Experten diskutieren

"Das versetzt uns den Todesstoß"

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Die Diskussionsrunde in Wildpoldsried mit Bürgermeister Arno Zengerle (v.l.), AÜW-Chef Michael Lucke, Rudolf Martin Siegers von Siemens, Moderatorin Bettina Ahne, Prof. Dr. Claudia Kemfert vom DIW und den bayerischen Umweltminister Dr. Marcel Huber.

Wildpoldsried – Am Dienstagabend diskutierten Fachleute aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im ökologischen Bildungszentrum KULTIVIERT in Wildpoldsried vor über einhundert geladenen Gästen über das Thema „Energiewende – Heute, morgen oder wann?“.

In vielen Punkten herrschte Einigkeit auf dem Podium. Man habe bereits viel erreicht, dennoch hät- ten Politik, Industrie und Bevölkerung noch große, komplexe Aufgaben zu bewältigen. Großartig wäre es, wenn der Geist von Wildpoldsried in ganz Deutschland wehen würde.

Die Energiewende ist das gesamtgesellschaftliche Projekt der nächsten Jahrzehnte. Hierüber waren sich Umweltminister Dr. Marcel Huber, Prof. Dr. Claudia Kemfert (Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung), der Leiter von Siemens Deutschland, Rudolf Martin Siegers, der Geschäftsführer der AÜW, Michael Lucke, sowie Bürgermeister Arno Zengerle einig. Erste erfolgreiche Schritte seien im Einzelnen getan, nun sei aber ein abgestimmtes gesamtdeutsches und europäisches Handeln unverzichtbar, so die übereinstimmende Meinung.

Der zentrale Schlüssel zur Energiewende sei die Steigerung der Energieeffizienz in allen Bereichen. „Die Notwendigkeit, Energie einzusparen, muss in allen Köpfen verankert werden. Einsparpotenziale müssen erkannt und genutzt werden“, so Minister Huber. Darüber hinaus gelte es nun, innovative Technologien zu forcieren und intelligente Stromnetze sowie Speicherlösungen zu schaffen.

Die Innovationskraft und Wertschöpfung, die für die Volkswirtschaft in dem Wandel stecke, sei enorm, bestätigte Siemens-Chef Rudolf Martin Siegers. „Allerdings müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung leisten und aufpassen, dass die Energiewende sich in den Köpfen der Menschen nicht zur Bedrohung entwickelt“, so seine Warnung. „Stattdessen sollten wir die Chancen herausstellen, die damit einhergehen, wie beispielsweise, dass wir uns unab- hängiger von Lieferanten und Rohstoffen machen.“

Michael Lucke setzt bei alledem auf eine neue Ehrlichkeit. „Angesichts der vor uns liegenden Herkulesaufgabe ist es wichtig, ehrlich über die damit verbundenen Kosten aufzuklären. Die Energiewende kostet 10 000 Euro pro Erwerbstätigen“, rechnete er vor. „Wir reden zu viel über Preise statt über den volkswirtschaftlichen Nutzen“, gab hingegen Claudia Kemfert zu bedenken. Eine reine Kostendiskussion schade der Energiewende. Wichtig seien eine positive Grundstimmung und seitens der Politik Klarheit und langfristige Stabilität. „Alles andere schreckt Investoren ab.“

Gegen Seehofers Pläne

Auf wenig Gegenliebe stieß die von Bayern und Sachsen im Bundesrat angeregte „10-H-Regelung“, eine höhenabhängige Abstandsregelung zwischen Windrädern und Wohngebieten. (Als Richtschnur für den Abstand soll das Zehnfache der Höhe eines Windrades gelten. Bei einem 200 Meter hohen Windrad wären dies also zwei Kilometer.) Man sei um eine natur-, landschafts- und menschenverträgliche Umsetzung der Windkraft bestrebt, so Minister Huber. Mit der Regelung wolle man die Anlieger neuer Anlagen vor einer eventuellen Umzingelungs- und Bedrängungswirkung schützen. „Die 10-H-Regelung führt dazu, dass die Energiewende beendet wird“, befürchtete hingegen Günter Beermann, Vorstand des Landesverbands Bayern des Bundesverbandes Windenergie, der sich im Publikum zu Wort gemeldet hatte. Auch Zengerle ist sich sicher: „Wenn die 10-H-Regelung kommt, wird es in ganz Bayern kein zusätzliches Windrad mehr geben. Wir haben sowieso schon so viele Einschränkungen – das versetzt uns den Todesstoß.“

Wildpoldsried gehört zu den bundesweiten Vorreitern der Energiewende. Seit 2012 deckt das „Energiedorf“ seinen gesamten Energiebedarf durch regenerative Energien. Ebenfalls seit letztem Jahr ist das ökologische Bildungszentrum KULTIVIERT (gefördert durch den Freistaat aus Mitteln des Bayerischen Städtebauförderungsprogramms und die EU mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung) in Betrieb. Über 30 Nationen waren seitdem zu Gast und informierten sich zum Thema Erneuerbare Energien und Umweltschutz.

Nachdem nun auch die Außenanlagen fertiggestellt sind, wird das gesamte KULTIVIERT offiziell mit einer Energie-Bildungs-Kultur-Woche vorgestellt.

Sabine Stodal

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