Festwoche 2021 – wahrscheinlich unwahrscheinlich wahrscheinlich

»Möglich, aber sinnlos«

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„Das gibt‘s nur einmal, das kommt nicht wieder. Das ist zu schön, um wahr zu sein.“, heißt es in einem Schlager der 30er Jahre. (Festwochenmusical „Liesl“, 2019).

Kempten – Es ist ein Sommer ohne Taktung. Flatterte man die Jahre zuvor wie ein Schmetterling von einem (Blüten-) Fest zum nächsten, so fehlt es der Sommerwiese heuer gänzlich an Farbenpracht. Kein Musik-, kein Dorf-, kein Stadtfest und auch keine Allgäuer Festwoche – coronabedingt – in diesem Jahr.

Ein Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. Oktober verhinderte in diesem Jahr das Stattfinden der Allgäuer Festwoche, dem wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Höhepunkt des Jahres. Die Festwochenleiterin Martina Dufner-Wucher macht das traurig und digitale Ersatz -angebote u. a. von der Allgäuer Zeitung oder dem Hit-Radio sind gut gemeint, können aber das unmittelbare menschliche Zusammenkommen auf der Allgäuer Festwoche nicht ersetzen. Und so lässt sich in Anspielung auf Loriot sagen: „Ein Leben ohne Festwoche ist möglich, aber sinnlos.“

Enttäuschte Leitung

„Wir sind froh, dass wir mit den entsprechenden Hygienekonzepten kleinere Messen und Märkte wieder stattfinden lassen können, wie den Händlermarkt auf dem Friedensplatz vom 15. bis 17. August. Dadurch hoffen wir ein wenig zur Belebung der Innenstadt beitragen zu können“, sagt Martina Dufner-Wucher. Auch den Beauftragten des Kemptener Stadtrates für die Allgäuer Festwoche Hans-Peter Hartmann schmerzt der Ausfall der Festwoche. „Für viele unserer Aussteller ist die Festwoche die umsatzstärkste Zeit des Jahres, es werden dort teilweise über die Hälfte der jährlichen Aufträge auf‘s Gleis gebracht“, sagt Hartmann, der sich in seiner Funktion als Festwochenbeauftragter insbesondere für das Allgäuer Handwerk stark gemacht hat. Auch für die Handwerker, die mit dem Aufbau der Festwoche beauftragt waren, war die Absage ein wirtschaftlicher Verlust, wenngleich, wie Hartmann anmerkt, „die Auftragsbücher für dieses Jahr bei den meisten noch gut gefüllt waren.“ Der Festwochenbeauftragte erzählt, dass er heuer häufig von enttäuschten Festwochengängern angesprochen wurde, die sich nichts mehr wünschen als einen Weg zurück zur Normalität. „Viele kamen auch mit ihren Geschäftspartnern oder auswärtigen Freunden und Bekannten auf das Festwochengelände, um in diesem bunten Schaufenster das Allgäu zu präsentieren“, weiß Hartmann zu berichten. Froh sind er und Dufner-Wucher nur darüber, dass keine Vorauszahlungen an Aussteller zurückbezahlt werden mussten, da die Absage bereits Ende März erfolgte. Skeptisch beurteilen beide die Zukunft der Allgäuer Festwoche. „Es wird schwierig werden, mit neuen Hygienevorschriften ein Bierzelt der gewohnten Art umzusetzen.“ Allerdings räumen beide ein, dass zur Allgäuer Festwoche, kulturell wie finanziell, heimische Gastronomie zwingend dazu gehört.

Heel‘s Alpe bleibt

Das sieht natürlich auch die Familie Heel so, die seit 16 Jahren mit ihrer „Heel‘s Alpe“ u.a. für die kulinarische Bewirtung der Festwochenbesucher bereit ist. „Für uns wäre es dieses Jahr die 17. „Feschtwoch“ gewesen. Trotz der Absage bleiben für uns die Fixkosten u.a. für Personal, Abschreibungen, Lagerkosten, Verwaltungskosten oder Versicherungen. Deshalb kann auch das wirtschaftlich geplante Ergebnis nicht erreicht werden“, sagt Michael Heel. Der verweist auch auf eine bereits laufende Planung, die sich den neuen Gegebenheiten durch den Umbau des Stadtparks anpasst. Trotzdem beurteilt Familie Heel im Ganzen betrachtet die Zukunft eher optimistisch: „Die Fans der Allgäuer Festwoche können sich auf eine noch schönere, größere und professionellere „Heel‘s Alpe“ 2021 freuen.“

Wirtschaftliche Verluste

Bei den Ausstellern fällt das Urteil zum Ausfall gleichklingend aus. Allen tut die Absage weh. So sagt Sylvester Greiter, der im vergangenen Jahr „40 Jahre Holz Greiter“ auf der Allgäuer Festwoche feierte: „Es fehlt einfach etwas: emotional, faktisch und wirtschaftlich. Die Festwoche ist für uns eine sehr wichtige Plattform, um persönliche Kontakte zu pflegen und selbstverständlich ein Wirtschaftsfaktor für uns und die gesamte Region.“

Dem pflichtet auch Helmut Jakobi vom Fachgeschäft Nähmaschinen Jakobi bei: „Die Allgäuer Festwoche fehlt mir persönlich sehr. Zum einen wegen der vielen guten Gespräche mit meinen Kunden, zum anderen fehlt mir auch der sehr gute alljährliche Festwochenverkauf.“

Uli Schmid mit seinem „Allgäuer Luftbett“ ist seit zehn Jahren auf der Allgäuer Festwoche als Aussteller mit dabei. Für ihn ist die Festwoche die ideale Plattform, um sein regionales Produkt an den Mann und die Frau zu bringen. Schmid weiss, dass bis heute so manche Allgäuer Familie größere Kaufentscheidungen bis zum Besuch der Allgäuer Festwoche aufschiebt. „Mit meiner permanten Präsenz in Halle 3 habe ich bei den Besuchern der Festwoche Vertrauen aufbauen können. Rund die Hälfte aller meiner Geschäftsabschlüsse gehen mehr oder weniger auf diese Präsenz zurück.“ Trotzdem rät Schmid allen Ausstellern nicht nur wegen der Corona-Pandemie verstärkt auf die digitale Zukunft zu setzen, ganz so, wie es ein ehemaliger Slogan der Allgäuer Festwoche formulierte: „Die Mischung macht‘s!“ Wie viele andere befindet Schmid allerdings auch: „Die „leibhaftige“ Festwoche funktioniert nur am bewährten Standort Stadtpark, im Seggersbogen wartet der Gottesacker.“

Jörg Spielberg

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