Forum Lichtblick: Lebensnahe Lehrstunde für Arbeitgeber

Trockener Stoff, kurzweilig präsentiert

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Das Diakonische Werk Allgäu lädt seit mehr als 20 Jahren namhafte Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik ins Forum Lichtblick ein. Sie referieren ihre Sichtweise von aktuellen. In diesem Jahr war die Ökonomin Prof. Dr. Jutta Rump als Referentin zu Gast.

Kempten – „Trends in der Arbeitswelt: Was attraktive Arbeitgeber von heute für morgen wissen sollten“. Der renommierten Personalmanagement-Expertin Prof. Dr. Jutta Rump gelang das Kunststück, dieses eher spröde Thema in einen lebensnahen, kurzweiligen und äußerst informativen Vortrag zu verpacken. Das Diakonische Werk Kempten hatte im Rahmen seines Forum Lichtblick gemeinsam mit der Allgäuer Volksbank zu der Veranstaltung eingeladen.

Mit Prof. Dr. Jutta Rump hatten die Initiatoren eine exzellente Referentin mit internationalem Rennomee nach Kempten geholt. Rump ist Professorin der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigsburg. Sie ist als Projekt-Prozessbegleiterin für eine Vielzahl von Unternehmen und Institutionen tätig. Hinzu kommen Mandate aus Wirtschaft, Politik, Stiftungen und Verbänden. Rump gehört zu den Beratern der Wirtschaftsministerkonferenz und wird zu den führenden Köpfen des Personalwesens im deutschsprachigen Raum gezählt.

In ihrem Vortrag arbeitete die passionierte Ökonomin zunächst die drei aktuellen Megatrends heraus: die demografische, die technisch-ökonomische sowie die gesellschaftliche Entwicklung. „Wir sind mit einem Durchschnittsalter von derzeit 47 Jahren das zweitälteste Land der Welt. Nur die Japaner sind statistisch gesehen drei Monate älter. 2020 wird unser Durchschnittsalter schon bei 49 Jahren liegen“, rechnete Jutta Rump vor. Dieser Tatsache gelte es Rechnung zu tragen. „Die Frage lautet: Wie müssen dann die Arbeitsprozesse aussehen? Welchen Beitrag kann ich als Betrieb leisten, damit meine älteren Mitarbeiter kompetent, gesund und motiviert bleiben? Wie halte ich diese im Betrieb?“. Auf technisch-ökonomischer Ebene sähen sich Betriebe mit der Globalisierung und Internationalisierung, mit Kostendruck, Beschleunigung, Qualitätsdruck, einer Verknappung der Rohstoffe und der Digitalisierung konfrontiert. In der gesellschaftlichen Entwicklung zeige sich ein verändertes Verständnis der jungen Generation von Beruf und Privatleben. „Ihnen ist eine gute Work-Life-Balance wichtig.“ Ein zentraler Punkt sei auch die Polarisierung der Gesellschaft: „Teilhabe an der Gesellschaft hat etwas mit Arbeit zu tun“, so Jutta Rump. „Doch die Eintrittsbarrieren in den Beruf werden höher. Wir haben zwar einen Fachkräftemangel, doch zugleich 2,5 Millionen Arbeitslose. Das wirkt polarisierend. Wir müssen uns fragen, wie wir diese Polarisierung so gering wie möglich halten können.“

Die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens ruhe ihrer Erfahrung nach auf drei Säulen: „Kompetenz und Qualifikation für das was wir tun. Identifikation und Motivation. Gesundheit und Wohlbefinden.“ Dies alles führe zu Leistungsfähigkeit. Zum Erhalt und zur Förderung der lebenslangen Jobfitness und Motivation müssten die Mitarbeiter nach ihren Stärken und Talenten eingesetzt werden. Ebenfalls von zentraler Bedeutung: „Sorgen Sie für Identifikation! Das ist der Nukleus, die DNA eines Unternehmens, das zentrale Fundament, auf dem ich aufbaue. Identifikation mit der Arbeit, dem Arbeitgeber und dem Team führt zu langfristiger Motivation.“ Als Positiv-Beispiel nannte sie einen Betrieb für Lüsterklemmen in Ostwestfalen, weltweit der erfolgreichste – „weil die Mitarbeiter im wahrsten Sinne des Wortes für ihre Firma und ihr Produkt brennen.“

Neben alldem gelte es, den Blick für eine wichtige Tatsache zu schärfen: „Der Mensch selbst ist sein größtes Kapital“, so Jutta Rump. „Gehen Sie durchschnittlich von einem Brutto-Jahreseinkommen von 45.000 Euro aus, multiplizieren Sie das mit 45 Jahren Lebensarbeitszeit. Dann ist jeder einzelne von uns Millionen wert! Doch wie gehen wir mit uns selbst um?“, so ihre provokante Frage. „Unser Auto geben wir regelmäßig zur Inspektion. Und uns? Dabei sind wir selbst unser einziger Sicherungsanker - nicht etwa der Arbeitsplatz. Diese Botschaft müssen wir unseren Mitarbeitern mitgeben.“ Insofern sei eine betriebliche Gesundheitsförderung von großer Bedeutung. „Damit meine ich nicht den Yogakurs, sondern Fragen wie: Wie sind die Arbeitsprozesse? Wie sieht der Arbeitsplatz aus und wie die Pausengestaltung? Gibt es eine gelebte Wertekultur und wie steht es um die Sozialkompetenz der Führungskräfte?“.

Als Unternehmen müsse man überdies die Personalbestandssituation und langfristige Personalplanung im Blick behalten. „Anstatt im Sichtflug durch Turbulenzen zu steuern“, brauchten Unternehmer zum Generationenmanagement ein Datenprofil, wie viele Mitarbeiter welchen Alters und welcher Qualifikation im Betrieb beschäftigt seien, welche Nachwuchskräfte wann wofür benötigt würden und wie diese zielgenau rekrutiert werden könnten. „Angesichts des Fachkräftemangels müssen wir als Arbeitgeber und hübsch machen. Dabei dürfen auch unorthodoxe Wege gegangen werden.“ Wie etwa bei dem mittelständischen IT-Betrieb, der herausfand, dass IT-Mitarbeiter überdurchschnittlich häufig Heavy Metal-Fans sind und seine Stellenangebote darauf zuschnitt – mit enormem Erfolg. Zudem regte die Referentin die Bildung strategischer Allianzen bei der Suche nach Fachkräften an. „Bosch bekommt jährlich 250.00 Bewerbungen auf 1500 Stellen. Warum sollten wir die Bewerber nicht auf andere, weniger bekannte Mitbewerber verweisen? Das sind alles Potenziale, die wir uns vergeben.“

Grundsätzlich gelte bei der Mitarbeitergewinnung: „Es kann nur das glaubwürdig nach außen transportiert werden, was nach innen stimmig gelebt wird.“ Die Mitarbeiterbindung sei eine sehr individuelle Angelegenheit, bei der es um Zufriedenheit gehe. „Nehmen Sie den persönlichen Lebensstil des Einzelnen zur Kenntnis - bei Ihnen arbeiten Singles, Menschen in Partnerschaft, Eltern, Pflegende, manche befinden sich in einer Phase der Umorientierung oder Krankheit. Sorgen Sie für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben“. Wichtig für die Attraktivität als Arbeitgeber, so Rump, sei auch eine klare Kommunikation über die „Leitplanken“ des Betriebes, zwischen denen zwar flexible Möglichkeiten existieren, „aber es gibt einfach bestimmte, nicht verhandelbare Dinge, die zu uns gehören und die uns ausmachen. Sie führen zu Planbarkeit und Zuverlässigkeit und machen unsere DNA aus. Damit bin ich attraktiv für Junge, Mittelalte und Ältere.“

Sabine Stodal

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