Das Haus für Kinder St. Hedwig in Thingers orientiert sich künftig an der "Reggio-Pädagogik"

Mehr auf die Wünsche der Kinder eingehen

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Das Haus für Kinder St. Hedwig im Thingers.

Kempten – Das Haus für Kinder St. Hedwig geht ab sofort neue Wege. Die Kindertagesstätte stellt ihr Konzept von der Regel-Kindertageseinrichtung auf das Konzept einer „Reggio-Pädagogik“ orientierten Einrichtung um. Der Kreisbote wird diesen Prozess exklusiv begleiten, hinter die Kulissen der Kita blicken und regelmäßig darüber berichten.

Allgemeines zur Kita

Insgesamt 65 Kinder werden derzeit im Haus für Kinder St. Hedwig tagsüber betreut. 15 Ein- bis Dreijährige sind in der Krippengruppe untergebracht, die weiteren 50 Kinder zwischen drei und sechs Jahren gehen in die zwei Kindergartengruppen. In der Krippe kümmern sich zwei pädagogische Fachkräfte (Erzieher/in) und eine pädagogische Ergänzungskraft (Kinderpflegerin) um die Knirpse, die Kindergartenkinder werden von drei Erzieher(inne)n, vier Ergänzungskräften und einer Berufspraktikantin betreut. Geöffnet hat die Einrichtung montags bis donnerstags jeweils von 7 bis 17 Uhr und freitags von 7 bis 16 Uhr.

Ein Tag in der Kita 

Im Kindergarten gestaltet sich ein Tag laut Einrichtungsleiterin Kathrin Platz und ihrem Stellvertreter Lukas Hartmann wie folgt: morgens zwischen 7 und 7.45 Uhr ist Bringzeit und damit der Ablöseprozess von den Eltern. Alle Kinder der Einrichtung sind in dieser Zeit zusammen. Ab 7.45 Uhr geht es in die verschiedenen Gruppen (Orientierungsphase). Die Kinder schauen, wer alles da ist. Anschließend können die Kinder, die Hunger haben, ihre mitgebrachte Brotzeit im Kinderrestaurant essen. Dafür gibt es keine feste Essenszeit, die Kleinen sollen lernen, wann sie Hunger haben und individuell entscheiden wann sie essen wollen. Ab etwa 8.30 Uhr beginnt die Freispielzeit, in der die Kinder selbst entscheiden können, was und mit wem sie spielen wollen. In die Freispielzeit integriert ist auch die gezielte Förderung, in der die Erzieher verschiedene Angebote machen, die angenommen werden können, oder in der sich die Erzieher in die Spiele der Kinder einbringen und den Nachwuchs zum Beispiel zum Sprechen anregen. Je nach Wetter gibt es vormittags auch noch eine „Draußenzeit“, in der sich die Kinder im Garten der Kita austoben können.

Ab 11.15 Uhr beginnt die Mittagsessenszeit. Bis 12 Uhr essen die jüngsten Kindergartenkinder, von 12 bis 12.30 Uhr die „mittleren“ Kinder und von 12.30 bis 13 Uhr die ältesten Kinder. Von 12 bis spätestens 14 Uhr ist Schlafenszeit in der Turnhalle, die dafür schön gestaltet wird. Jedes Kind hat sein eigenes Schlafbettchen mit Kissen und Decke. Diejenigen, die aufwachen bzw. diejenigen, die mittags nicht mehr schlafen, können in den Gruppenräumen spielen. Ab 14 Uhr werden die Kleinen abgeholt. Die, die länger bleiben haben nachmittags nochmals Freispiel- und Förderzeit.

In der Krippe gestaltet sich der Tagesablauf ähnlich. Nach dem Eintreffen am Morgen gibt es um 8.30 Uhr einen Morgenkreis, bei dem sich die Kleinen begrüßen. Danach folgt eine gemeinsame Brotzeit an die sich die Spielzeit anschließt. Die Ein- bis Dreijährigen können sich in den Räumen der Krippe frei bewegen. Parallel geben die Erzieherinnen verschiedene Impulse, die angenommen werden können. Aufgrund des Alters der Kinder haben die Erzieherinnen in der Krippe auch viele pflegerische Tätigkeiten zu erledigen (z.B. Wickeln). Um 11.30 Uhr gibt es für die Krippenkinder Mittagessen im „Restaurant“ (Kreativraum), danach können sie entweder abgeholt werden oder schlafen in einem extra Schlafraum. Der Nachmittag gestaltet sich wie der Vormittag.

Besondere Höhepunkte 

Im Verlauf eines Kita-Jahres gibt es im Haus für Kinder St. Hedwig bestimmte Höhepunkte. Im Kindergarten werkelt ein älterer Herr namens Enzo einmal pro Woche mit Holz und Säge mit den Kindern. Ebenfalls regelmäßig kommt eine Lehrerin der Nordschule zum Deutsch-Vorkurs, indem sie Kindern mit Migrationshintergrund Sprache und Kommunikation vermittelt. Auch verschiedene Feste wie beispielsweise St. Martin, Nikolaus oder Geburtstage werden gefeiert. Bei den Festen agieren Kinderkrippe und Kindergarten stets zusammen. „Uns ist es wichtig, dass wir zusammen gehören. So können sich die Krippenkinder auch schon ein bisschen an den Kindergarten gewöhnen“, erklärt Hartmann.

Auch verschiedene Aktionen wie Oma-/Opatag, Mutter-/Vatertagsausflug, Sommerfest, Seniorengeburtstagsfeier der Pfarrei, bei dem die Kinder singen (2 Mal pro Jahr), Familiengottesdienste, die der Kindergarten mit gestaltet oder die „Füchschenernennung“, bei der die Vorschulkinder schlaue Kinder für die Schule werden, sind Höhepunkte.

Geplante Änderung 

Erste Schritte zur Umstellung des Erziehungskonzepts in der Kita St. Hedwig leiteten Platz und Hartmann mit ihrem Team bereits nach einer Fortbildung „Ein Löffelchen für Mama“ im Jahr 2014 ein. „Hier ging es darum, dass die Kinder selber entscheiden dürfen, wie viel sie essen möchten und sie sich ihr Essen selber schöpfen dürfen.“ Platz beobachtet seitdem ein verändertes Essverhalten der Kinder: „Die Kinder essen ganz anders, seit sie selber schöpfen dürfen. Sie werden probierfreudiger und viele haben auch schon gelernt, die Menge, die sie schaffen, richtig abzuschätzen.“ Der Wunsch umzustellen, reifte bei den Kita-Verantwortlichen nach der Fortbildung „Die Stärken der Kinder Stärken“ im April diesen Jahres. „Die Referentin, die selbst nach Reggio arbeitet, hat ihre Begeisterung auf uns übertragen“, so Hartmann. Nach der Fortbildung richtete Platz die Frage „Reggio – ist das was für uns?“ an ihr Team. Nach der Erarbeitung der Vor- und Nachteile und einigen Diskussionen sei im Juni die Entscheidung für Reggio gefallen. Die oben genannte Referentin begleitet das Kita-Team bei der Umsetzung.

Startschuss 

Ab diesem Monat werden die Kinder auf weitere Änderungen eingeführt. Die Räume werden umgestaltet und es soll künftig mehr Projektarbeit geben. „Wir werden bestimmt auch ein paar Rückschläge verkraften müssen, denn das wird eine spezielle Herausforderung“, vermutet Hartmann. Bei Reggio gehe es darum, das Kind dort abzuholen, wo es steht. Beispielsweise werden sture Vorgaben abgebaut und es wird kein Lösungsweg vorgegeben. Kinder und Erzieher suchen gemeinsam nach Lösungen.

Welche ersten Schritte erfolgt und wie sie angekommen sind, darüber werden wir im Januar berichten.

Die Reggio-Pädagogik

Reggio ist kein festes Pädagogik-Modell, sondern eine Erziehungsphilosophie, die nach 1945 in den Krippen und Kindergärten der norditalienischen Stadt Reggio Emilia entstand. Inzwischen ist der Reggio-Ansatz weltweit verbreitet. Zentrales Prinzip ist, dass Kinder durch ihre Wissbegierde und Kreativität die eigene Entwicklung maßgeblich bestimmen und davon von Erwachsenen begleitet – und nicht angeleitet – werden sollen (Quelle: www.familie.de). Nach Hartmanns Recherchen ist Reggio in unserer Region noch Neuland. Manche Einrichtungen greifen zwar Teile davon heraus, sind aber nicht komplett auf Reggio ausgerichtet. Am meisten verbreitet ist Reggio in Italien, in Deutschland bisher vor allem in größeren Städten. 1991 wurde die Reggio-Pädagogik von der UNESCO als die weltweit beste kindorientierte Pädagogik anerkannt.

Melanie Weidle

 

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