Kunstwerke machen Wegwerf-Kulis salonfähig

Bei der 70. Festwochen-Kunstausstellung haben die Jungen die Nase vorn – alle Preise sind vergeben

+
Freuen sich über die Auszeichnungen: v.l. Sebastian Mayrhofer (Förderpreis der Zorn-Stiftung) und Markus Pieper (Kunstpreis der Stadt Kempten).

Kempten – Mit der 70. Allgäuer Festwoche wurde heuer auch der Kunstpreis der Stadt Kempten zum 70. Mal ausgelobt. Zuerkannt wurde er Markus Pieper aus Röthenbach (Westallgäu), der 2010 für zwei Malereien schon einmal mit dem mit 5000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet worden war. Diesmal waren es zwei Kugelschreiberzeichnungen („Baumhaus“ und „Waldarbeiter II“), die die siebenköpfige Jury (einstimmig) beeindruckten.

Vergeben wurden auch zwei immerhin jeweils seit 50 Jahren ausgelobte Auszeichnungen: der Thomas-Dachser-Gedenkpreis (4000 Euro) an die gebürtige Marktoberdorferin Kathrin Ganser, die 2017 bereits den Kunstpreis der Stadt Kempten erhalten hatte; der Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung (3000 Euro) geht in diesem Jahr an den Kaufbeurer Künstler Sebastian Mayrhofer, das seit drei Jahren ausgelobte Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu (2000 Euro) an Till Schilling aus Altusried. 

Kunstpreis der Stadt Kempten 

„Auf der einen Seite eine traditionelle, technisch hervorragende Form der Zeichnungen“, sagt die Jury über Piepers ausgezeichnete Werke; „auf der anderen Seite durch den Einsatz des Alltagsmediums Kugelschreiber anstatt von Bleistift oder Tusche innovativ und frisch“. Wie weiter in der Begründung der Jura steht, „wirken die Kompositionen mehrdeutig und geheimnisvoll“, obwohl der Inhalt der Zeichnung scheinbar gänzlich offen gelegt werde und so „bleibt eine Irritation“. Pieper selbst beschreibt seine Werke als „oft leise und unaufdringlich“. Sie sollen „dem Betrachter eine subjektive Interpretation von ‚Welt’ aufzeigen“. Seine draußen in der Natur entstandenen Ideen konkretisiert er im Atelier durch grobe Skizzen, um sie dann mittels eigener oder entlehnter Vorlagen umzusetzen. Wie der 43-Jährige bei der Preisträger-Bekanntgabe vergangenen Freitag erzählte, habe ihn das Zeichnen mit Kugelschreiber schon während des Studiums fasziniert, wie auch der Gegensatz zwischen dem „banalen Wegwerfartikel“ als Zeichengerät und der Bergwelt. „Das Kritzeln ist eigentlich die interessante Spannung“, sagt der ausgebildete Steinmetz, der anschließend an der Akademie der Künste in München studiert und mit Diplom abgeschlossen hat und seit 2009 als Kunstlehrer am Bodensee-Gymnasium in Lindau unterrichtet. Auch der Wegwerfartikel Kugelschreiber lässt eine nuancenreiche zeichnerische Bandbreite zu, wie Pieper erläutert. Manche „batzeln“, manche „sind spitzer“, die billigen Vier-Farb-Kugelschreiber „sind echt topp“; dann habe er tatsächlich mitten in einer Zeichnung mal einen „leergekritzelt“ und feststellen müssen, dass das Blau am Ende anders ist als am Anfang, so wie generell auch bei den unterschiedlichen Kulis. 

Thomas-Dachser- Gedenkpreis 

Kathrin Ganser (geb. 1977), die „in die erste Reihe der Allgäuer Künstler aufgerückt ist“, wie Kulturamtsleiter Martin Fink betonte, hat die Jury mit ihrer zweiteiligen Arbeit „Digitale Ruinen Muc (BN #1+2), 2019“ aus der Serie „Digitale Ruinen“ überzeugt. Dafür hat Ganser Google Earth-Bilder durch starke digitale Bearbeitung entfremdet. Je größer die Entfremdung, umso größer die Gefahr des Kaputtgehens, der Fehlberechnung und Überschneidung des zugrundeliegenden Fotomaterials. Und eben gerade dem zerstörten Bild, nicht dem realistischen Abbild unserer Welt, gilt ihr Interesse. „Die Arbeiten bestechen durch ihre wissenschaftliche Anmutung und funktionieren gleichzeitig hervorragend als abstrakte Zeichnungen, die keiner theoretischen Unterfütterung bedürfen“, heißt es unter anderem in der Begründung der Jury. Ganser, die in Berlin lebt, untersucht nach eigenen Worten, die „wundersame Ästhetik“ von Bildern, die im Bruchteil einer Sekunde aus dem Bewegungsfluss der Navigation isoliert werden. „Die Funktionsweise des Online-Kartendienstes Google Maps führt sich dabei selbst ad absurdum, wenn sich Architekturen, Landschaften, Wege, Orte, Städte auflösen, sich selbst zerlegen und gleichzeitig Reste ihrer Darstellung übrig bleiben. Orientierung wird dabei zur Auflösung der vermeintlichen Realität. Die Bilder verdeutlichen einmal mehr die Relation dessen, ‚Was in Wahrheit so ist, wie es erscheint’“. Ganser sieht die künstliche Intelligenz dem Menschen nicht überlegen, „aber anders“ und diese Andersartigkeit gilt es ihres Erachtens „genauer zu betrachten“. 

Förderpreis 

„interface area“ und „blink“ heißen die beiden Arbeiten, die sich laut Jury „mit gekonnter Leichtigkeit“ zwischen Zeichnung, Fotografie und Grafik bewegen, und für die Sebastian Mayrhofer (geb. 1987) den Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung erhält. Sie lassen, so die Jury, „erahnen, in welcher Vielfalt der Genres, Gattungen und Formen künstlerischen Ausdrucks der junge Künstler zu Hause ist“. Erlasse mit dem Mittel der Collage eine surreale, fantastische Bildwelt und Räume entstehen, die sich erst im Kopf des Betrachters zusammenfügen. Das Gezeigte stelle eher Fragen als dass es Antworten gebe und auch eindeutige Aussagen treffe der Künstler nicht, heißt es weiter in der Begründung der Jury, die dem jungen Künstler zudem „enormes künstlerisches Potenzial“ zuspricht, „das eine vielversprechende Entwicklung erwarten lässt“. Er mische gern Materialien und verarbeite in seinen Collagen „Bilder aus unserer Zeit und der Vergangenheit“, sagt Mayrhofer, der die „Mechanismen und Techniken, die Menschen erfinden“, bis hin zur Architektur interessant findet. 

In seinen beiden hier ausgezeichneten Werken gehe es um „Schutzmechanismen“. Als „interface area“ werden Gebiete in Nordirland bezeichnet, die durch wiederholte Auseinandersetzung zwischen Republikanern und Unionisten gekennzeichnet sind und durch Grenzzäune entschärft werden, zeigt eine Frau auf einem Grenzzaun, die über ein Rohr versucht Kontakt zu den Männern auf der anderen Seite aufzunehmen. Ihre Blicke treffen sich nicht und die Kommunikation beider Seiten endet in einem turbinenartigen Strudel zwischen ihnen. 

„blink“ bezeichnet das Blinzeln, das reflexartige Verschließen der Augenlider zum Schutz vor Äußeren Einflüssen. Es wirft, so die Erklärung Mayrhofers , „einen kurzen Schatten auf die Wachsamkeit und lässt die Aufmerksamkeit verschwimmen“. Der zugrunde liegende Schutzmechanismus „kann nur durch das Aufreißen der Augenlieder umwunden werden“. 

Ausstellungsstipendium 

„Being“ ist der Titel der Installation von Tim Schilling (geb. 1975 in Überlingen), die die Sparkasse Allgäu mit einem Ausstellungsstipendium würdigt. Schutzmechanismen spielen auch bei ihm eine Rolle. Im Zentrum eines quadratischen Spiegels ist die reflektierende Schicht weggekratzt, dahinter läuft im Loop ein kurzes Video: Eine Figur, bekleidet mit einer Art Schutzanzug, die in reduzierter Geschwindigkeit langsam ausholt und einen Stein in Richtung Betrachter wirft. „Die Präsentation des Werks irritiert“, konstatiert die Jury. „Ein Spiegel, eine eigentlich perfekte Form wird durchbrochen. Aus dem Bruch tritt uns aggressiv eine Person entgegen. Die Aggression richtet sich gegen die glatte Oberfläche ebenso wie gegen die Betrachtenden. Diese sehe sich selbst sowie die Figur hinter dem Spiegel. Sie werden Teil der Staffelung der Ebenen.“ Die Konfrontation mit realen, mit digitalen, auch mit Scheinwelten sei hochaktuell. 

Schilling sieht in seinem Werk „die Zerstörung des eigenen Spiegelbildes mit der Konsequenz des völligen Neuanfangs“. Auf diesen Bruch mit der Vergangenheit würden wir in unserem Sein immer wieder stoßen. „Ich sehe mich im Spiegel, kann mich nicht annehmen, zerstöre mich, ich bleibe was ich bin, immer und immer wieder, bis ich mich annehmen kann und mich mit meinem Inneren verbinde. Dann schaue ich in den Spiegel und mir in die Augen, bin glücklich über mich selbst.“ Überall in unserem Sein finde sich dieses rhythmisierte Phänomen des Bruchs , sei es in der Natur mit den Jahreszeiten, dem ständigen Verfall und Neuanfang der Pflanzenwelt, in der Weltgeschichte mit dem penetranten Wechsel von Zerstörung und Aufbau oder im Reinkarnationsgedanken, welcher eine Weiterentwicklung des Geistes durch das Ende des momentanen irdischen Lebens möglich mache. 

Eingereicht wurden in diesem Jahr 463 Werke (davon 201 Malereien, 72 Skulpturen, 63 Fotografien, 54 Bildobjekte, 64 Grafiken und drei Videoarbeiten) von 259 Kunstschaffenden, davon 141 Künstlerinnen, 116 Künstler und zwei Künstlergruppen. Gezeigt werden daraus von Samstag, 10 August bis Sonntag, 21. September im Alpin-Museum 60 Werke von 24 Künstlerinnen und 28 Künstlern.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Die Stadt Kempten nimmt neuen Blitzer in Betrieb
Die Stadt Kempten nimmt neuen Blitzer in Betrieb
Fotostrecke: Eröffnung des Kempten Museum im Zumsteinhaus
Fotostrecke: Eröffnung des Kempten Museum im Zumsteinhaus
Mann erschlägt Lebensgefährtin und nimmt sich das Leben
Mann erschlägt Lebensgefährtin und nimmt sich das Leben
Im Hause Zumstein wurde einst Modegeschichte geschrieben - ab jetzt Museumsgeschichte
Im Hause Zumstein wurde einst Modegeschichte geschrieben - ab jetzt Museumsgeschichte

Kommentare