Fesselndes Psychogramm

Konflikte sind vorprogrammiert als sich die Türen beim Nothalt des Zuges nicht mehr öffnen lassen. In der Enge des Abteils müssen sich drei Generationen arrangieren. Unterschiedliche Lebensmuster, die sich kaum fremder sein können. Die zermürbende Situation jedoch überwindet Gräben, zeigt die Verletzlichkeit der Individuen, weicht Rollenverhalten auf und ermöglicht schließlich Annäherung und Verständnis für das Andersartige, respektive den Anderen.

Was als „normale“ Fahrt im ICE von Düsseldorf nach Berlin beginnt, entwickelt sich in Kerstin Mertenskötters preisgekrönten Stück „Das Zugunglück“ zu einem fesselnden Psychogramm, an dessen Ende ein überraschender Showdown steht. Unter der Regie von Udo Guggenberger meisterten die Laiendarsteller des Theater Projekts Kempten in Kooperation mit dem Theater Wildpoldsried und dessen Leiterin Eva Köllner die Herausforderungen des Stückes bravourös im ausverkauften TheaterOben. Nach und nach füllt sich der Zugwaggon mit den Protagonisten. Ein älteres Ehepaar auf dem Weg zu ihrer Tochter und Enkelin, mit Willibald Herrmann als nörgeligen Werner und Manuela Walter als dessen beflissene Ehegattin Heidrun herrlich besetzt. Es folgen die mit der mangelnden Disziplin einiger Schüler überforderte Lehrerin Frau Mallgradt, die mit Christa Schlagenhaft glaubwürdig durch alle Stadien von Emotionalität schlitterte, und drei ihrer Schützlinge auf Klassenfahrt: Nina Vogl als belesene Streberin Lena, die gegen alles und jeden rebellierende San, eine Rolle die Julia Sonnleitner mit Haut und Haar ausfüllte, sowie der gleichermaßen rotzige, von Sandro Wadtsoch lebensnah gespielte Kollya. Kurz vor der Abfahrt stürzt noch der junge Familienvater Jochen ins Abteil, dessen persönliches Drama Raphael Rädler nuancierte. Kaum sind die ersten Kontakte geknüpft, die ersten Kabbeleien ausgestanden, wird die kurze Verzögerung der Weiterfahrt wegen technischer Probleme durchgesagt. Rasch wachsen Unruhe und auch Aggressionen im Abteil. Die Türen verschlossen, der Notfallhammer fehlt, kein Handyempfang. Allein schon die Sprache der respektlosen Jugendlichen stößt auf Ablehnung. „Schlampe“, „Omma“, „Alter“ – oder besser gesagt „Alta“, wie die Pädagogin amüsiert den häufigsten Rechtschreibfehler des Jahres verkündet – und ähnliches fliegen den Waggoninsassen als Dauerbrenner um die Ohren. Kippende Stimmungen San und Kollya kämpfen mit den öden Belehrungen der „Spießer“. Die Abrechnung zwischen alt und jung bestimmt die Szene. Doch die feindselige Stimmung kippt. Die Menschen beginnen aufeinander zuzugehen, sich zuzuhören. Der Generationenkonflikt verschwindet mehr und mehr. Die Zerbrechlichkeit der Harmonie wird deutlich, als der wahre Grund des Nothaltes bekannt wird: Eine Bombendrohung, aus „ihrem“ Abteil. Rasch flammen gegenseitige Verdächtigungen wieder auf. Ausgerechnet der so seriös wirkende Jochen wird der Tat überführt. Betroffen folgen Entschuldigungen für falsche Verdächtigungen – eine Erkenntnis. Gelungene Überleitungen boten HipHop-Einlagen vom Theater Wildpoldsried, choreographiert von Angelina Quadflieg. Die Texte von den beiden Rappern Martin Folgman und Emanuel Hofbauer verdeutlichten das Dilemma des seit Menschengedenken mit jeder neuen Generation entstehenden Konfliktes. Eine weitere Aufführung von „Das Zugunglück“ gibt es am kommenden Freitag, 20. November, um 20 Uhr in der Aula der Schule Wildpoldsried.

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