Explosive Mischung

Die Stimmung war explosiv im überfüllten Saal des Kempodium. Landwirte waren bis aus dem Lechtal gekommen, allerdings nicht nur um den Bundestagskandidaten zuzuhören: Sie sagten ihnen, meist sachlich, gelegentlich auch lautstark und nicht ganz fair, aber deutlich ihre Meinung. Ziel der vom Bauernverband und Bund Deutscher Milchviehhalter gemeinsam organisierten Veranstaltung „Allgäuer Landwirtschaft – Welche Politik brauchen wir?“ war, von den Politikern „klare Aussagen“ zu den Themen Grüne Gentechnik, Patente auf Leben und billige Lebensmittel zu erhalten, wie Moderator Ethelbert Babel ankündigte. Nicht ganz planmäßig nutzten die Landwirte die Gunst der Stunde, um ebenso ihrem Ärger über die Zwangsimpfung gegen Blauzungenkrankheit Luft zu machen.

Knapp 80 Prozent der Verbraucher „lehnen Gentechnik ab“, lieferte Marion Ruppaner vom Bund Naturschutz die Steilvorlage zum ersten Themenblock. Dennoch könnten Verbraucher bislang nicht erkennen, in welchen Lebensmitteln Gentechnik versteckt sei. Rrund 80 Prozent der Gen-Pflanzen landeten zum Beispiel im Tierfutter. „Wir erwarten entsprechende politische Aussagen“, forderte sie die Podiumsgäste heraus. Gerade unter Ministerpräsident Horst Seehofer seien Möglichkeiten zur Gen-Kennzeichnung in Lebensmitteln geschaffen worden, hob Staatssekretär Dr. Gerd Müller (CSU) hervor. Der Schutz von Menschen, Umwelt und Tieren gehe vor, und „was Menschen und Landwirte nicht wollen, wird die Politik auch nicht umsetzen“, versuchte Müller die zweifelnden Zuhörer zu überzeugen. Für klare Kennzeichnung aber gegen ein Verbot von Agrogentechnik machte sich Stephan Thomae (FDP) stark. „Es ist nicht Aufgabe des Staates etwas zu verbieten“, verteidigte er die Rechte der Erzeuger, die den Anbau von Gen-Pflanzen wollten – womit er sich Pfiffe und Zwischenrufe einhandelte. Für Verbraucherschutz durch Kennzeichnungspflicht sprach sich auch Reinhard Strehlke (SPD) aus. Dass Grüne Gentechnik ein „Auslaufmodell“ sei, machte Thomas Hartmann (Grüne) deutlich. „Für Gen-Lebensmittel gibt es definitiv keinen Markt“. Im Übrigen sei der plötzliche Kurswechsel Seehofers nur durch den Druck der Öffentlichkeit erfolgt, wies er auf die Macht auch der Verbraucher hin. „Wir lehnen Gentechnik kategorisch ab“, sah Dr. Wilhelm Vachenauer (ÖDP) eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt und darin, den Menschen über den Profit zu stellen. Absage an Patente Schutz vor der „Patentgier“ der Großkonzerne, lautete die Forderung von Elisabeth Koch vom Bayerischen Bauernverband an die Politiker. „Wir stehen vor einer Grundsatzentscheidung, ob Pflanzen und Tierrassen patentierbar sind“, bedeutete sie. Landwirte müssten davor bewahrt werden, „durch Patente in noch größere Abhängigkeit gedrängt zu werden“, so Strehlke (SPD). Müller versprach schärfere Patentrichtlinien zu prüfen und bekannte sich klar zu „keine Patente auf Leben“. Dem Nein schloss sich FDP-Kandidat Thomae an. Im Rahmen von Forschung erachtete Hartmann (Grüne) Patente auch in der Landwirtschaft für richtig. „Kritisch wird es, wenn Patente nicht mehr zum Nutzen der Menschheit, sondern dem Eigenprofit dienen“, schränkte er aber ein. „Wir lehnen Patente auf Lebewesen natürlich ab“, gab es hingegen bei Vachenauer kein Wenn und Aber. „Was ist ein Hühnerleben noch wert?“, richtete Christine Räder vom Bio-Ring-Allgäu ein weiteres Anliegen an die Politiker. Der Kostendruck führe zur Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Sterben bäuerlicher Betriebe. Eine gewisse Werteverschiebung in der Gesellschaft konstatierte SPD-Mann Strehlke, die Urlaub und Auto über Lebensmittel stelle. „45 Cent pro Liter Milch spiegelt nicht wieder, was drin ist“. Ein großer Teil der Verbraucher sei bereit, mehr zu zahlen, so die Überzeugung des Liberalen Thomae. Statt auf Garantien vom Staat zu warten, müssten die Landwirte aber „Kontakt zu Kräften suchen, die den Markt durchschauen“. Edlere Produkte? Thomas Hartmann kritisierte dagegen den Versuch, die Landwirtschaft zu technisieren. „Die Landschaftspflege ist mit üblichen marktwirtschaftlichen Kriterien nicht fair zu bewerten“, legte er dar. „Wir haben weltweit die besten und billigsten Lebensmittel“, merkte Müller an – zu Lasten der Bauern. Ein Weg könne sein, „edle Produkte“ aus Milch zu machen. Für eine auf Religion und Werten aufbauende Politik sprach sich Landvolkpfarrer Rainer Remmele aus. Exportsubventionen müssten gestrichen werden und Verbraucher sollten beim Kauf die regionale Wirtschaft unterstützen. Zudem forderte er an allen Schulen eine zweijährige „unabhängige Verbraucherschulung“. Von biologisch und gentechnikfrei erzeugten Produkten versprach er sich „reißenden Absatz auf dem Weltmarkt“.

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