Starke Stücke

Ein farbiges Programm begeistert das Publikum bei Classix 2020

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Benjamin Schmid (Violine), Matthias Bartho-lomey (Violoncello), Ariane Haering (Klavier).

Kempten – Zur Halbzeit des diesjährigen Kammermusikfestivals dieser Zwischenstand: Aus dem bunten und vielseitigen Programm auf dem Papier entstehen in der Realität sehr farbige und interessante Abendkonzerte, die wegen der regen Kartennachfrage teilweise ein vorgezogenes Zusatz-Nachmittagskonzert bekommen haben.

Der bes(ch)wingte Montagabend endete mit „Nuages“, der schönsten Komposition von Django Reinhardt, dem Mitbegründer des europäischen Jazz und der unbestrittenen Ikone des Gypsy Swing. Das einstige Wunderkind an der Gitarre Biréli Lagrène ist genauso sein Enkel im Geiste wie der junge Diknu Schneeberger aus Wien, der an diesem Abend mit seinem Trio angereist ist, um mit Benjamin Schmid und Biréli Lagrène aufzuspielen. 

Eine abwechslungsreiche Nummernrevue war es, die sie aufführten, mit Stücken des französischen Jazz-Geigers Didier Lockwood, dem sich Benjamin Schmid stark verbunden fühlt, aber auch einigen Jazz Standards von Cole Porter und vor der Zugabe „Nuages“ noch einigen an-deren Stücken von Django Reinhardt. 

Denn neben der Violine war natürlich die Gitarre das Instrument des Abends. Lagrène, der sich schon lange vom Wunderkind zum anerkannten Mitglied der World Jazz Community entwickelt hat, hielt sich zurück und überließ den Abend Benjamin Schmid und Diknu Schneeberger, die sich besonders zum Schluß des Konzerts hin zusammen in die schönste Gypsy Jazz Mood spielten. Am Dienstagabend dann ein Konzert, das aus seiner Beschränkung seine Intensität und Schönheit erlangte. Nur Werke von Beethoven und nur die ganz kleine Besetzung von höchstens drei Musikern. Zwei Klaviertrios und zwei Violinsonaten; neben Benjamin Schmid an der Violine spielten seine Frau Ariane Haering am Klavier und Matthias Bartholomey am Violoncello. 

Ob im Duo oder im Trio, der Vortrag der Musiker war tadellos, engagiert und ausdrucksstark. Mit dem Geistertrio op 70/1 als letztem Werk des Abends spielten die drei Musiker eines der populärsten Klaviertrios Beethovens. Auf gleicher Augenhöhe mit gleicher Gewichtung der drei Instrumente arbeiteten sie den musikalischen Aufbau des dreisätzigen Werkes sehr schön heraus. Dafür gab es großen Beifall.Ludwig van Beethoven hat insgesamt 32 Sonaten für Klavier geschrieben. Sie zählen zu den bedeutendsten Werken der Klavierliteratur und lösen sich musikalisch vom zeitgeschichtlichen Hintergrund, um einen ganz eigenen Kosmos zu entwickeln. Der Pianist und Dirigent Christoph Soldan wählte am Mittwochabend in einem „Lesekonzert“ drei dieser Sonaten aus und beleuchtete zusammen mit überlieferten Briefen einen wenig behandelten biografischen Aspekt aus Beethovens Leben: Dessen letztendlich unerfüllte Liebe zur ungarischen Gräfin Josephine von Brunsvik. 

Soldan, der von seiner Frau Stefanie Goes beim Vortrag der Briefe unterstützt wurde, spielte die genannten Sonaten oder einzelne Sätze daraus dynamisch sehr weit gespannt und gleichzeitig sehr plastisch in der Phrasierung, so dass zusammen mit seinen Erläuterungen tatsächlich mögliche Wechselwirkungen zwischen (Gefühls-)Leben des Komponisten und seinem Komponieren deutlich wurde. Nicht nur musikalisch ein spannender und unterhaltsamer Abend. 

Das heutige Konzert (Samstag, 26. Oktober) mit dem Pianisten Bernd Glemser ist bereits ausverkauft. Am Sonntag gibt es um 11 Uhr eine Matinée und um 17 Uhr Teil 2 von „Auf Augenhöhe“ mit sieben Violinsonaten von Beet-hoven, in zwei Konzerten gespielt von Benjamin Schmid und Ariane Haering. Infos und Karten: www.classix-kempten.de.

Jürgen Kus

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