"An der schönsten Stelle eine WC-Anlage"

Fachgruppe für Denkmalschutz nimmt Kempten unter die Lupe

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Haben Kempten aus Sicht des Denkmalschutzes unter die Lupe genommen: (v.l.) Michael Bräuer, Dipl.-Ing. Architekt BDA aus Rostock, Dr. Ulrike Wendland vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Halle, Thomas Dienberg, Stadtbaurat Göttingen.

Kempten – Die Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz ist ein Gremium zur fachlichen Begleitung des Programms Städtebaulicher Denkmalschutz, das vom für die Städtebauförderung zuständigen Bundesministerium berufen wird. Der interdisziplinären Gruppe gehören Experten an, deren fachlicher Schwerpunkt in der erhaltenden Stadterneuerung und städtebaulichen Denkmalpflege liegt und deren Aufgabe es ist, denkmalgerechte Sanierungen zu begleiten. Vergangene Woche traf sich eine Gruppe aus 35 Leuten, darunter auch Mitglieder der Kemptener Bauverwaltung, zum Monitoring in Kempten

Neben dem Gesamteindruck der Stadt standen drei aktuelle Kernthemen des Programmgebiets „Erweiterte Doppelstadt“ im Fokus: Aufwertung der historisch bedeutsamen Burghalde, Umgang mit dem denkmalgeschützten Beginenhaus und Projektentwicklung des sich in Planung befindlichen Sparkassen-Quartiers. Die Ergebnisse der zweitägigen Tagung mit straffem Programm zum Jahresthema „Öffentliches und privates Bauen – Engagement und Qualitätssicherung im Städtebaulichen Denkmalschutz“, fassten die Gremiumsmitglieder Thomas Dienberg, Stadtbaurat Göttingen, Dr. Ulrike Wendland, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Halle, und der Rostocker Dipl.-Ing. Architekt BDA Michael Bräuer in einem Pressegespräch zusammen. Erstaunt habe man festgestellt, dass der Schwund an historischen Gebäuden in Kempten nicht dem Bombardement im Zweiten Weltkrieg geschuldet sei, sondern späteren Einsätzen der Abrissbirne. Dafür hatten die großzügigen öffentlichen Plätze von Stifts- bis Reichsstadt beeindruckt, wie Wendland bekundete.

Allerdings sehe man „noch Luft nach oben“ was den Flä- chenversiegelungsgrad betreffe. Da sei eher „viel für Pflegeleichtigkeit“ getan worden, aber „es muss nicht immer alles zugekärchert werden“, meinte sie. Als „sehr ambitioniert“ bezeichnete ihr Gremiumskollege Dienberg die „für sich gesehen“ jeweils tolle Gestaltung und Materialität der Plätze. Aber er vermisste ein Gesamtkonzept, das sich wie ein „roter Faden“ durchziehe, monierte er zum Beispiel die uneinheitlichen Pflasterungen oder auch die Möblierung. Uneingeschränktes Lob gab es für den St. Mang-Platz.

"Sparkassen-Quartier" 

Dienberg sieht Kempten „an einem Wendepunkt“ angelangt und so empfahl er der Stadt, sich „zur Kleinteiligkeit zu bekennen“. „Aktiv beginnen“ könne man damit gleich beim „Sparkassen-Quartier“ unter Einbeziehung der Arkaden aus den 1950er Jahren an der Königstraße und „nicht die alte Großbebauung durch eine neu zu ersetzen“. Für die Expertenrunde gut vorstellbar ist an dieser Stelle gleichwertig Einzelhandel und Wohnen – und/oder auch die Stadtbibliothek. Zwar funktioniere der Einzelhandel in der Innenstadt trotz zunehmendem Onlinehandel noch gut, aber er werde sich „auch in Kempten irgendwann verändern, wie Wendland prophezeite. „Die Stadt muss immer auf vielen Beinen stehen“, empfahl sie und so sei, pflichtete ihr Dienberg bei, hier auch Wohnen „eine überdenkenswerte Strategie“. 

Burghalde

„Ein Ort mit unglaublichen Qualitäten“ und einigen leicht zu behebenden Defiziten“, unter anderem durch „sauber machen“, brachte Wendland den Zustand der Burghalde auf den Punkt. So sei beispielsweise zu hinterfragen, ob es für das Sommerkino und den Märchensommer wirklich ein Amphitheater brauche oder eine „mobile Bestuhlung“ reiche. „Mit ein paar Tricks“ könne die Burghalde nicht nur barriereärmer, sondern darüber hinaus zu einem in Städten immer wichtiger werdenden „grünen Erholungsraum“ werden. Weniger Nutzung, statt mehr“, müsse die Devise lauten. „So einen grünen Berg hat nicht jede Stadt“, wunderte sich Dienberg: „Und an der schönsten Stelle steht eine WC-Anlage“. 

Beginenhaus

Als einen der insgesamt deutschlandweit 200 „dicken Brocken“ im Förderprogramm stufte Bräuer das Beginenhaus ein, das unbedingt erhalten und im städtebaulichen Kontext gesehen werden müsse. „Wir haben sehr empfohlen“ das Banner an der Hauswand zu belassen und auch die Fassade nicht zu streichen, „um an die Aufgabe zu erinnern“. Für eine Nutzung des Gebäudes sehe man viele Möglichkeiten, zum Beispiel als Pilgerunterkunft, was seines Erachtens gut zum Beginenhaus passen würde. Zudem sei an der St. Mang-Brücke eine „Kreuzung von zwei Pilgerwegen“. Wendland unterstrich, dass für solch ein Gebäude „nur eine sanfte Nutzung“ in Frage komme und die Stadt sich über eine dauerhafte finanziell Unterstützung klar sein müsse. „Es gibt keine wirtschaftliche Nutzung“, wie bei anderen Kulturgütern wie Museen oder Kirchen auch, betonte sie. Zumindest konnte Dieberg insofern beruhigen, als das Haus „gesichert ist und noch ein paar Jahre so stehen bleiben kann“. Es sehe zwar nicht schön aus, aber wie in anderen Kommunen auch, stünden derzeit Investitionen im Kita und Schulbereich an erster Stelle. Bei ihrem „problemorientierten Stadtrundgang“ war die Expertengruppe auch auf einige „Dinosaurier der 1970er Jahre“ gestoßen, wie Wendland beispielsweise das ein oder andere Kaufhaus einstufte. „Erbstücke“, mit denen man umgehen müsse, es aber falsch wäre, „sie zum Maßstab zu machen“. Verbesserungspotential wurde ebenso beim Verkehr gesehen, unter dem die Stadt laut Wendland „ächzt“ und der nicht überall sein müsse – wie zum Beispiel in der Kronenstraße. Um die Stadt fußgängerfreundlicher zu machen sei manchmal auch ein „bisschen Härte“ gegenüber Partikularwünschen angebracht, meinte sie. „Denkmäler sind auch eine Art Tafelsilber“, nicht vermehrbar und endlich, mahnte Wendland abschließend die Aufgabe jeder Generation an, sich die Zuneigung dazu zu erarbeiten.

Christine Tröger

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