Kempten auf dem Weg zur Verkehrswende?

Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben

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In der Immenstädter Straße soll sich das Angebot für Radfahrer schon bald erheblich verbessern.

Kempten – Fahrradfreundlich, mit deutlichem Signal in Richtung Verkehrswende war die Sitzung des Ausschusses für Mobilität und Verkehr, die letzte Woche im Kemptener Rathaus über die Bühne ging.

Jahrelang hatte sich vor allem der ehemalige ödp-Stadtrat Helmuth Hitscherich vehement für einen Radweg auf der vielbefahrenen Immenstädter Straße eingesetzt. Nun sollen Radschutzstreifen auf beiden Seiten der Straße, die bislang keinerlei Angebot für den Radverkehr aufweist, für mehr Sicherheit der Radler und somit für alle Verkehrsteilnehmer sorgen. Genau genommen handelt es sich um das 700 Meter lange Stück zwischen Mozart- und Maler-Lochbihler-Straße. Bereits in der Dezembersitzung 2018 hatte Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann die Maßnahme im Bauausschuss vorgestellt und die Bauzeit von Sommer 2019 bis Ende 2020 angegeben. Da auch der Hauptkanal erneuert werden muss, wird die Verkehrssicherung sinnigerweise im Rahmen der gemeinsamen Kanal-, Tief- und Straßen- sowie Landschaftsbauarbeiten von Staatlichem Bauamt Kempten (Teile der Immenstädter Straße sind als Bundesstraße klassifiziert), KKU und Stadt Kempten durchgeführt. Da der Kanal in vier Metern Tiefe liegt, muss die Gesamtmaßnahme in drei Bauabschnitten erfolgen. Start ist laut Wiedemann am 7. September 2020, Teil zwei zwischen Mozartstraße und Hirschstraße soll 2021 folgen und Abschnitt drei Ende 2022. 

Neben der im Schnitt 5,50 Meter breiten Fahrbahn soll auf beiden Seiten je ein 1,50 Meter breiter Radweg mehr Sicherheit garantieren. Die Gehwege werden mit 1,75 bis zwei Meter Breite optimiert, an Engstellen reicht es nur für 1,5 Meter Breite. Auch barrierefreie Querungsstellen sollen gleich mit umgesetzt und die Ampeln erneuert werden. Die bestehenden Stellplätze sollen laut Wiedemann „zum Großteil erhalten“ bleiben. Unter Berücksichtigung aller Nebenkosten bezifferte Wiedemann die Kosten für die Gesamtmaßnahme auf rund vier Millionen Euro. Die Baukosten liegen nach Ausschreibungsergebnis bei 2,86 Millionen Euro; die für die Verkehrssicherung veranschlagten 195.000 Euro verteilen sich auf alle Kostenträger. Auf die Stadt Kempten entfallen inklusive zusätzlicher Bodenentsorgung und Baunebenkosten ca. 1,42 Millionen Euro, der durch die Regierung von Schwaben förderfähige Anteil beträgt etwa 620.000 Euro.

Bahnhofstraße wird radtauglich 

Als eine „prioritäre Maßnahme“ im Rahmen des Mobilitätskonzepts (Moko) 2030 gilt der Ausbau der Bahnhofstraße zur Stärkung des Radverkehrs und des ÖPNV. Für die rund 6000 Studenten der Hochschule Kempten sieht Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann derzeit nämlich kein attraktives Radverkehrsangebot auf der Bahnhofstraße zur Innenstadt zu gelangen. Ein bereits geplanter Ausbau der Straße mit Reduzierung von vier auf zwei Fahrspuren sei derzeit im städtischen Haushalt nicht finanzierbar. Deshalb strebt Wiedemann eine „Zwischenlösung“ mit einer „Umweltspur“ an, die vornehmlich ohne bauliche Veränderungen auskommen soll. Stattdessen setzt er zunächst auf Verkehrsschilder und Markierungen. Planerisch untersucht werden derzeit das Abspecken von vier auf zwei Fahrspuren, mit einem Anschluss an den Schumacherring; der Wegfall des geteilten Rad- und Fußwegs im Seitenbereich; die Ausweisung einer Umweltspur für den Rad- und Busverkehr, die dem Bus-Linienverkehr freistellt, die Spur zu benutzen oder nicht, sowie die Sperrung der Zufahrt Fischerösch/Bahnhofstraße mit Sackgasse. 

Wiedemann verspricht sich dadurch u.a., dass die „sehr gute Radverkehrsführung“, auf Höhe Bahnhof/XXXLutz logisch weitergeführt wird und die Möglichkeit, eine durchgehende Radwegeverbindung in Nord-Süd-Richtung zu schaffen. Zudem erhielten die Fußgänger breitere Gehwege, da der geteilte Rad-Fußweg entfalle und der Busverkehr könne bedarfsgerecht zwischen der Fahrbahn und dem Radfahrstreifen wählen. Sollten die Planungen der aktuellen Untersuchung stand halten, und insgesamt befürwortet werden, könnte die Umweltspur bestehend aus Radverkehrsstreifen mit dem Zusatz „Linienverkehr frei“ laut Wiedemann noch in diesem Jahr realisiert werden. Helmut Berchtold (CSU) erinnerte daran, auch die Rad-Verb i n d u n g z w i s c h e n Bahnhof und Forum über die Wiesstraße, vorbei an der Berufsschule nicht zu vergessen. „Wir haben beide Linien im Fokus“, versicherte Wiedemann, nur sei die an der Bahnhofstraße „schneller umsetzbar“. 

Zudem sei letztere nicht nur für die Studenten wichtig, ergänzte Baureferent Tim Koemstedt, sondern stadtauswärts auf der Oberstdorfer Straße seien auch viele andere Radler unterwegs. Julius Bernhard (Future for Kempten) wies auf „eines der gefährlichsten Probleme“ hin: das Radwegende mitten im Kreuzungsbereich und in der Königstraße. Laut Wiedemann wolle man noch warten, „bis alle Hochbaumaßnahmen in diesem Bereich erledigt sind“. Josef Mayr (CSU) äußerte die Sorge, dass eine der Schwachstellen in der südlichen Stadteinfahrt, „der Flaschenhals“ Richtung Stadtmitte durch die Maßnahmen nur „verlängert“ statt verbessert werde. Wolfgang Hennig (SPD) warnte wegen der Verkehrsfrequenz durch das dortige Ärztehaus vor einem Radweg in der Wiesstraße. Dr. Stefan Thiemann (Grüne) Beauftragter des Stadtrats für Mobilität, fand Wiedemanns Vorschlag „einfach grandios“ und eine gelungene Verknüpfung mit motorisiertem Individualverkehr. 

Nord-Süd-Achse wird in Angriff genommen 

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte der Verkehrsausschuss befürwortet einen Radverkehrsplan zu erstellen und die Verwaltung mit Planung und Umsetzung einer zentralen Nord-Süd-Achse für den Radverkehr beauftragt. Führen sollte sie entlang der Memminger Straße mit den Knotenpunkten Rottachstraße und Adenauerring, im Süden über die Prälat-Götz-Straße in die Salzstraße mit Knotenpunkt Mozartstraße und Lindauer Straße und über die Mozartstraße in die Bahnhofstraße. Intensiv hat sich die Stadtverwaltung seither das Gebiet Salzstraße, PrälatGötz-Straße und südliche Memminger Straße angesehen. Laut Stefan Sommerfeld, Verkehrsmanager im Amt für Tiefbau und Verkehr, gibt es für die Maßnahme von der Regierung von Schwaben rund 39.000 Euro aus dem Topf des Förderprojekts „Erweiterte Doppelstadt“. 

Vor einer detaillierten Planungen müsse allerdings geklärt werden, ob eine Tempo-30-Regelung für den Straßenbereich durchsetzbar ist. „Grundsätzlich hat Jeder das Recht, 50 Stundenkilometer in der Stadt zu fahren“, nannte Sommerfeld lediglich „drei Hebel“ für Tempo 30“: Sicherheit und Ordnung; Luftreinhaltung und Lärmschutz; städtebauliche Gründe mit Bestimmung von Haupt- und Nebenstraßen. In Absprache mit der Verkehrsbehörde und der Verkehrspolizei will die Stadt zunächst die kurzfristig realisierbare Möglichkeit nutzen, um streckenbezogene und temporäre Tempo-30-Regelungen einzuführen, und zwar in der südlichen Memminger Straße zwischen Adenauerring und Reitstallweg. 

Gültig ist die Regelung von Montag bis Freitag zwischen 7 und 17 Uhr und damit an die Betriebszeiten der im Bereich liegenden Kindertagesstätte St. Nikolaus, Kinderschutzbund und Wichtelstube gekoppelt. Nicht nur die Straßenverkehrsordnung würde diese Maßnahme erfordern. Auch zahlreiche Kinderund Jugendeinrichtungen hätten sie in einem Brief an OB Thomas Kiechle gefordert. Außerhalb der Regelung gilt weiterhin Tempo 50 wodurch im genannten Bereich auf beiden Seiten Radstreifen installiert werden können. Bei einer 24/7 Tempo-30-Regelung wäre es laut Sommerfeld nicht möglich. Erst noch intensivere Untersuchungen sind ihm zufolge für einen Radfahrstreifen in der Salzstraße zwischen Lindauer-, Bodman- und Mozartstraße nötig. Parallel zur kurzfristigen Lösung wird städtebaulich untersucht, ob Tempo 30 für den gesamten Bereich der Nord-Süd-Achse sinnvoll und verkehrlich möglich ist. 

Städtebauliche Betrachtung
Als eine der wichtigen Hauptverkehrsachse fließen rund 16.000 Fahrzeuge täglich durch Salz-, Prälat-Götz-Straße und die südliche Memminger Straße. Sie durchquert historische Stadtteile mit einer hohen Dichte an sozialen Einrichtungen von Schule bis zu Museen und Kirchen, Gastronomiebetrieben, Einzelhandel und auch Wohnquartieren, was wiederum ein hohes Aufkommen an Fußgängern bedeutet. Deshalb möchte die Stadtverwaltung der Frage nachgehen, ob diese Achse aus dem Hauptverkehrswegenetz der Stadt herausgelöst und der Verkehr über andere Straßen z.B. Rottach- und Illerstraße oder Adenauerring und Lindauer Straße geführt werden könnte. Eine Zuwendung seitens der Regierung von Schwaben sei für dieses Vorhaben gegebenenfalls bereits zugesagt, wie es hieß. 

Für OB Thomas Kiechle betonte das gegebene Bekenntnis den ÖPNV, Rad- und Fußverkehr zu verbessern. Vor allem aber müsse die Verkehrssicherheit besser werden. „Wir können dafür aber nicht die Belastungen verschieben, denn überall wohnen Menschen“, legte er den Fokus auf gerechte Verteilung. Josef Mayr (CSU) erzählte von Gesprächen mit Anwohnern am Adenauerring, die weder Balkon noch Grünstreifen vor dem Haus bei täglich 35.000 vorbeirauschenden Fahrzeugen nutzen könnten. Sie würden mitansehen, wie Straßen wie die Salzstraße immer wieder teilentlastet würden und sie dadurch noch mehr Verkehr abbekommen. „Man darf das Maß nicht überziehen“, warnte er. Julius Bernhard (Future for Kempten) mahnte auch eine Lastenverteilung der Verkehrsträger an. 

„Wir bohren da ein unheimlich dickes Brett“, meinte Kiechle zu der „Daueraufgabe“, für die auch Hilfe des Freistaates nötig sein werde. Man dürfe aber die Menschen nicht gegeneinander ausspielen, gab er zu bedenken, „nicht Jeder kann Radeln, sondern nur die, die gesund sind“. Helmut Berchtold (CSU) sah ein mögliches Problem mit dem Investor des ehemaligen Kreiskrankenhauses, wenn an der Memminger Straße nun Tempo 30 komme. Schließlich hätten sie unzählige Auflagen wegen des Lärmschutzes bekommen. „Tempo 30 wird nicht ausreichend sein als Lärmschutz“ für eine Wohnbebauung, beruhigte Baureferent Tim Koemstedt. 

Christine Tröger

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