»Deutlich mehr Abenteuer im Alltag«

Familie Körber aus Kempten ist seit mehr als drei Jahren ohne Auto glücklich

Timo und Lydia Körber und der kleine Evan kommen ohne eigenes Auto bestens zurecht.
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Timo und Lydia Körber und der kleine Evan kommen ohne eigenes Auto bestens zurecht. Mit der richtigen Kleidung und Einstellung ist auch der Winter kein Problem.

Kempten – Jeden Morgen aufs Rad steigen und zur Arbeit radeln und später wieder nach Hause. Bei Wind und Wetter. Im Sommer wie im Winter. Könnten Sie sich das vorstellen? Für Timo und Lydia Körber und ihre Kinder ist das seit mehr als drei Jahren ganz normaler Alltag. Damals hat sich die Familie aus St. Mang nämlich dazu entschlossen, ihr Auto zu verkaufen. „Ich war zu dem Zeitpunkt 43 Jahre alt und habe angefangen, ein paar Sachen zu hinterfragen. Vielleicht lassen sich Dinge auch mal anders machen, dachte ich mir. Das ging bei der Ernährung los und relativ schnell waren wir am Ende beim Auto“, blickt Timo Körber zurück. Es sei vor allem die Freiheit vom Auto gewesen, die ihn angetrieben habe, den endgültigen Schritt zu wagen. 

„Ein Auto kostet einfach ganz schön viel Geld. Die Werkstattbesuche, der Reifenwechsel, die Parkgebühren. Außerdem muss das Auto irgendwo stehen und nimmt dadurch Platz weg. Für uns war es letztlich ein Abenteuer, sich bewusst zu beschränken. Aber eben nicht um darunter zu leiden, sondern im Gegenteil, um kreativ zu werden und neue Wege zu finden. Kein Auto zu haben, gibt einem ein wunderbares Gefühl von Freiheit“, so der Matheund Physiklehrer. Auch finanziell macht sich der Verzicht bemerkbar. 200 Euro mehr bleiben Familie Körber pro Monat, wenn die Kosten des Autos gegen die der Ausrüstung und der Räder gegeneinander aufgerechnet werden. Die Entscheidung, die seine Frau Lydia zusammen mit den zwei leiblichen Kindern im Sommer 2017 getroffen haben, war allerdings keine fundamentale Entscheidung. „Es ist nicht so, dass wir Autos nicht ausstehen können und uns nie wieder in eines setzen, aber wir können halt gut darauf verzichten. Für uns ist der Deal komplett aufgegangen und durch das Stadtflitzer Carsharing in Kempten haben wir jederzeit die Möglichkeit, flexibel ein Auto zu mieten, wenn wir eines brauchen. Das kommt so etwa fünf Mal im Jahr vor“, schätzt Körber. 

Herausforderung Winter

Ihren Opel Zafira haben die Körbers strategisch bewusst im Sommer verkauft. So konnte sich ihr Alltag ohne eigenes Auto in den warmen Monaten allmählich einspielen und die Familie war für die kalte Jahreszeit besser gerüstet. „Der Winter ist ganz klar eine Herausforderung, vor allem die Temperatur an den Händen. Deshalb habe ich mir relativ schnell beheizbare Handschuhe gekauft. Das klingt total luxuriös, fast schon dekadent, aber andere Leute fahren mit Sitzheizung. Spike-Reifen hatte ich bereits vorher und die sind natürlich Gold wert. Neben der Kälte ist übrigens auch das Salz ein großes Thema. Du musst dein Rad rein technisch durch den Winter bekommen. Wenn die Straßen rutschig und salzig sind, kann die Kette schon innerhalb eines Tages stark rosten.“ Hier komme dann die Gießkanne ins Spiel. Die steht am Carl-von-Linde-Gymnasium, am dem Körber als Lehrer tätig ist. Er und einige Kollegen, die im Winter mit dem Rad zur Arbeit fahren, gießen ihre Fahrradketten kurz ab und kommen dank dieses simplen Tricks rostfrei durch den Winter. Und wie ist das bei starkem Schneefall? „Es kann schon mal vorkommen, dass du morgens zur Schule fährst und später nicht mehr zurückkommst, weil zu viel Schnee liegt und die Radwege nicht geräumt sind. Aber dann laufe ich halt oder nehme den Bus. Das kam bis jetzt nur relativ selten vor“, berichtet der 47-jährige.

Bereut er es denn wirklich nie, wenn er sich bei Minusgraden durch Schneetreiben oder Wind kämpfen muss? „Ehrlich gesagt, nein. Du wirst schwach, wenn dein Auto vor der Tür steht. Das ist klar. Dann würde ich mir morgens auch überlegen, ob ich nicht lieber dort einsteige. Aber wenn eben kein Auto da ist, dann hast du diese Wahl gar nicht. Das ist entscheidend. Es ist ein immenser Unterschied, ob du quasi automatisch deine Bekleidung anziehst und dich aufs Rad setzt, dir nichts dabei denkst oder ob du erst mit dir kämpfen musst, weil du die Option hast. Das ist psychologisch ein großer Unterschied“, so sein persönliches Fazit nach mehreren Allgäuer Wintern auf dem Rad. 

Auch der knapp vierjährige Pflegesohn Evan hat bereits ein eigenes Fahrrad und legt damit unter anderem seinen täglichen Weg zum Kindergarten zurück. Im Winter fest eingepackt in einen dicken Schneeanzug und mit grünen Krokodil-Handschuhen. „Evan kennt das Leben gar nicht anders. Kurz nachdem er zu uns kam, haben wir das Auto verkauft. Er wird also ohne Auto groß, und ist deshalb immer total begeistert, wenn wir mal eines ausleihen“, verrät Timos Ehefrau Lydia. „Ich habe festgestellt, dass er durchs tägliche Radeln motorisch vergleichsweise weit entwickelt ist für sein Alter und natürlich unheimlich fit. Und einen schönen Gedanken finde ich, dass es durch unser autofreies Leben eine gewisse Gleichberechtigung bei der Fortbewegung gibt. Evan beherrscht das gleiche Fortbewegungsmittel wie wir als Eltern. Das stärkt ihn total. Bei einem Auto steckst du die Kinder nur rein und fährst los“, merkt Lydia Körber an. 

Urlaube auch mal mit dem Auto

Laut einer Umfrage von Statista aus dem vergangenen Jahr möchten mehr als 60 Prozent der Deutschen aus dem konservativ-bürgerlichen Lager und über 50 Prozent aus dem liberalen Lager nicht auf ein eigenes Auto in Zukunft verzichten.

Zu welchen Gelegenheiten leiht sich Familie Körber denn ab und zu ein Auto? „Wir fahren relativ häufig mit dem Zug, wenn wir Ausflüge machen oder wohin wollen. Unsere Urlaube haben wir lustigerweise seit dem Autoverkauf mit dem Auto gemacht. Einmal in die Toskana und einmal nach Quiberon. Kürzlich waren wir in Balderschwang zum Wandern und da mussten wir uns auch ein Auto leihen. Ohne wäre es leider nicht gegangen. Die haben den öffentlichen Nahverkehr eingestellt und es fährt nur noch einmal am Tag ein Bus. Da kannst du es dann knicken“, erzählt der Familienvater. „Wir sind jetzt auch keine super Radikalos, die dann sagen, dann gehen wir halt überhaupt nicht dahin. Man trifft immer Entscheidungen und wägt ab. Keiner ist konsequent mit allem. Das ist gar nicht der Anspruch. Ich möchte auch nicht zu heilig rüberkommen. Das ist Quatsch. Auch wir haben unsere Inkonsequenzen. Wir haben zum Beispiel ein Haus, man könnte es auch viel kleiner haben. Wir leben zwar vegan, haben eine Haus-WG mit zwei Mitbewohnern, ein Pflegekind und kein Auto, aber wir empfinden uns in keiner Weise besser als die anderen. Unser Fußabdruck ist immer noch jenseits dessen, was man sich eigentlich leisten dürfte“, sagt Körber ganz offen.

Das Auto ist für viele Deutsche immer noch ein Statussymbol, doch die Zeiten, in denen nur Porsche- oder Audi-Fahrer als Siegertypen galten, sind längst vorbei. Mittlerweile gibt es viele Alternativen, die umweltschonender, gesünder und vor allem günstiger sind. Darüber hinaus lockt natürlich der Gedanke, auf Staus, die ewige Suche nach einem Parkplatz, Parkgebühren, Knöllchen, Fahrverbote, Maut oder aber Punkte in Flensburg verzichten zu können.

Nachahmung empfohlen

Was können Timo und Lydia Körber also all denjenigen raten, die mit dem Gedanken spielen, ein Leben ohne eigenes Auto zu führen? „Man lebt nur einmal. Wir haben uns gesagt, das mit dem Auto kennen wir schon, warum nicht ein wenig Abenteuerlust in den Alltag bringen? Probleme neu lösen und sich anders organisieren? Uns gibt es ein Gefühl von Leichtigkeit, diese Freiheit vom Auto. Deshalb würde ich vorschlagen: Wenn jemand sein Auto eh wechseln oder verkaufen möchte, dann kann er an dieser Stelle ja einen Versuch einbauen. Es für ein paar Monate ohne Auto versuchen, am besten im Sommer. Kaufen lässt sich jederzeit wieder eines. Und wenn der Sommer toll war, dann sagt man sich vielleicht, jetzt lohnt es sich eh nicht mehr nur wegen des Winters eines anzuschaffen. Stattdessen sucht man nach Kreativlösungen.“ Man habe mit dem Fahrrad durchaus auch Leiden, gerade in nicht fahrradfreundlichen Städten, gibt Timo Körber zu Bedenken. „Wenn ich aber morgens durch den Engelhaldepark fahre, frische Luft atme und weiß, dass ich auf dem Weg zur Arbeit noch Sport mache, dann ist das einfach ein glücklicher Moment.“

Kathrin Dorsch

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