Der Schlag sitzt

Bundestagswahl: CSU und SPD verlieren auch im Oberallgäu an Wählerstimmen

+
Stadtkämmerer Matthias Haugg bringt Briefwahlunterlagen zur Kemptener Feuerwache, wo die Ergebnisse der einzelnen Wahlbezirke am Sonntag gesammelt und veröffentlicht wurden.

Oberallgäu – „Die Wahlbeteiligung ist das einzig Positive an dieser Wahl“, sagte ein SPD-Mitglied auf der Wahlparty seiner Partei. In der Tat: Mit 78,1 Prozent ist die Beteiligung der Bürger im Oberallgäu um rund 5,5 Prozent gestiegen.

Insgesamt ist die Große Koalition – allen voran die SPD – nicht gut weggekommen, im Oberallgäu waren die Verluste sogar dramatischer als im Rest der Republik: 12,4 Prozent hat die SPD bei uns nur erreicht. Aber auch die CSU musste Verluste einstecken: Mit 41,5 Prozent konnte sie rund zehn Prozent weniger Wähler von sich überzeugen als bei der letzten Wahl. Für die CSU sieht es im Oberallgäu damit nicht so schlimm aus wie in Gesamt-Bayern, wo das Wahlergebnis mit 30,8 Prozent ein herber Schlag ist.

Eindrücke vom Wahlsonntag

Die Partei kann sich darüber freuen, dass ihr Spitzenkandidat künftig im Bundestag sitzen wird. Dr. Gerd Müller muss zwar ebenfalls Verluste hinnehmen, schafft es aber auf 50,4 Prozent (2013: 60,7) und hat seinen Sitz sicher.

Auch Stephan Thomae von der FDP sitzt mit sieben Prozent voraussichtlich im Bundestag, genauso wie Peter Felser von der AfD (9,6 Prozent), dessen Partei der große Gewinner dieser Wahl ist. Sie schneidet im Oberallgäu nicht ganz so gut ab wie in Gesamtdeutschland, dennoch erreicht sie 10,6 Prozent der Zweitstimmen und ist damit fünftstärkste Kraft nach CSU, SPD, Grünen (11,3 Prozent) und FDP (10, 8 Prozent). Bleibt abzuwarten, wie die voraussichtlichen Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU, der FDP und den Grünen verlaufen und welchen Einfluss die AfD auf die Regierungsarbeit haben wird.

So reagieren die Parteien


AfD-Kandidat Felser in Siegerpose

Sichtlich stolz und gelöst zeigten sich die Gäste der AfD-Wahlparty in Weitnau. Die AfD wurde insgesamt drittstärkste Partei. Im Wahlkreis 256 Oberallgäu-Lindau-Kempten liegt sie mit neun Prozent der Zweitstimmen an fünfter Stelle; knapp hinter der FDP (10,4 Prozent). Der Sitz im Bundestag ist dem regionalen Kandidaten Peter Felser (4.v.l.) sicher. Er kündigt an, in der Opposition, „klare Kante zu zeigen und den etablierten Parteien auf die Finger zu klopfen“. Er erwartet sich „Fairness“, wie er sagt. Es müsse „möglich sein, zum Euro und zur Flüchtlingsfrage eine andere Meinung zu haben.“ 

Gemischte Gefühle bei der CSU

Die Wahlparty der CSU bei Abt Sportsline fiel üppiger aus als die der SPD. Viele blaue Luftballons waren zu sehen, die Damen trugen schicke Kleider, viele der Herren dunkelblaue, körperbetonte Anzüge. Um 21 Uhr waren noch rund 70 Gäste auf der Feier. Auch hier saß der Schock tief über das Wahlergebnis der AfD und die Verluste der CSU. In Bayern verloren die Christsozialen 10,5 Prozent der Stimmen und kamen auf historisch tiefe 30,8 Prozent. Spitzenkandidat Dr. Gerd Müller zeigte sich enttäuscht: „Wir haben gedacht, die CSU hat eindeutige Antworten für die Sorgen der Bürger. Aber die Wähler haben wohl geglaubt, dass wir die Ziele in Berlin nicht durchsetzen können“, analysierte er, „ich bin erstaunt, dass die AfD mit dem Thema Flüchtlinge auf so radikale Art und Weise punkten kann.“ An den Infoständen habe man von der Proteststimmung der Bürger wenig bemerken können. „Ich hatte immer das Gefühl, wir hätten die Leute überzeugt“, sagte Stadtrat Helmut Berchtold und auch Müller berichtete von positiver Stimmung und wenig kontroversen Diskussionen bei den Abschlussveranstaltungen. Bundestagskandidat Dr. Christian Schwarz berichtete allerdings von anderen Erlebnissen am Stand. Es seien weniger Bürger gekommen. „Ich habe eine allgemein ablehnende Haltung gegenüber der Politik spüren können, das war ganz klar eine Protestwahl.“ Müller forderte die Gesellschaft angesichts des AfD-Ergebnisses auf, sich lauter zu Wort zu melden. Die Meinungsbildung dürfe nicht allein den Parteien überlassen werden, vieles laufe in den neuen Medien „undercover“. In puncto Präsenz in den neuen Medien sah er auch bei seiner Partei noch Nachholbedarf. Um die Wähler am rechten Rand zurückzuholen, müsse die CSU noch klarer machen, dass sie Antworten auf Probleme wie Sicherheit, Flüchtlingsthematik, Pflegenotstand, teuren Wohnungsraum und Altersarmut habe. Die Freude über das persönliche gute Abschneiden von Müller fiel insgesamt etwas verhaltener aus. 50,4 Prozent der Erststimmen hat er für sich verbuchen können. „Ich stelle mich der Verantwortung“, wies der CSU-Mann auf sein Engagement in der kommenden Legislaturperiode hin. Mit der wahrscheinlichen Bildung einer Jamaika-Koalition muss Müller allerdings um seinen Ministerposten bangen. Er erwartet schwierige Gespräche mit FDP und Grünen. 

Lange Gesichter bei der SPD

Die SPD veranstaltete ihre Wahlparty in der „Alten Schmiede“. Passend zum SPD-Bundeswahlergebnis von 20,5 Prozent waren 20 bis 30 Gäste in den Raum im ersten Stock gekommen. Am Tresen verfolgten die Jungen gespannt die Hochrechnungen. Die älteren Semester sitzen beim Essen. Ein entsetztes Aufstöhnen, als neue Zahlen am Bildschirm aufblinken: Die AfD kommt in den östlichen Bundesländern auf 21,5 Prozent! Bundestagskandidatin Katharina Schrader ist die Enttäuschung deutlich anzumerken. Sie hat im Oberallgäuer Wahlkreis nur 12,2 Prozent der Erststimmen für sich gewinnen können. Sie kann es nur noch über Ausgleichsmandate in den Bundestag schaffen. Ähnlich sieht es mit 12,4 Prozent auch bei den Zweitstimmen aus. Schrader (linkes Bild) ringt nach Worten: „Die Große Koalition hat nicht die erhoffte Unterstützung bekommen“, sagt sie, „das war glaube ich eine Protestwahl gegen die Große Koalition“, sagt sie und sieht auch Fehler in der Arbeit der eigenen Partei: Die großen Themen Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt und der Mindestlohn seien „wohl nicht gut genug“ transportiert worden. Dabei sei es für sie an den Infoständen leicht gewesen, zu kommunizieren und überzeugen. Um die verlorene Wählerschaft zurückzugewinnen, setzt Schrader darauf, das sozialdemokratische Profil der Partei stärker herauszustellen und zu „reden, reden, reden“. Die Ansage von Martin Schulz, dass die SPD in die Opposition gehe, unterstützt Schrader: „So sind wir die stärkste Kraft und nicht die AfD.“ Kämpferisch zeigte sich Landtagsabgeordnete Ilona Deckwerth. Für sie gehört zu den Fragen der Zukunft, was die männlichen Wähler antreibt, konservativ zu wählen. Die SPD habe doppelt so viele weibliche Wähler erreicht wie männliche. Den Erfolg der AfD sieht sie als Angriff auf die Demokratie. „Die machen Stimmung mit Halbwahrheiten“, sagt sie und fordert: „Ein Diskurs muss auf Fakten basieren! Wir müssten wieder lernen, dass ein Kompromiss etwas Gutes ist – der Königsweg“, macht sie darauf aufmerksam, dass es in unserer komplexen Welt kaum schnelle und einfache Lösungen geben kann. Interessant findet Deckwerth den dramatischen Verlust der CSU: „Das hat auch uns verändert.“

Luftballons steigen – FDP freut sich über Rückkehr

Ein bisschen überrascht war das Team um den FDP-Direktkandidaten Stephan Thomae dann doch von der Entwicklung in den letzten Wochen – anders kann man es sich nicht erklären, dass für den absehbaren Wiedereinzug in den Bundestag eine Festlokalität ausgesucht wurde, deren Küche am Sonntagabend geschlossen ist. Trotz dieser Fehlplanung ließen es sich die rund 30 Kemptener und Oberallgäuer Liberalen nicht nehmen, auf die Rückkehr der FDP in den Bundestag anzustoßen. Über die 10,2 Prozent in Bayern und 11,7 Prozent Wählerstimmen in der Stadt Kempten war Stephan Thomae sichtlich erfreut. „Sowohl die zukunftsorientierten Themen, als auch der moderne Auftritt der FDP waren maßgebliche Faktoren, die zum Erfolg der Liberalen auf Bundesebene beigetragen haben. Der Zuschnitt des Wahlkampfes auf den Spitzenkandidaten Christian Lindner stieß nicht bei allen Wahlkämpfern auf Zustimmung war letztendlich aber erfolgreich.“ Am Beispiel Digitalisierung erläuterte Thomae, dass die FDP ganz stark auf die Chancen dieses Zukunftsthemas gesetzt habe und diese Offenheit bei den WählerInnen positiv ankam. Auf dem Foto freuen sich FDP-Kreisvorsitzender und Stadtrat Dr. Dominik Spitzer (v.l.), Daniela Busse (Stellvertretende Vorsitzende der FDP in Kempten) und Ulrich Kremser.

Grüne: Ausgelassene Stimmung

Auch wenn nicht getanzt wurde, die Stimmung bei den Grünen im Kempodium war gelöst und fröhlich und Anlass dafür gab es durchaus. Auch wenn die Grüne Bundestagskandidatin Erna-Kathrein Groll weit davon entfernt war, den Wahlkreis Kempten-Oberallgäu-Lindau im Bundestag als Direkt- oder Listenkandidatin vertreten zu können, erzielte sie zusammen mit ihrem Wahlkampfteam ein Ergebnis, das sowohl in Kempten (11,3 Prozent) als auch in Bayern (9,8) über dem Wahlergebnis der Grünen auf Bundesebene (8,9) liegt. Erna-Kathrein Groll, die sich für die Grünen im Kemptener Stadtrat engagiert und Mitarbeiterin des Landtagsabgeordneten Thomas Gehring ist, machte für das gute Abschneiden der Grünen im Wahlkreis die engagierte und fleißige Unterstützung der ehrenamtlichen Wahlkampfhelfer verantwortlich. Sehr erfreut zeigte sich Groll über die wieder angestiegene Wahlbeteiligung (Kempten: 72,7 Prozent/ Bund: 76,2 %).

Video-Statements der einzelnen Kandidaten aus dem Wahlkreis 256 gibt’s auf der Facebook-Seite des Kreisbote Kempten.

Susanne Kustermann, Michael Schropp

Auch interessant

Meistgelesen

Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang
Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang
Funkenwiese: Bebauungsplan liegt erneut aus
Funkenwiese: Bebauungsplan liegt erneut aus
Bei der Isnyer Schlossweihnacht passt auch heuer alles gut zusammen
Bei der Isnyer Schlossweihnacht passt auch heuer alles gut zusammen
Am Biomassehof könnten Kutter und die AHG eine neue Heimat finden
Am Biomassehof könnten Kutter und die AHG eine neue Heimat finden

Kommentare