Ausführungen des Ex-Topmanagers. „Ich war wie zu Stein erstarrt“, sagt der heute 66 Jahre alte Middelhoff, wenn er an den 14. November 2014 zurückdenkt, als er durch das Oberlandesgericht Essen sein Urteil erfuhr. Drei Jahre Haft lautete seiner Zeit der Richterspruch und weil aus der Sicht der Justiz Fluchtgefahr bestand, – Middelhoff besaß zu dieser Zeit einen zweiten Pass und ein großes Anwesen in Südfrankreich – wurde der Angeklagte unmittelbar im Gerichtssaal festgenommen. Von diesem Moment an, war es Middelhoff seitens des Gerichts untersagt, sein Handy zu benutzen oder sich gar von seiner Familie zu verabschieden. Er wurde augenblicklich in eine Justizvollzugsanstalt gebracht, in der er sofort eine Untersuchungshaft anzutreten hatte. 

Weg nach oben 

Thomas Middelhoff ist das dritte Kind von fünf Kindern einer Textil-Unternehmerfamilie aus Düsseldorf. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1987 promovierte er mit seiner Arbeit über integrierte Planung von Kommunikationssystemen. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits als Assistent der Geschäftsleitung der Graphischen Betriebe der Mohndruck GmbH, die Marktführer im Offsetdruck war und Teil der Bertelsmann Printing Group, Europas größter Druckereigruppe mit Sitz in Gütersloh ist. Im Jahr 1989 wurde Middelhoff Mohndruck-Geschäftsführer, ein Jahr später Vorstandsmitglied der Bertelsmann Druck- und Industriebetriebe. Diese Tätigkeit eröffnete ihm die Möglichkeit, im Gütersloher Medienkonzern eine einzigartige Karriere zu durchlaufen, die ihn bis zum Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann aufsteigen ließ. Seine Verdienste um das deutsche Medienunternehmen sind unstrittig. Unter seiner Ägide ging u.a. AOL Europe 1995 mit der Bertelsmann AG das Joint Venture AOL Deutschland ein und die RTL-Group wurde zum größten Betreiber werbefinanzierten Fernsehens und privater Radiosender aufgebaut. In seiner knapp vier Jahre währenden Zeit als Vorstandsvorsitzender verdoppelten sich die Umsätze deR Bertelsmann AG. 

Fallstricke der Macht 

Im Jahr 2002 verließ Middelhoff den Bertelsmann Konzern, nachdem es zu Differenzen mit dem Firmengründer Reinhard Mohn über die weitere Unternehmensstrategie gekommen war. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von 25 Millionen Euro. Im Mai 2005 übernahm er bei der Karstadt Quelle AG den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Middelhoff benannte den Handelskonzern in Arcandor AG um. Das operative Geschäft wurde in die drei Kernbereiche Warenhaus (Karstadt), Versandhandel (Primondo) und Touristik (Thomas Cook) aufgeteilt. Das Tourismusgeschäft boomte Mitte der Nullerjahre und so konnte Middelhoff noch einmal das Eigenkapital des Konzerns steigern. Aber die weitere Sanierung hatte einen Pferdefuß. Durch den Verkauf der Warenhausimmobilien an das Immobilienunternehmen Whitehall wurde die Arcandor AG plötzlich Mieter im vormals eigenen Haus. 

Die jährlichen Mietzahlungen erreichten gewaltige Höhen und legten den schwächelnden Konzern an die Kette. Am Ende wurde die Arcandor Aktie mit lediglich 1,30 Euro gehandelt. Midddelhoff „hatte als Vorstandsvorsitzender fertig“, wie er sagte, und geriet ab Juni 2009 in den Fokus der Staatsanwaltschaft Essen, die gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eröffnete. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Veräußerungen der konzerneigenen Warenhausimmobilien. Middelhoff wurde doppeltes Spiel vorgeworfen – seine Boni stiegen, Arcandor taumelte der Insolvenz entgegen. Gier und Demut Das juristische Urteil ist bekannt, Middelhoff wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er rund anderthalb Jahre in der JVA Bielefeld-Senne absaß. Im offenen Vollzug entschloss er sich, in den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld als Hilfskraft in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu arbeiten. 

Diese Zeit habe ihn über seine „Ära“ als Topmanager nachdenken lassen, erzählte er auf der Eventbühne. „Damals hatte die Gier Besitz von mir ergriffen. Ich wollte von allem immer nur das beste“, gibt der Topmanager zu. Und so fällt es Middelhoff an diesem Abend nicht schwer einzuräumen, dass er selbst die Grube grub, in die er später fiel. „Es ist gut so, wie es ist“, befindet der ehemalige Vorstandsvorsitzende, der 2015 seine private Insolvenz anmelden musste und derzeit über keinerlei Vermögen verfügt. Was Middelhoff am meisten traf, war die Scheidung von seiner Frau, die ihn in seiner Zeit als Überflieger der Wirtschaft als letzte zu erden versucht habe. Heute hat Middelhoff in einer Verlagsleiterin eine neue Lebenspartnerin gefunden, wenngleich er weiterhin häufig Kontakt zu seiner Familie hält. Als Kind katholischer Eltern hat er in der Zeit nach seiner Haft verstärkt zum christlichen Glauben zurückgefunden. Dabei gehe es dem Ex-Manager, der aktuell in Hamburg lebt, mehr um die spirituellen Weisheiten eines Kohelet, der zu einer sinnvollen Lebensführung ermuntert, als um eine mögliche Privataudienz beim Papst. Das Bekenntnis zum Glauben wirkt authentisch, vor allem wenn Middelhoff seine Fehler erklärt, indem er auf die Sünden in den Heiligen Schriften verweist. 

Auf die Frage, was der ehemalige Vorstandsvorsitzende zukünftig tun möchte, antwortet er, sich vorstellen zu können, jungen Start-Up-Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Auf Nachfrage von Rolf Birmelin, was er den Jungunternehmern als wichtigsten Rat mitgeben möchte, antwortet Middelhoff auf Englisch: „Ability may get you to the top – but it takes character to keep you there.“ und erklärt auf Deutsch: „Neben Fähigkeiten wie Klugheit, Standhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen, die einen nach oben führen, sind es charakterliche Tugenden wie Respekt vor anderen, Mäßigung und Demut, die einen oben bleiben lassen. Ich habe diese Eigenschaften zu meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender vermissen lassen. Ich war damals leider ein Narzisst“, gesteht der Ex-Manager am Ende des Abends ein.

Jörg Spielberg

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