Von Ungarn lernen?

Film und Vortrag über ungarische Sexarbeiterinnen in Bremerhaven

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Im Haus International auf der Bühne: (von links) Gaby Heilinger (1. Vorsitzende des Trägervereins, Haus International), Veronika Munk (Journalistin aus Ungarn), Katharina Simon (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt), Amelia Ulbrich (Frauenhausteam), Roswitha Ziegerer (Frauenhausteam), Lajos Fischer (Geschäftsführer des Haus International, an diesem Abend auch Übersetzer)

Kempten – Die 27-jährige Szonja sagt: „Wir hatten zuhause so viel Not, dass ich mir die Windeln für das zweite Mädchen nicht leisten konnte.

Ich dachte, ich sollte den Job [Sexarbeit/ Prostitution] ausprobieren, weil ich nicht ertragen konnte, dass das Kind nichts hatte und meine Familie auch nicht. So habe ich leider mit dieser Arbeit begonnen. In Ungarn musste ich auf der Straße arbeiten […]. Am Ende war ich an einem Punkt, dass ich mit Leuten [Männern] gehen musste für einen Sack Kartoffeln, etwas Fett oder Mehl.“ 

Veronika Munk, erfolgreiche Journalistin aus Budapest, stellte im Rahmen der Aktionstage „Nein zu Gewalt gegen Frauen“ im Haus International das Ergebnis ihrer Langzeitforschung über die Motivation und Situation ungarischer Sexarbeiterinnen im Rotlichtviertel von Bremerhaven vor. Auslöser ihrer Recherche und des Dokumentationsfilms war, dass das ungarische Ermittlungsbüro im Jahr 2015 einen internationalen Haftbefehl gegen eine Bordellmanagerin in Bremerhaven erließ: Erzébet wird Menschenhandel und Ausbeutung vorgeworfen. 

Während ihre Tätigkeit in Deutschland völlig legal ist, wird sie in Ungarn als Verbrechen eingestuft. Die äußerst liberalen deutschen Prostitutionsgesetze schützen sie und schützen Zuhälter – von den Frauen oft als Liebhaber, Freunde oder Ehemänner bezeichnet – vor Strafverfolgung. Munk bewegte sich von 2016 bis 2018 in einer Welt, die den meisten im Publikum fremd sein dürfte und ließ die Akteurinnen, aber auch zwei Bordellbetreiber aus den Niederlanden, selbst ausführlich zu Wort kommen. Sie will keine moralische Debatte über das extrem spaltende soziale Phänomen der Sexarbeit auslösen, die Sache vielmehr aus einem komplexeren Blickwinkel betrachten. 

Munk führte mit etwa 40 Personen aus der Szene intensive Gespräche, auch mit vielen der ungarischen Frauen, die zwei Drittel der 170 Sexarbeiterinnen in Bremerhaven ausmachen. Sie präsentieren sich in den Schaufenstern sechs bis acht Quadratmeter großer Kabinen, bekommen für 20 mit einem Kunden verbrachte Minuten 30 Euro, zahlen 60 Euro Miete pro Tag und weitere 30 Euro für die Wohnung. Das Geld wird vom Vermieter oder der Vermieterin täglich einzogen, die Vereinbarung kann jederzeit gekündigt werden. Obwohl in ihren Berichten auch unappetitlichste Details zur Sprache kamen, halten die Frauen ihre Arbeitsbedingungen für vergleichsweise gut. 

In Bremerhaven sei es sauber und organisiert, die Polizei beschütze sie und auch die gesundheitliche Betreuung sei in Ordnung. Tatsache ist aber auch, dass sie zwar gut verdienen, das meiste Geld aber an einen Mann geht, von dem sie emotional stark abhängig sind. Jede Frau hat ihre eigene Geschichte und ihre eigene Sichtweise der Situation. Die Mehrzahl der Frauen kommt jedoch aus benachteiligten Teilen Ungarns, hat einen geringen Bildungsstand, war zuhause arbeitslos und hat dort Kinder, für deren Unterhalt sie sorgen. 

Die Informantinnen geben an, dieses Leben selbst gewählt zu haben, niemand habe sie gezwungen. Sehr selten erstatten sie Anzeige gegen einen Partner, der sie zur Prostitution zwingt oder misshandelt. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum war eine gewisse Fassungslosigkeit spürbar. Wie konnte es so weit kommen, dass Deutschland, wie Munk feststellte, zum „Zuhälterparadies“ geworden ist? 

Elisabeth Brock


Kommentar von Elisabeth Brock

Seit 20 Jahren, im düsteren Monat November, kommt ein düsteres Thema an die Öffentlichkeit: Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen ist Anlass, der Opfer von Männergewalt zu gedenken. Die Zahlen sind niederschmetternd: Im Jahr 2019 wurden in Deutschland bisher 108 Frauen ermordet, 42 schwer verletzt, 15 Kinder getötet. Alle 72 Stunden wird so ein Mord verübt, die Zahl der Mordversuche ist dreifach so hoch – tödliche Nähe. Auf dem Flugblatt, das an diesem Abend verteilt wurde, finden die Vertreterinnen des Frauenhauses Kempten deutlichere Worte, als auf den Spruchbändern vor den Treppen. Denn die Rede von „häuslicher Gewalt“ ist letztlich eine Verharmlosung und Verschleierung der wahren Verhältnisse, die „Männergewalt gegen Frauen“ heißen. 

Zu Recht verwehren sie sich gegen Begriffe wie „Ehrenmord“, „Beziehungstat“, „Familientragödie“, mit denen den Opfern eine wie immer geartete Mitschuld unterstellt wird. Da liest frau auch das neue Wort „Femizid“ – Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Zu den Informationen des Frauenhauses gehört auch, dass „Tötungen von Frauen vor Gericht zumeist mit dem milderen Tatvorwurf des Totschlags verhandelt werden, obwohl bei den Tätern oft eine klare Tötungsabsicht hinter ihrer Tat steht.“ Der Deutsche Frauenrat, die größte Frauenlobby des Landes, klagt an: „Frauenmord ist die extreme Form des Frauenhasses und kein „Kollateralschaden“, vielmehr die Folge des patriarchalen Fundaments unserer Gesellschaft. Der Staat ist in der Pflicht, uns vor dieser Gefahr zu schützen.“ Wie derzeit in Frankreich, muss es auch bei uns von Seiten der Regierung eine feministische Großoffensive geben, damit sich die Verhältnisse endlich ändern. 

Dass in Deutschland etwa 1000 Plätze in Frauenhäusern fehlen, beweist, dass von staatlicher Seite das Recht auf Schutz vor Gewalt „im häuslichen Kontext“ nicht wirklich ernstgenommen wird. In Kempten werden die fünf Plätze nach Jahren der Bittstellerei jetzt auf sieben erhöht. Immerhin. Könnte die „Istanbul-Konvention“, das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die 2018 in Deutschland in Kraft trat, dereinst auch in Kempten Wirkung zeigen? Dann wäre es wohl nicht mehr Aufgabe der ehrenamtlichen Frauen, die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit des Frauenhauses sicherzustellen, vielmehr ein selbstverständlicher staatlicher und staatlich finanzierter Auftrag. Finanzielle Abhängigkeit vom Partner ist einer der häufig genannten Gründe für das Ausharren von Frauen in Gewaltbeziehungen. 

Da haben wiederum die nicht-berufstätigen, ausschließlich mit Sorgearbeit für die Familie ausgefüllten Frauen die schlechteren Karten … Und: Müssen wir angesichts der deutlich übleren Lebensumstände von Frauen in Ländern wie Russland, der Türkei, Nigeria nicht noch froh sein, hier zu leben? Naja, ich bin schon ganz deprimiert vor lauter Frohsein. 


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