Sensationsfund in Pforzen

Vor fast zwölf Millionen Jahren: Erster aufrecht gehender Menschenaffe war ein Allgäuer

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So könnte ein männlicher Danuvius guggenmosi ausgesehen haben.

Pforzen – Es ist eine Sensation, die weltweit für Aufsehen sorgt: Nicht wie bisher angenommen aus Afrika, sondern aus dem Ostallgäu sollen die ersten aufrecht gehenden Vorfahren des Menschen stammen. Wissenschaftler der Universität Tübingen haben in der Hammerschmiede in Pforzen, einer ehemaligen Tongrube, fast zwölf Millionen Jahre alte versteinerte Skelettreste des „Danuvius guggenmosi“ gefunden.

Bislang haben Forscher angenommen, dass sich der aufrechte Gang vor etwa sechs Millionen Jahren in Afrika entwickelt hat. Beides will Forscherin Prof. Madelaine Böhme von der Universität Tübingen nun mit der Entdeckung im Ostallgäu widerlegt haben und veröffentlichte ihre Studie im Fachmagazin „Nature“. 

Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa entwickelte, stelle laut ihrer Aussage die Grundfeste der Paläoanthropologie auf den Kopf. Sie hält es für „nahezu ausgeschlossen“, dass es in Afrika noch ältere aufrecht gehende Menschenaffenformen gab. 

Für Wissenschaftler deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Menschenaffen bereits vor rund zwölf Millionen Jahren über die Fähigkeit verfügten, auf zwei Beinen zu gehen. Das wäre doppelt so alt wie bisher vermutet. Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen aus Kenia und von der griechischen Insel Kreta. 

Die Fähigkeit, aufrecht zu gehen, gilt als zentrales Merkmal von Menschen. „Die Funde aus Süddeutschland sind ein Meilenstein der Paläoanthropologie, denn sie stellen unsere bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage“, sagte Böhme. An der Studie waren neben der Forscherin der Universität Tübingen weitere Wissenschaftler aus Bulgarien, Deutschland, Kanada und den USA beteiligt. Die Funde dieses Menschenaffen umfassen 37 Stücke. Böhme und ihr Team entdeckten die Fossilien von vier Individuen – einem männlichen Tier, zweier Weibchen und einem Jungtier – der bislang unbekannten Menschenaffenart.

In einem Flusssediment der Tongrube, einem mäandrierenden kleinen Bach kamen die Fossilien in über fünf Meter tiefen Sand- und Lehmschichten zum Vorschein. Daher rührt auch der Name des neuen Fundes, wie Böhme in einem Interview mit „Campus TV“ der Universität Tübingen erklärte: Danuvius ist ein keltischer Flussgott (der Donau). Guggenmosi geht auf den Entdecker der Fundstelle zurück, Siegulf Guggenmos, ein im vergangenen Jahr verstorbener Hobby-Archäologe und gebürtiger Kaufbeurer. 

Die Flussrinne ist 11,62 Millionen Jahre alt und voller Wirbeltierfossilien. Insgesamt hat das Forscherteam 115 Arten ausgegraben – Fische, Amphibien, Reptilien, kleine und große Säugetiere, Vögel und eben Danuvius. Beim Danuvius guggenmosi handelt es sich um ein Missing Link, ein fehlendes Bindeglied in der menschlichen Evolution. Die Ausgrabungen der Paläontologen fanden zwischen 2015 und 2018 statt. 

Den versteinerten Fossilien des Danuvius guggenmosi gab das 15-köpfigen Forschergruppe den Beinamen Udo, weil sie es am 70. Geburtstag von Udo Lindenberg gefunden haben. Der Danuvius guggenmosi hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf zwei Beinen und kletternd fortbewegt. Das legt die Anatomie der gefundenen Skelettreste nahe. 

Durch eine S-förmige Wirbelsäule habe sich dieser Menschenaffe aufrecht halten können, während bislang bekannte Menschenaffen lediglich eine einfach gebogene Wirbelsäule besitzen. Körperbau, Körperhaltung und Fortbewegungsweise sind für einen Primaten bislang einzigartig. Er hatte eine gestreckte Kniehaltung, 31 Kilogramm Körpergewicht, war etwa einen Meter groß. Die Weibchen dürften gerade mal 18 Kilogramm gewogen haben, weniger als die heutigen Menschenaffen. 

Die verhältnismäßig langen Arme und Greiffüße des Danuvius deuten darauf hin, dass er auch in Bäumen lebte. Der Brustkorb war flach und breit und die Lendenwirbelsäule verlängert, wodurch Danuvius effektiv seinen Körperschwerpunkt über der gestreckten Hüfte und Knien halten konnte. Die Knochen lassen auf mehrere Schlüsselmerkmale menschlicher Zweibeinigkeit schließen, wie zum Beispiel eine X-Stellung der Beine. Bekannt sind laut Böhme 100 Menschenaffenarten. Keiner allerdings sei vergleichbar mit dem Fund aus der Hammerschmiede.

st

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