"Wir müssen einfach spielen"

Mit dem Figurentheater Ferdinande haben Anke Leupold und Elke Gehring ihre Berufung gefunden

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Figurentheaterspielerinnen Elke Gehring (v.l.), Anke Leupold und Regisseur Josef Faller mit den liebevoll gestalteten Figuren.
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In Aktion auf der Bühne: Ein Mädchen deckt den Schwindel auf. Der Kaiser hat gar keine Kleider an.
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Schattenspiel hinter dem Wandbehang: Genau die richtige Art, den zwielichtigen Prachtweber darzustellen.

Kempten – Tom, tom. Tom, tom. Laut schlägt eine Trommel. Die Kinder klopfen den Takt auf ihren Schenkeln mit. Immer mehr stimmen mit ein. Auf der Bühne sitzt der Kaiser in seiner Sänfte und winkt seinem Volke zu.

Anke Leupold steht hinter der Puppe und hält sie mit der linken Hand an einem Griff. Mit der rechten Hand bewegt sie seinen Arm. „Hi, hi, hi, der hat ja gar nichts an!“, sagt ein Kind in den Zuschauerrängen. Drei Klassen der Grundschule Kottern/Eich sind zur heutigen Schulaufführung von „Des Kaisers neue Kleider“ ins Theater Ferdinande gekommen.

Die Pappbürger an der Kulissenwand heben immer wieder ihre Arme und winken dem Kaiser zurück. Elke Gehring, die zweite Spielerin im Bunde, bewegt sie von hinter der Bühne aus und verleiht ihnen Stimmen: „Viva, viva la Majestät!“, ruft sie in unterschiedlichen Tonlagen.

Im Rotschlößle, der Bücherei im Kemptener Stadtteil Sankt Mang hat das Figurentheater seit knapp zehn Jahren ein Zuhause gefunden. Im historischen Ambiente eines Raumes mit Kassettendecke und verzierter Holztreppe stehen die Besucherränge aufgereiht, auf denen die Kinder gespannt zuschauen. Vorne die schlichte Bühne mit angedeutetem Laufsteg, auf der der Kaiser selbstverliebt hin- und herstolziert. Die Wände und Fenster verdecken schwarze Vorhänge. „Die Figuren heben sich am besten vor schwarzem Hintergrund ab“, sagt Anke Leupold. Selbst in den Kulissen dominiert die Farbe Schwarz. Und auch die beiden Spielerinnen sind ganz schwarz gekleidet, um so wenig wie möglich von den Puppen abzulenken. Wichtig sei aber die richtige Beleuchtung. Für die sorgt Josef Faller, der auch die Regie inne hat. Mit Stichwortzettel steht er hinter den Besuchern und setzt die Figuren ins rechte Licht.

Die Requisiten sind ganz einfach gehalten. Da wird ein Thron kurzerhand zur Sänfte umfunktioniert und ein Wandbehang zum Fenster: Jetzt leuchtet nur noch ein Licht hinter dem Wandteppich im Schloss des Kaisers. Die Umrisse der Prachtweber erscheinen dahinter. Mit langen Nasen und fiesen Stimmen machen sie sich daran, dem Kaiser „neue Stoffe“ zu weben. „Hä, hä, hä, hä, hä! Schneideri, schneidera, schneiderum!“

Die dünnen Minister, der eitle Kaiser, Hans im Glück, der Löwe, die Bremer Stadtmusikanten, der Bauer, ein Einsiedler: Ein ganzes Dorf könnten die Figuren im Theater Ferdinande bereits füllen. Und die Spielerinnen bauen sie alle selbst. Im Atelier neben dem Bühnenraum stehen Nähmaschinen und Kisten, in denen alles Nötige für jede Aufführung verstaut ist. 18 Stücke haben Gehring und Leupold im Programm, das permanent erweitert wird. Und die Erarbeitung eines neuen Theater-Stücks dauert lang - zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Da muss Literatur ausgewählt werden, die wichtigen Szenen und Orte ausgesucht, Dramaturgie und Dialoge festgelegt, Bühnenbild und Figuren gebaut werden, und, und, und.

Elke Gehring, die früher Keramikerin war, hatte sich vor ihrer Theaterkarriere schon länger mit dem Figurenbau beschäftigt und irgendwann Charaktere aus der Geschichte „Irma hat so große Füße“ gebaut. „Ich habe vier Figuren, aber nur zwei Hände, willst du mit mir spielen?“, fragte sie Leupold , die spontan zugesagt hat. Zunächst spielten die beiden im Gang des alten Gasthofes, in dem Gehring wohnte. Über Mundpropaganda kamen die ersten Zuschauer. 2005 hatten die beiden ihre erste bezahlte Aufführung an einer Grundschule.

Mittlerweile haben sie eine zweijährige berufsbegleitende Figurenspieler-Ausbildung an der Hochschule der Künste Zürich und andere Seminare absolviert und ihre früheren Berufe aufgegeben. „Mit fast 40 Jahren haben wir beide mit dem Figurenspiel angefangen“, lacht Leupold, die früher Wirtschaftsingenieurin war. „Wir müssen das einfach machen“, schiebt sie nach.

Leupold und Gehring möchten Kultur für Kinder ohne großen kommerziellen Rahmen machen. „Wir wollen die Fantasie hervorlocken, die ja immer mehr durch Medienkonsum zugedeckt wird.“ Wenn die Kinder dann in Aufführungen, Masken- oder Puppentheaterkurse kommen, erleben sie „echte“ unmittelbare Momente und blühen dann richtig auf, berichten die drei Theater-Macher.

Mittlerweile haben sie viele Aufführungen an Schulen und Kindergärten, Themen-Projekte für Schüler und auch Kurse, bei denen Deutsche Jugendliche mit Flüchtlingen zusammen arbeiten. Letzten Dezember haben schon die dritten „Märchentage“ im Rotschlößle stattgefunden. Vom zweiten Weihnachtsfeiertag bis zum 30. Dezember führen Gehring, Faller und Leupold dann jeden Tag ein Märchen auf. Auch befreundete Figurenspieler aus anderen Städten sind dann zu sehen. Besonders freut die drei, dass zwischen den Jahren auch viele Väter mit ihren Kindern kommen.

Und auch nach „Des Kaisers neue Kleider“ sind die Kotterner Grundschüler begeistert. „Mir hat alles gut gefallen“, sagt Tabea aus der vierten Klasse. Und auch Jim aus der dritten und Izzet aus der vierten Klasse sind dieser Meinung.

Susanne Kustermann

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