200 Jahre "Zwangsehe"

Reichsstadt und Stiftstadt: "Mir ghearet zämed und mir feiret zämed"

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Mit Erinnerungen an die Gebietsreform 1972 bereicherte Alt-OB Dr. Josef Höß (2.v.r.) die Festsitzung.

Kempten – „Auch wenn eine Mauer real fällt, bedeutet dies nicht gleichzeitig den Fall einer Mauer in den Köpfen der Menschen.“ Weise Worte, die OB Thomas Kiechle in einer besonderen Stadtratssitzung im blumengeschmückten großen Sitzungssaal des Kemptener Rathauses vergangenen Donnerstag sprach. Es war eine Festsitzung, der neben den Räten auch zahlreiche geladene Gäste, darunter drei Alt-Oberbürgermeister, beiwohnten. Sie war Auftakt zu einem üppig-bunten Reigen an Veranstaltungen, die dieses besondere Jubiläumsjahr begleiten werden: Das Jubiläum „1818– 2018: 200 Jahre vereinte Stadt Kempten“.

Dass das mit dem erzwungenen „Zähmed“-wachsen der jahrhundertelang aneinandergrenzenden und sich zum Teil feindselig gegenüberstehenden Kempten, Reichsstadt und Fürststift, eine recht zähe Angelegenheit wurde, ist ja kein Geheimnis. Es sollte aber nicht die einzige Integrations-Herausforderung der Stadt – in Variationen bis heute – bleiben, wie die drei Redner des Abends, umrahmt von Klängen des Jugendstreichquartetts der Sing- und Musikschule (Kathrin Fehre, Floriane Haslach, Severin Haslach, Tabea Monzer) amüsant zu vermitteln verstanden. Kiechle sieht in diesem Jubiläumsjahr „die große Chance, dass die Stadt Kempten als Heimat für viele Menschen und als Ort des friedlichen Zusammenlebens bewusst wahrgenommen wird“.

Eine erhebliche Rolle hatte die Religion bei der heuer zu zelebrierenden Vereinigung von „stiftisch“ und „städtisch“ gespielt und in den Köpfen und Herzen der Menschen sei das „’katholische Denken’ oben und das ‚evangelische Denken’ unten fest verankert“ gewesen, so Kiechle. Besonders der Weitsicht Adolf Horchlers, Kemptens Bürgermeister von 1881–1919, der „stets eine überkonfessionelle Politik“ betrieben habe, sprach Kiechle das Hauptverdienst der am Ende glücklichen Vereinigung zu. Trotz großer Widerstände seitens der sich uneinigen evangelischen und katholischen Stadträte habe der „Architekt der Kemptener Einheit“ am Ende seinen „großen Wurf“, den „symbolträchtigen Bau der Freitreppe“ als Verbindung, verwirklicht. Damit habe er „den Unterschied zwischen Altstadt und Neustadt verwischt und den Frieden in der Stadt gefördert“, zitierte Kiechle aus der Würdigung von Bürgermeister Dr. Otto Merkt (1919–1942) für seinen Amtsvorgänger Horchler. Reibungslos aber geht anders, was Stadtarchivar Dr. Franz Rasso Böck unterhaltsam zusammenfasste. So habe der Stadtrat 1901 mit gerade einmal zwei Stimmen Mehrheit für den Bau der Freitreppe gestimmt, 1902 seien die entsprechenden Häuser abgerissen worden, aber dann habe sich der Bau hingezogen und die Fertigstellung mit Verspätung erst 1904 erfolgt können. Aber „wurscht, wir haben 2003 schon mal das 100-Jährige gefeiert“, meinte er schelmisch. 

Auch habe es mit dem „Rauf und Runter“ bei der Freitreppe nicht gleich so geklappt, denn es sei nicht gern gesehen gewesen, dass sich das Lutherische mit dem Katholischen vermischt. Leicht vorstellbar, dass es davor noch ungemein schwieriger gewesen sein musste, die erzwungene Gemeinschaft der einst „zwei Gemeinwesen“, die eng beieinander liegend, „doch weit voneinander entfernt“ waren, mit Leben zu füllen. Zwar habe König Ludwig I. von Bayern bei seinem Besuch in Kempten bei all den Transparenten zur vereinigten Stadt denken müssen, es sei alles in Ordnung hier. „Wie er dann allerdings um die Kurve aus der Stadt raus war, kann man sich denken, dass die Spruchbänder im Staub des Kopfsteinpflasters verschwunden waren“, entwarf Böck ein sehr anschauliches Szenario. 

Selbst beim Bau des Bahnhofs habe sich die Frage gestellt, ob dieser nun evangelisch oder katholisch sei und ein eigenes Kapitel sei das Zusammenlegen der beiden Schrannen gewesen. So sei damals ein Inserat erschienen, „wir, die neustädtische Schranne sind heute ermordet worden“, gefolgt von einer Gegenanzeige Horchlers, in der von einer „Vermählung“ die Rede gewesen sei. Aber auch eine positive Seite konnte Böck dem ganzen Hickhack abgewinnen: Vor dem 1. Weltkrieg habe Kempten rund 300 Vereine gezählt, da viele doppelt existierten und großen Teils noch existieren. So sei Kempten „bis heute eine Stadt der Vereine“ in einer Vielfalt, mit der sich die 200 Jahre „gut gemeinsam feiern“ ließen.

Auch zwei andere Herausforderungen zum Thema Kempten und Integration sprach Kiechle an. So habe der Zuzug von rund 10.000 Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, die unter anderem durch die „Gründung hunderter von Geschäften“ zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beigetragen hätten, dabei geholfen „die alten Blockaden endgültig zu überwinden“. Und schließlich das Jahr 1972, mit seiner Gebietsreform, bei der es um die Eingemeindung von St. Lorenz (mit Heiligkreuz und Hirschdorf) und St. Mang (mit Lenzfried und Kottern) ging. Diese fiel in die Amtszeit von Alt-OB (1970–1990) und Ehrenbürger der Stadt Dr. Josef Höß, der eine launige Schilderung der Abläufe seinerzeit lieferte. So habe man die Entscheidung der Regierung mit Spannung erwartet und „das Entsetzen war groß“, als verlautbart wurde, dass St. Mang und St. Lorenz mit Kempten zusammengeschlossen würden. St. Lorenz sei nach 1818 auf ein Drittel seiner Einwohner geschrumpft, „hing völlig in der Luft“ und schielte eher nach Wiggensbach. St. Mang, als „die beste Kuh im Landkreis“, das sich praktisch alle früheren Kemptener Bürgermeister immer wieder erfolglos einzuverleiben versucht hätten, habe lieber selbständig bleiben wollen.

 Für die Stadt Kempten hingegen eröffneten sich dadurch neue Möglichkeiten für Gewerbegebiete, denn „wir sahen, dass wir an die Grenzen unserer Entwicklungsmöglichkeiten gekommen waren“. Schließlich habe er einen schon früher erhaltenen Rat beherzigt, verriet Höß: „Wenn Du OB werden willst, musst Du Dich mit den Chefärzten und der Feuerwehr gutstellen.“ So habe er den Bürgermeistern versprochen, „alle Feuerwehren bleiben erhalten“. In der ersten gemeinsamen Stadtratssitzung seien dann natürlich viele neue Gesichter gewesen, zollte Höß diesen „hohen Respekt für die Haltung“, die sie an den Tag gelegt hätten und „von Anfang an intensiv mitgearbeitet haben“.

OB Kiechle jedenfalls bekundete mit Blick auf die Kemptener Geschichte seine Dankbarkeit, „Oberbürgermeister einer vereinten und auch innerlich längst einigen Stadt Kempten“ zu sein und freute sich auf ein alle Sparten umfassendes Jubiläumsprogramm ganz im Sinne von „Mir gheared zämet und mir feiret zämed!“. Gebündelt und in die einzelnen Sparten („Geschichte & Führungen“, Kunst & Ausstellungen“, „Kirche & Konzerte“, Feste & Märkte“, „Sport & Aktionen“) liegt es in einer übersichtlichen Broschüre an vielen öffentlichen Stellen aus. Auch die Hotellerie ist dabei und bietet im Jubiläumsjahr Speisen wie vor 200 Jahren an und Allgäu Mail hat eine Briefmarkenserie mit Motiven der Reichs- und Stiftsstadt herausgebracht. Direkt im Anschluss an die Festsitzung wurde die Ausstellung „Vereint, aber auch glücklich?“ im Foyer des Kemptener Rathauses eröffnet. 

Christine Tröger

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