Pflegekräfte wollen mit ungewöhnlicher Aktion auf die Missstände der Branche aufmerksam machen

"Pflege braucht Gerechtigkeit"

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„Flashmob – Die Pflege am Boden“. Unter diesem Motto legt sich am Samstagmittag ein kleines Grüppchen von 33 Hartgesottenen aufs winterlich kalte Pflaster in der Fußgängerzone.

Kempten – Die Pflege liegt am Boden und die Pflegekräfte gehen angesichts ihrer Arbeitsbedingungen gleich mit in die Knie. Zur Verdeutlichung dieser Tatsache legten sich am Samstagmittag von 11.55 bis 12.05 Uhr dreiunddreißig Frauen und Männer mitten in der Fußgängerzone auf das eiskalte Pflaster.

Sie waren Teil der bundesweiten Aktion „Flashmob – Pflege am Boden“, bei der mehr als 1500 Teilnehmer in rund 60 Städten zeitgleich im wahrsten Sinne zu Boden gingen, um auf die Missstände in den Pflegeberufen aufmerksam zu machen.

 „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit. An Tagen wie diesen brauchen wir für die Pflege mehr Zeit. Die Pflege braucht Gerechtigkeit.“ Die Teilnehmer der Aktion – allesamt Mitarbeiter in Pflegeberufen aus den verschiedenen Allgäuer Einrichtungen, sowie eine Reihe von Schülerinnen der Kemptener Altenpflegeschule –, zogen mit ihrer Aktion, bei der sie zehn Minuten lang beharrlich dieses von den Toten Hosen entlehnte Stück sangen, die Aufmerksamkeit auf sich. Als dann alle wieder auf den Beinen waren, konnten interessierte Passanten den Hintergrund der Aktion erfahren. Von Elmar Wielgosch etwa, der Krankenpfleger im Kreiskrankenhaus Füssen ist und eigens für den Flashmob nach Kempten kam. Seit Jahren gebe es in allen Bereichen viel zu wenig Pflegepersonal, beklagt er einen Zustand, der längst allgemein bekannt, aber dennoch unverändert ist. „Da wird gespart, wo es nur geht und es werden kaum neue Mitarbeiter eingestellt.“ Zudem lägen die Lohnerhöhungen seit zehn Jahren unterhalb des Inflationsausgleichs. Das mache den Beruf nicht gerade attraktiv für dringend benötigte Nachwuchskräfte. 

 Die Wurzel des Übels 

Sidonia Göppel arbeitet seit gut 20 Jahren in der Altenpflege und ist Einrichtungsleiterin des Allgäu-Stift in Betzigau, der, wie sie sagt, personell vergleichsweise gut aufgestellt ist. Sie sieht in dem staatlichen Pflegeschlüssel (er besagt, auf wie viele Pflegebedürftige eine Vollzeitkraft kommt) die Wurzel allen Übels. „Der Schlüssel ist seit 20 Jahren gleich – grob gesagt kommt eine Pflegekraft auf zehn Patienten –, obwohl die Anforderungen in dieser Zeit extrem stark gestiegen sind. Er muss dringend überarbeitet werden. Es ist fünf nach 12, nicht erst fünf vor 12.“ 

 Nicht nur stehe eine viel zu geringe Zahl an Pflegekräften einem wachsenden Heer von pflegebedürftigen Menschen gegenüber, auch die Aufgaben würden komplexer, da immer mehr mehrfach erkrankte Patienten rund um die Uhr und unter immensem Zeitdruck im Dreischicht-Betrieb versorgt werden müssten und zudem der Dokumentationsaufwand „fast schon ins Absurde“ gestiegen sei. Zeit für die wichtige menschliche Zuwendung müsse man sich sowohl in der ambulanten, als auch in der stationären Pflege regelrecht freischaufeln. Hinzu komme, dass freie Stellen häufig nicht neu besetzt werden und keine Krankheits- oder Mutterschaftsvertretungen eingestellt würden. „Das heißt, die Pfleger müssen oft über Jahre hinweg auch die Arbeit der fehlenden Kollegen schultern – und ‘irgendwie’ geht das ja auch immer.“ 

 "Es wird schnell eng" 

Die Frage ist, um welchen Preis. „Die Mitarbeiter werden psychisch und physisch aufgerieben und die pflegebedürftigen Menschen bleiben bei all dem Stress auf der Strecke“, bedauert Altenpflegerin Maria Reindl. „In der Pflege geht es um die Zuwendung zu hilfebedürftigen Menschen. Genau da sollte man doch nicht sparen“, empört sich eine Beschäftigte einer psychiatrischen Klinik, die, wie viele ihrer Standeskollegen, aus Angst vor Repressalien nicht namentlich genannt werden möchte. „Wenn ein Mitarbeiter ganz allein in der Nachtschicht für eine ganze Station zuständig ist und ein Patient ausrastet, wird es schnell mal richtig eng“, berichtet sie. „Alle wissen über die Zustände Bescheid, aber kaum einer traut sich, den Mund aufzumachen. 

Anstatt gemeinsam zu rebellieren, decken alle durch ihr Schweigen das marode System. Wer in der Pflege arbeitet, tut das sicher nicht, um damit reich zu werden, sondern aus Idealismus, aus Liebe zum Menschen und zu seinem Job. Das wird von den Verantwortlichen schamlos ausgenutzt.“ „Pflege ist zwar sozial“, ergänzt Sidonia Göppel, „aber ein knallharter Geschäftsbereich. Das Ganze ist ein politisches Problem, für das sich leider keine Partei zuständig fühlt.“ Dass von den weit über Tausend Betroffenen in der Region nur 33 an der Demonstration teilnahmen, sei zwar schade. „Ich hoffe aber, dass Aktionen wie diese auf Dauer etwas bewegen werden.“

Sabine Stodal

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