Von "Gekritzel" bis Fe2Cl3

Faszination in Abstraktion – die künstlerische Welt von Jürgen Meyer

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Jürgen Meyer bei der Vernissage zu seiner aktuellen Ausstellung „Cluster“.

Kempten – Das Kritzeln gehört zu Jürgen Meyer wie das Licht zum Tag oder die Sterne zur Nacht. Es ist eine in seinem Gesamtwerk immer wiederkehrende Facette, in der das Mensch sein zum Ausdruck kommt. Er will damit aber weniger Kindergekritzel imitieren, sondern sich eher vom geraden Strich oder sogar von der Perfektion insgesamt befreien.

Selbst in den Kritzeleien – oder gerade in ihnen? – finden sich häufig die Elemente seines Lieblingsquartetts: Haus, Gitter, Käfig, Schutzraum, die für ihn „elementare Bedürfnisse“ darstellen. 

Andere Malereien und Zeichnungen erzählen von seinen inneren Mythologien (Tempel und ähnliches sind keine Seltenheit in der Motivwahl Meyers), von Menschen und Landschaften, vor allem Bergen. Stundenlang kann er zum Beispiel dem Spiel der Wolken zusehen, um sich von ihnen inspirieren zu lassen. Täglich fällt sein Blick auf den Grünten, der ihm nicht als einziges Berg-Model posiert, aber irgendwie selbst beim eindeutig in Griechenland anzusiedelnden „Samothraki – Mondberg“ einzufließen scheint. 

Für seine unterschiedlich ausgeprägten Abstraktionen greift der ehemalige Hochschulprofessor vor allem zu Oilbar, Acryl, Teerlack, auch Eisenchlorid, das so wenig korrigierbar wie beständig ist und sich mit der Zeit mehr und mehr verändert. Wie er es einmal beschrieb, fesseln ihn daran die rotbraune Farbe wie das „Bluten“, sprich die herauslaufende Farbe, gleichermaßen. Dass den Haptik-affinen Künstler unter anderem die Rückseite von Tapetenbüchern als Malgrund faszinieren, verwundert kaum. 

Der gebürtige Mohnheimer, Jahrgang 1949, hat sein Abitur am Allgäu-Gymnasium in Kempten gemacht, wo er als Schüler auch eine künstlerische Prägung durch Hans Dietmann erfuhr. Es folgte ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München, Lehrtätigkeit an Gymnasien und schließlich 15 Jahre als Dozent am Institut für Kunstpädagogik an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München. 

„Cluster“ hat er seine noch bis Sonntag, 27. Oktober, laufende Ausstellung in der Kunsthalle Kempten überschrieben. In ihr fügen sich unterschiedliche Dinge zu einer am Ende doch irgendwie Einheit zusammen. Die „Strukturen aus dem Nichts“, Werke unter dem Obertitel „Inferno“, „Am Berg“, „Mythos und Mensch – Archaische Spuren“, „Das Bild als Denkraum“ (worin es um das Kritzeln und erste Strukturen sowie Antistruktur und Zerfall geht), oder Werke zu „Grenzen der Welt“ fügen sich auch in dem frisch erschienen Katalog „Die überraschte Leichtigkeit“ mit Texten unter anderem von der Kunsthistorikerin Dr. Agathe Schiddunser, zusammen. Er ergänzt und erklärt wunderbar die sorgfältig getroffene Werkauswahl für die Ausstellung auf insgesamt 173 farbigen Seiten und wird gesondert vorgestellt am Dienstag, 15. November, 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Dannheimer, Bahnhofstraße 4. 

Die Ausstellung „Cluster“ ist noch bis Sonntag, 27. Oktober geöffnet, Do/Fr 14 – 18 Uhr und Sa/So 12 – 18 Uhr in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5. Am letzten Sonntag, 27. Oktober, gibt es um 16 Uhr ein Künstlergespräch mit Jürgen Meyer.

Christine Tröger

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