Bürgermeister sein – eine schöne Aufgabe

Florian Schmid ist seit 222 Tagen Chef im Weitnauer Rathaus

Weitnauer Bürgermeister Florian Schmid
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Etwas für unsere Heimat tun: Der neue Bürgermeister Florian Schmid und seine 20 MitarbeiterInnen geben ordentlich Gas.

Weitnau – „Ich hab nie im Leben dran gedacht, mal Bürgermeister zu werden“, versichert er glaubwürdig, doch im März diesen Jahres ist alles anders gekommen: Florian Schmid aus Wengen bekam bei den Kommunalwahlen eine überwältigende Mehrheit und zog in das historische Rathaus der Marktgemeinde ein. Seitdem hat sich sein Leben merklich verändert. Trotz Corona und trotz Vorweihnachtsstress hatte der neue Bürgermeister jetzt Zeit für ein ausführliches Gespräch mit dem Kreisboten.

Seiteneinsteiger kehrt heim

Schmid ist ein klassischer „Seiteneinsteiger“: als diplomierter Betriebswirt hat der 40-Jährige bei den Stadtwerken in München in unternehmerischen Dimensionen gedacht und gearbeitet. Die Karriere in der Großstadt war vorgezeichnet. Doch eines schönen Tages wurde er auf seiner Baustelle in Wengen von Bekannten angesprochen: „Hast du nicht Lust, für den Posten des Bürgermeisters zu kandidieren? Die Freie Wählergemeinschaft Wengen-Kleinweiler sucht einen Kandidaten.“ Die Überraschung war perfekt, Schmid musste erstmal nachdenken. Nach langen Gesprächen mit seiner Ehefrau sagte er ja. Vielleicht auch deshalb, weil er erblich ein bisschen vorbelastet ist: Vater Josef-Leonhard Schmid war 12 Jahre lang stellvertretender OB in Kempten.“ „Ich wußte also schon, was da auf mich zukommen könnte“, lächelt Schmid und zupft an seiner hellblauen Gesichtsmaske, „ich habe München den Rücken gekehrt und bin heimgekommen ins Allgäu.“ Auch zur Freude seiner Frau , die aus dem Wengener Tal stammt.

Digital-Defizit wird beseitigt

Ärmel aufkrempeln, entscheiden, zupacken – der Neue kann sich auf 80,3 Prozent der Wählerstimmen stützen, ein regelrechter Erdrutschsieg. Der ebenfalls neugewählte 20-köpfige Gemeinderat hat bisher super kooperiert, freut sich der junge Ortsvorsteher, so konnten bereits wichtige Aufgaben in Angriff genommen werden. Zuallererst das Thema digitale Infrastruktur: in Weitnau, Wengen und Hellengerst gähnen große Funklöcher, die Mobilfunkund Internetversorgung ist ein Ärgernis. Florian Schmid schüttelt mit dem Kopf, seine Stimme wird plötzlich lauter: „Dieses Defizit ist nur noch peinlich für unser Land!“, sagt er scharf. Der Ausbau des Glasfasernetzes ist auf den Weg gebracht worden: „Die Förderung ist geklärt, wir bekommen neun Millionen. Im Jahr 2021 könnte es losgehen.“ Das dürfte viele Gewerbetreibende freuen, die seit dem Pandemie-Ausbruch die infrastrukturellen Defizite immer wieder zu spüren bekommen. In Wengen und Hellengerst sind neue Sendemasten geplant, um die Funklöcher endlich zu stopfen. Allerdings bleibt vieles auf dem Genehmigungsweg stecken: „Unsere deutsche Bürokratie macht keinen Spaß“, stöhnt Schmid. Das läßt ihn manchmal ungeduldig werden, er ist es gewohnt, schnell zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen.

Gute Perspektiven

„Wir haben hier ein großes Potential“, meint der Bürgermeister und schaut hinauf zu der herrlichen alten Holzdecke in seinem Büro: „Traditionelles mit Neuem zu verbinden, in schöner Natur, mit vielen Freizeitmöglichkeiten und einer stark verbesserten Infrastruktur, da geht was!“ Akademische Arbeitsplätze sind denkbar. Ein in Bau befindlicher neuer Discount-Markt erweitert das Angebot und soll den Abfluss von Weitnauer Kaufkraft nach Kempten und Isny minimieren: „Das wiederum stärkt den Metzger und den Bäcker in Weitnau“, hofft Schmid. Neues Bauland wird bevorzugt an junge einheimische Familien vergeben, die vieldiskutierte Zweitwohnungssteuer sieht der Bürgermeister als wichtigen Beitrag zum Erhalt von Schulen, Kindergärten, eigener Wasserversorgung und Bauhof. Als Wengener achtet er natürlich auch darauf, dass dort die Entwicklung weiter geht: „Wir werden in Sachen Radtourismus aktiv werden“, verspricht der begeisterte Outdoorsportler, „wir unterstützen die regionale Direktvermarktung unserer einheimischen Produkte und prüfen, wie das gastronomische Angebot ausgebaut werden kann.“

Stabile Finanzen

Er hat viel vor, der Neue. Ein Termin folgt dem nächsten, die Damen im Vorzimmer halten Schmid mit einem genau getakteten Zeitplan auf Trab. „Bürgermeister sein zu dürfen, das ist eine sehr schöne Aufgabe“, betont er, „ich kann hier etwas bewegen, etwas entwickeln, da profitieren unsere Kinder noch davon.“ Die Verantwortung hat er gern übernommen, sagt Schmid, auch wenn die Aufgabe manchmal enorm fordernd und zeitintensiv ist: „Ich schlafe trotzdem gut“, sagt er und lacht. Zum Entspannen geht er gern mal „ins Holz, dann setz ich mich auf einen Baumstamm, höre den zwitschernden Vögeln zu und genieße einfach den Moment – herrlich!“ Noch lieber steigt er in die Allgäuer Berge: „Meine Tour auf die Höfats, das war leider die bislang letzte, lange vor dem Kommunalwahlkampf.“ Seitdem ist Florian Schmid keine Zeit mehr dafür geblieben. Die neue Aufgabe, die Folgen der Pandemie, er muss richtig ranklotzen. Zwölf Millionen Euro beträgt der Etat seiner Marktgemeinde, „wir sind finanziell stabil“, urteilt er, „trotz starker Einbußen im Tourismussektor“.

Entscheidungsfreudiger Schneeschuhgänger

Florian Schmid hat sichtlich Freude an seinem neuen Amt, er genießt den direkten Kontakt zu den BürgerInnen, ist stolz auf das ausgeprägte Vereinsleben und die vielen Menschen, die sich als Ehrenamtliche für ihre Heimat einsetzen. Und er entscheidet gern: “Etwas nicht zu entscheiden, das ist das Schlimmste!“ So hat er angesichts des beginnenden Winters spontan entschieden, jetzt seine Schneeschuhe in den Kofferraum zu legen: „Falls ich mit dem Auto nicht mehr weiterkomme, dann schnalle ich mir eben die Schneeschuhe an!“ Der neue Bürgermeister von Weitnau und Wengen bleibt im Winter 2020/21 also bestimmt nicht im Schnee stecken.

Lutz Bäucker

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