Als die Elektrizität nach Kempten kam

Das AÜW feiert heuer sein 100jähriges Bestehen und kann auf eine bewegte Geschichte blicken

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Blick auf das Allgäuer Überlandwerk von der gegenüberliegenden Illerseite aus.

Ob im Privatbereich oder am Arbeitsplatz, es ist für uns Zeitgenossen eine Selbstverständlichkeit, jederzeit auf elektrische Energie zurückgreifen zu können, die „ja bekanntlich aus der Steckdose“ kommt.

Damit aber Strom fließen kann, müssen ihn E-Werke erst produzieren und dann über Leitungen dem Endverbraucher in Haushalten und Betrieben zur Verfügung stellen. Diese Aufgabe übernimmt bei uns die „Allgäuer Überlandwerk GmbH“ (AÜW), das im Januar 2020 sein einhundertjähriges Betriebsjubiläum feiert. Das Versorgungsgebiet des AÜW erstreckt sich heute auf das südliche Schwaben und hier auf den größten Teil des Allgäus und bezieht über Beteiligungen die Energieversorgung im angrenzenden österreichischen Kleinwalsertal mit ein. Dadurch ist das Unternehmen, das seinen Sitz in Kempten hat, der größte regionale Stromanbieter im Allgäu. An der Spitze des Unternehmens seht heute als Geschäftsführer Michael Lucke, Oberbürgermeister Thomas Kiechle ist Verwaltungsratsvorsitzender.


Die Anfangsjahre der elektrischen Energie in Au

Die bescheidenen Anfänge der Elektrizität liegen bei uns aber noch weiter zurück und haben ihre Geburtsstunde um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts auf dem östlichen Illerufer in Au, zwischen Weidach und Graben. Dafür bot sich diese Stelle an, da es hier wegen eines natürlichen Wehrs in der Iller schon ab 1394 eine Mahl- und Stampfmühle als Lehensgut des Kemptener Stiftes gab, die als Antrieb die Wasserkraft der Iller nutzte. 

1526 errichtete ein „Sixt Staiger“ in Au eine Papiermühle, der bald eine weitere Papiermühle folgte. Weil die dortige Papiererzeugung eine Konkurrenz zu der reichstädtischen Papierproduktion darstellte, beschwerten sich die Kemptener beim Fürstabt. Auch wegen des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes zwischen Stiftherren und der freien Reichsstadt Kempten stießen diese Proteste aber auf taube Ohren. Im Jahre 1617 ist auf diesen stiftischen Papiermühlen ein „Hans Mayr“ in Au genannt. 

Ab 1771 sind urkundlich in Au eine Mahlmühle und zwei Papiermühlen erwähnt. Um 1870 nahm dann ein gewisser J. Reindl dort eine Holzstofffabrikation auf. Im Jahre 1883 trat dann der Augsburger Ingenieur Adolf Böhm in Au in Erscheinung und kaufte von Christian Ebner die Holzschleiferei mit der Haus Nr. 207 ½ und 209 ab, die Böhm unter dem Namen „A. Böhm & Cie.“ weiterführte. Böhm erwarb 1886 von „Xaver Brack“ die Mahlmühle mit der Hausnummer 210 und baute sie zur Holzschleiferei um. Im Jahre 1892 konnte Böhm ein weiteres Werk, Haus Nummer 208, eine ehemalige Baumwollreisserei von Lisette Wiesner aufkaufen. Diese baute Böhm ebenfalls zu einer Holzstoffschleiferei um, so dass es ab 1892 in der Au drei Holzschleifereien gab, die damals den Rohstoff für die Papierherstellung lieferten. Im Jahr 1898 gelang es Böhm auch, in Au das Haus mit der Hausnummer 207 zu erwerben.

Damit hatte er alle Anwesen in der damaligen Au in sein Eigentum überführt. Der weit vorausschauende Adolf Böhm, der sich für neue Antriebstechniken sehr aufgeschlossen zeigte, ging nun im Jahre 1907 daran, ein kleines Elektrizitätswerk zu errichten um den Energiebedarf für seine Holzschleifereien mit selber produziertem Strom zu decken. Dabei konnte er auf die früher gemachten Erfindungen, u.a. auch von Werner von Siemens, zurückgreifen, einem Pionier in Sachen Elektrifizierung und der Nutzung von Strom zum Antrieb von Maschinen, dessen Patent auf seine Dynamomaschine ins Jahr 1866 zurückreicht. Böhm ging nun daran, überschüssigen Strom auch an die nähere Umgebung zu liefern. 

Auslöser dafür dürfte die Nachricht gewesen sein, dass es bereits am 25. August 1891 in Lauffen (Baden-Württemberg) gelang, Wechselstrom mit 55 Volt über eine Freileitung bis nach Frankfurt zu übertragen. Somit wusste Böhm, dass elektrischer Strom über längere Entfernungen als Wechselstrom nahezu verlustfrei transportiert werden kann. 1910 schloss Böhm zwei Holzschleifereien, ließ aber gleichzeitig die dritte Schleiferei elektrifizieren, indem er dafür die Wasserleitungen der beiden geschlossenen Schleifereien nutzte. Damit konnte er seine Energieerzeugung an elektrischem Strom weiter ausbauen. Seinerzeit war das Werk auf eine mittlere Durchflussleistung von 16 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ausgerichtet, mit der Böhm eine Leistung von 300 PS erzeugte. Da Böhm ja auf Wechselstrom setzte, den er über eine 5000 Volt Hochspannungsleitung übers Land schickte, konnte er schon bald mit dem späteren Sanatorium Jodbad Sulzbrunn und den benachbarten Dörfern die ersten größeren Stromabnehmer zu seinen Kunden zählen. 

1912 kamen die Gemeinden Vorderburg, Rettenberg und Untermaiselstein hinzu und Böhm ließ auch eine Wechselstromleitung um den Rottachberg errichten. Die damaligen Abnehmer schätzten schon damals an der Elektrizität, dass sie weder den Lärm noch die Abgase von damaligen Dampfmaschinen oder Dieselmotoren verursachten. 1914 baute Böhm seine Anlagen weiter aus, als es ihm gelang, an der Iller bei „Sonderten“ (Gemeinde Martinszell) eine Sägemühle zu erwerben. Die Nutzung der Wasserkraft an diesem Ort als Antrieb der ehemaligen Martinszeller Mühle lässt sich bis ins Jahr 1434 zurückverfolgen. Bis 1884 befand sich dort eine Sägemühle, die später zu einer Holzschleiferei umgebaut wurde und unter dem Besitzer „Alfred Keppel“ bis 1913 ihren Dienst verrichtete. 

Seit 1896 nutzte dann ein gewisser „Karl Ilg“ dort die Wasserkraft der Iller schon zur Stromerzeugung. Ilg übertrug die erzeugte Elektrizität durch Leitungen in die in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Kempten gelegene neuerbaute Kunstmühle „Karl Ilg“. Nach dem Tod von Karl Ilg kaufte dann Adolf Böhm im Jahre 1914 diese Anlage von der Witwe Ilg. Nach dem Krieg im Jahre 1919 konnte Böhm noch das Anwesen von der Witwe „Keppel“ erwerben. Damit war er auch in Sondert der alleinige Eigentümer der dortigen Stromerzeugungsanlagen, die mit einer Durchflussmenge von ca. 12 Kubikmetern Wasser pro Sekunde ungefähr 210 PS leistete. Fortsetzung folgt. 

Von Dr. Willi Vachenauer

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