Eng, weit, herzlich, kalt, natürlich oder künstlich

Dem Thema "Beziehung" widmet das Kemptener Kunstkabinett seine Themenausstellung 2017

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„La famiglia“ von Paolo Dalponte aus der Trientiner Künstlergruppe „La Cerchia“.

Kempten – Zusammen und doch schon getrennt: Herzlich und stürmisch umarmt ein Kind seine Mutter. Die Zöpfe fliegen, der Blick ist innig. In der Körpermitte sind die Mutter und Kind eins.

Die Füße der beiden streben aber weg vom Gegenüber. Und auch die Oberkörper tendieren nach außen. „Zweiwerdung“ heißt die Bronzestatue von Annette Zappe, in der ebenso viel Dynamik steckt wie in der realen Beziehung junger Erwachsener und ihren Eltern.

Die Skulptur ist in guter Gesellschaft. Um sie herum hängen Radierungen und Zeichnungen aus der Sammlung von Dr. Wilhelm Maul. Auch einige von ihnen zeigen die „Ur-Beziehung“ zwischen Mutter und Kind, wie Maria Farkas, Mauls Tochter und Leiterin des Kunstkabinetts, sagt. So eine „Frau mit kleinem Kind auf dem Schoß“ von Max Liebermann oder Chagalls Radierung „Mutter mit Kind“.

Seit mittlerweile schon 33 Jahren ist im Kunstkabinett eine jährliche Themenausstellung zu sehen, bei der sich die Werke aus der Maul‘schen Sammlung und zeitgenössische Exponate ergänzen.

Maria Farkas hat die Werke, die aus der Sammlung ihres Vaters stammen, in einem Raum versammelt. „Mir ging es vor allem um die Beziehung von Mensch zu Mensch“, sagt sie. Neben dem „Abendmahl“ von Max Beckmann ist heuer auch Picassos „Gaukler“ zu sehen.

Über 800 Grafische Blätter hat der leidenschaftliche Kunstsammler Maul zu Lebzeiten erworben. „Er wollte der Kunst ein Zuhause schaffen“, sagt Farkas. Mit dem Kunstkabinett, das der Internist in einer leerstehenden Wohnung in seinem Haus eingerichtet hat, erfüllte er sich seinen Wunsch buchstäblich. Heute findet sich das Kabinett in der ehemaligen Wohnung von Maul selbst. Die antiken Möbel und Vasen aus verschiedenen Epochen schaffen einen charmanten Rahmen. Der Besucher wandelt über knarzenden Dielenboden von Raum zu Raum.

Im ehemaligen Esszimmer gleich neben dem Eingang erwarten die Besucher die Werke der Künstlergruppe „La ­Cerchia“ aus Kemptens Partnerstadt Trient, die schon seit 20 Jahren zu den Themenausstellungen beiträgt. Aus den anregenden Aquarellen und Zeichnungen, die impressionistisch und teils expressionistisch anmuten, sticht das vielschichtige Bild „La famiglia“ (Kreide, Tusche, Aquarell) von Paolo Dalponte heraus. Zu sehen sind darauf keine Menschen, wie der Titel vermuten lässt, sondern ein Tisch, in dessen Mitte ein quadratisches Loch ausgesägt ist. Dicht gedrängt finden sich darin vier Stühle, die Lehnen zueinander gedreht.

Aber auch die Künstler aus der Region stellten (zeit)kritische Exponate zur Verfügung. Der Waltenhofener Karikaturist Wolfgang Steinmeyer weist auf unsere „Vermeintliche Selbstbestimmung“ hin und thematisiert in „Angst vor der Zukunft“ mit zwei im Wasser watenden Vögeln, ein Ei in der Hand, die drohende Klimakatastrophe und kann ihr sogar etwas Positives abgewinnen.

Und auch Bernadette Mayrs Bleistiftzeichnung, auf der eine High-Tech-Gondelkabine abgebildet ist, hinterfragt die Beziehung zwischen „Mensch und Natur“, die ein Schwerpunkt der Ausbildung zu sein scheint (auch bei Brigitte Dorns Werken mit Pigmentfarbe).

Etwas geheimnisvoller mutet die zweiteilige Holzskulptur „Einverleiben“ der Bolsternangerin Daphne Kerber an. Auf Sockeln finden sich hier Papierkelche, ein Laib Brot und gestapelte Hostien.

Der Form an sich widmen sich Anita Kreck in einer ansprechenden Federzeichnung mit Acryl und Monotypien, Gudrun Gmelch mit ihrer Betonsulptur „Konvex und konkav“, die im Garten zu sehen ist und Maria Farkas, deren Ölmalerei „Blau und Orange im Zusammenspiel“ im Flur der Wohnung hängt. Spitzen und Bögen, Licht und Schatten bilden hier ein harmonisches Arrangement.

Für die Organisatorin ist die Ausstellung generell ein Synonym für Beziehung: Beziehung zwischen den Künstlern untereinander, zwischen Trient und Kempten, zwischen Besucher und Künstler.

Insgesamt findet sich in der Ausstellung eine ausgewogene Mischung aus Schönem, Abstraktem, Konkretem, Rätselhaftem, Hintergründigem und Lustigem; einziger Wermutstropfen: die nicht immer optimale Ausleuchtung der Räume.

Noch bis Sonntag, 15. Oktober, kann die Ausstellung im Kunstkabinett, Salzstraße 12, besucht werden: Do, Fr, Sa 16-18 Uhr, Sonn- und Feiertage 14-17 Uhr und nach Vereinbarung, Tel. 0831/2 83 81.

Susanne Kustermann

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