Mit einem Würstchen lässt sich schlecht Eindruck machen

FDP-Diskussion: Von verzweifelten Bauern und schizophrenen Verbrauchern

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Beim Gespräch im Haus der Milch stellten sich der landwirtschaftliche Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Gero Hocker (hinten rechts), und der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfrakton Stephan Thomae (hinten links) den Fragen der Landwirte aus Maschinenring, Bauernverband und Alpwirtschaftlichem Verein. Mit dabei war auch Alfred Enderle, der Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands (hinten Mitte).

Kempten/Landkreis – Die Stimmung bei den Bauern ist am Boden. „Ich verbiete meinen Kindern, in die Landwirtschaft zu gehen“, sagte Andreas Rauh, der einen 60-Kuh-Milchviehbetrieb besitzt. Er war als Stellvertreter des Maschinenrings bei der Diskussion anwesend, zu der der hiesige FDP-Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae am Mittwoch vor einer Woche geladen hatte. Der Austausch stand unter der Überschrift „Die Zukunft der Landwirtschaft“. Mitgebracht ins Haus der Milch des Milchwirtschaftlichen Vereins hatte Thomae den landwirtschaftlichen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Gero Hocker. Die beiden FDP-Vertreter zeigten sich dabei recht einmütig mit Landwirten aus der Region.

„Die Politik und ihre Vertreter, wie sie heute anwesend sind“, sagte Hans Epp, der Vorsitzende des Milchwirtschaftlichen Vereins in Bayern, in Richtung der beiden Gäste, „sind informiert, sie wissen, wovon sie sprechen. Aber, was bringt’s? Irgendjemand finanziert und fördert die Lehrstühle.“ Und diese Leute seien grundsätzlich aus der Industrie, wie Landtechnik oder der Chemie. „Dann wird auch genau dieses gelehrt und nichts anderes - und genau dieses erforscht und erprobt – auf einem Staatsgut. Der, der finanziert, schafft auch an, was bei den Studien herauskommt.“ Das sei auch der Grund, warum das Ministerium an der Gülleausbringung mit Schleppschlauch festhalte, auch wenn die Oberallgäuer Landwirte für ihre Landschaft bewiesen, dass er in ihrem bergigen Gelände nichts bringe. Mannigfaltig sind die Probleme, mit denen Andreas Rauh und seine Landwirtskollegen derzeit zu kämpfen haben. Ganz vorn auf der Liste stehen die Vorurteile. Rauhs Tochter komme oft aus der Schule nach Hause mit Binsenweisheiten, die dort verbreitet würden, zum Beispiel, dass eine Kuh in der Natur nur eine Hand voll Milch pro Tag gebe. „Ich habe ihr gesagt, dass allein schon ein Kälbchen zehn Liter pro Tag braucht, um zu überleben.“ Auch der erste Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins Franz Hage beklagt die Einmischung in seinen Metier von Leuten, „die sich nicht auskennen“ und einen „überzogenen Naturschutz“. 

Gehetzt von der Industrie und den Grünen

Der Staat wolle, dass auf den Alpen weniger Spritzmittel zum Einsatz komme, aber an den Straßenböschungen werde „der schlechteste Samen“ gesät, der anschließend auch auf den landwirtschaftlichen Flächen die Unkräuter Disteln und Kreuzkraut sprießen lasse. „Wir sollen das dann von Hand herausziehen. Da hilft uns keiner“, sieht Hage keinen Halt mehr in der Politik. Diese rede „der Industrie und den Grünen“ nach dem Mund. „Ich würde gerne eine Hecke oder Büsche pflanzen“, sagte Rauh, „aber wenn sie zehn Jahre oder länger stehen, darf ich sie ohne Erlaubnis nicht mehr wegmachen“, sah er diese Statute als „kontraproduktiv“. 

„Meine Familie bewirtschaftet den Hof seit Generationen, die wussten, wie man mit Grund und Boden umgehen musste, und gaben das Wissen weiter.“ Jetzt werde Rauh von oben diktiert, wie er zu handeln habe. Auf Nachfrage des Kreisbote nannte er das Beispiel Düngeverordnung, die ihm verbiete, im Winter oder auf Schnee und gefrorenem Boden Gülle auszubringen. Dazu gelte eine Sperrfrist, diesen Winter von 29. November bis 29. Februar. „Weil die Bauern keine Hellseher sind und nicht wissen, wie lange im Frühjahr Schnee liegt, fahren sie kurz vor Beginn der Sperrfrist auf Teufel komm raus, egal ob sinnvoll oder nicht.“ Das Ziel: die Güllegrube leeren, nicht dass der Lagerraum am Ende des Winters nicht mehr reicht. Rauh findet das paradox, weil ab sieben Grad und kälter das Nitrat nicht aus der Gülle ausgewaschen werde. Erst ab sieben Grad und wärmer wandelten, vereinfacht gesagt, Bakterien durch einen chemischen Prozess die Gülle in Nitratstickstoff um, was pflanzenverfügbar sei. „Der Landwirt muss sich nach Wetter und Region richten, das kann man nicht vom Schreibtisch aus diktieren“, sagt er. Aber genau das werde getan nach dem Motto, „das was du gelernt hast, ist schön und recht, jetzt machen wir es anders“. 

Gehetzt von Brüssel

Laut landwirtschaftlichem Sprecher der FDP Gero Hocker gehe man bei der Verschärfung der Düngeverordnung den „zweiten Schritt vor dem ersten“. Weil Deutschland nach Meinung der EU-Kommission noch immer zu wenig tut, um das Grundwasser zu schützen, fordert sie schärfere Maßnahmen, obwohl diese erst 2017 novelliert wurde. Von Berlin wurde eine weitere Reduzierung des Düngereinsatzes von 20 Prozent in belasteten Gebieten vorgeschlagen, um das drohende Bußgeld von täglich rund 850.000 Euro abzuwenden. 

Nach Meinung der Landwirte habe Deutschland die Nitratwerte falsch gemessen. Wie der schwäbische Bauernverbandspräsident Alfred Enderle sagte, habe Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern bewusst nur landwirtschaftliche Quellen herangezogen. „Mit der Düngeverordnung wird man an den Roten Gebieten nichts ändern.“ Franken sei zum Beispiel „tiefrot“, aber dort gebe es nur noch sehr wenig Landwirtschaft. Ein Hydrologe habe Hocker erklärt, an jeder Stelle ein beliebiges Messergebnis erzielen zu können. „Wir sollten zuerst analysieren, woher die hohen Nitratwerte im Grundwasser kommen!“, forderte Hocker und brachte marode Kanalisationen der Ballungsgebiete ins Gespräch, die auch eine Mitschuld an den Nitratwerten haben könnten. Hocker habe über eine Anfrage erfahren, dass über Leckagen 25 Prozent Fremdgewässer in die Kanalisation gelangten. „Wo Wasser hineinkommt, kommt es auch heraus“, sagte er. Und sah als weiteres Indiz für eine mögliche Mitschuld der Städte, dass die Nitratproblembereiche häufig um die Städte herum lägen. 

Gehetzt von Tierrechtlern

Außerdem werde „Abwasser bei Hochwasser stark verdünnt in Kläranlagen geleitet“, wo die Bakterien durch die Verdünnung nicht mehr richtig arbeiten könnten, und so das Abwasser möglicherweise ohne Klärung in die Natur gelange. Auch die Bauernschaft fordert schon länger, die Nitratbelastung der Städte unter die Lupe zu nehmen. 

Hocker berichtete von einer Städterin, die er bei einer Diskussion kennengelernt hatte. Auf seine Frage, woher sie ihr Wissen über Tiere beziehe, habe sie geantwortet, eine Katze zu halten. Weil sie keinen Freigang erhalte, ernähre sie sie als Kompensation vegan, damit kein anderes Tier leide. Hocker unterschied zwischen Tierschützern, denen daran gelegen sei, dass Tiere alles haben, was sie brauchen. Tierrechtler stellten dagegen Tiere auf die gleiche Stufe mit Menschen und seien gegen jegliche landwirtschaftliche Tierhaltung. 

Tief sitzt bei den Landwirten das Entsetzen darüber, wie Tierrechtler agieren. „Ich habe gestern mit einem Kollegen gesprochen, der unter Beobachtung war“, sagte Landwirt und Waldbauer Josef Stiegeler, „es ist unvorstellbar, wie da die Nerven blank liegen.“ Drohnen fliegen über den Hof, Leute huschen durch den Garten, schauen zum Fenster herein, und machen Fotos vom Fahrsilo aus, empörte er sich: „Darf es sein, dass ich zu diesen Leuten auch noch freundlich sein muss?“ Auch Hocker als Präsident des Deutschen Fischereiverbands hat schon erlebt, wie PETA-Aktivisten Angler mit Steinen beworfen haben. In Deutschland sei es wegen des Vereinsrechts schwierig, „solchen Leuten beizukommen“. Er habe einen Antrag eingebracht: „Es kann nicht sein, dass Vereine wie PETA über Spendenquittungen steuerlich begünstigt werden, obwohl sie Gesetze brechen.“ Der Koalitionspartner hindere CDU/CSU daran, zum Antrag Stellung zu beziehen, so Hocker.

Gehetzt von der öffentlichen Meinung

Jurist Thomae erklärte, dass es nicht per se verboten ist, über fremde Grundstücke zu gehen und Fotos zu machen. Das Eindringen in einen Stall oder Grundstück mit geschlossener Tür sei Hausfriedensbruch, dafür müsse die Tür nicht einmal mit dem Schlüssel verschlossen sein. Wird ein Schloss aufgebrochen, handle es sich um Einbruch. Die Grauzone bestehe darin, dass auch Leute, die auf diese Weise rechtswidrig eindringen, Anzeigen stellen dürften. Der Landwirt könne ebenfalls mit einer Anzeige reagieren – gegebenenfalls gegen unbekannt. „Der richtige Weg bei der Vermutung, dass gegen den Tierschutz verstoßen wird, ist die Behörden zu informieren“, so Thomae. 

Der stellvertretende BBVKreisobmann Andreas Hummel hatte den Eindruck, die Politik sei getrieben von der öffentlichen Meinung. Hocker pflichtete ihm bei und zeigte sich froh, „dass man in meiner Fraktion nicht immer 1:1 von „kurzfristigen Stimmungslagen“ der Bevölkerung abhängig ist“. 

Er berichtete von einem kürzlichen Besuch in Stuttgart, wo man ein Kernkraftwerk vom Netz genommen habe. „Jetzt kauft man Atomstrom aus Frankreich oder Kohlestrom aus Polen.“ Enderle sah die Annahme des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ ähnlich. „Obwohl die Initiatoren fachliche Schwächen eingeräumt haben, hat es Söder übernommen“, sagte er. Ausnahmen würden jetzt umständlich mit einem Begleitgesetz geregelt. 

Dazu kritisierte die stellvertretende Kreisbäuerin Lucia Wölfle, dass der Biolandbau laut diesem Gesetz bis 2030 auf 30 Prozent ausgeweitet werden soll. „Wir als Biolandwirte bekommen unsere Produkte schon jetzt nicht los.“ Sie überlege, ob es noch Sinn macht, weiterzumachen, weil durch die ständig neuen Auflagen „nichts mehr planbar“ sei. Stephan Thomae kritisierte die Auflagen, die „nur noch von Großbetrieben erfüllt“ werden könnten. Bei gleichzeitiger Beteuerung, die kleinen Betriebe erhalten zu wollen. Die Politik sei geprägt „von einem großstädtischen Milieu, das sich anmaßt, zu wissen, wie man Landwirtschaft betreibt“. 

Gero Hocker wies auf die Forderung der FDP hin, in der Landwirtschaft einen Bestandsschutz einzuführen. Laut ihm haben es die Molkereien schwer, gute Preise für die Bauern zu erzielen, weil der Lebensmitteleinzelhandel oligopolistisch geprägt sei. „In den letzten Wochen nahmen die Lebensmittelketten mehr Geld für Milch ein, haben es aber nicht an die Bauern weitergegeben, obwohl es so kommuniziert worden ist“, sagte er und erzählte vom Gegenbeispiel Strommarkt, wo die Windparkbetreiber eine Einspeisevergütung von 20 Jahren durchgesetzt hatten. 

Hocker appellierte an die „Wahrhaftigkeit der Verbraucher“, die einerseits gute Lebensmittelqualität forderten, aber andererseits billig einkaufen wollten. Bei Autos sei dies anders: „Wenn jemand Mercedes fahren will, dann ist er sich dessen bewusst, dass er mehr Geld zahlen muss als für einen Dacia. Damit kann man ja auch seinen Nachbarn beeindrucken“, sagte er, „einem Würstchen im Kühlschrank sieht niemand an, wie viel es gekostet hat.“ Hier zähle nur, wie teuer der Grill ist, auf dem es liegt. Er sprach sich dafür aus, dass alle Anbieter, die Produkte in Deutschland anbieten, die gleichen Standards einhalten müssen, egal aus welchem Land sie stammen. 

Thomae wollte den Bauern selbst überlassen, ob sie Bio sein wollen oder nicht, je nachdem wie der Markt aussieht. Eine gesetzliche Bioquote drücke auch in diesem Segment letztlich den Preis, wie er meinte. Auch den Verbraucher wolle man erziehen, das sei aber „ein Missverstehen des Marktes, denn die Leute regeln das schon selber. Vielmehr muss man das Verständnis der Bürger für die Landwirtschaft wieder zurückgewinnen“, die im Moment entfremdet seien und zum Beispiel das Wissen zurückgeben, dass Jungtiere seit Alters her geälpt werden, wie es Älpler Franz Hage zuvor vermisst hatte, weil er sich beim Auftrieb von Fahrradfahrern habe anschnauzen lassen müssen. „Hohe Qualitätsstandards lassen hohe Preise rechtfertigen“, sagte Thomae.

"Dann sperret doch dia Diar zua!" 

Hans Epp, Vorsitzender des Milchwirtschaftlichen Vereins, hatte das letzte Wort. Auch er griff die Tatsache auf, dass immer mehr Landwirte ihre Läden dichtmachen und auch immer mehr potentielle Hofnachfolger sich in anderen Berufen umsehen. Epp ermutigte die Landwirte, nicht bis zuletzt an ihren Betrieben zu hängen und die Gängelungen zu ertragen. „Wenn ich einen einzigen von meinen Enkeln jammern höre!“, drohte er gespielt. „Wir alle kennen den Strukturwandel: Obwohl so viele aus der Landwirtschaft ausgestiegen sind, haben wir deswegen nicht weniger Milch.“ Einzig die Arbeit sei mehr geworden.

Susanne Lüderitz

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