Das digitale Klassenzimmer

4. Forum der Staatlichen Berufsschule I stellt digitates Unterrichtsprojekt vor

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Mitwirkende und Verantwortliche des Projekts „Digitales Klassenzimmer“ an der BSI, v.l. Hanns Deniffel, Schulleiter; Stefan Hohm, Organisationsleiter bei Dachser; Klaus Kolb, Studiendirektor BSI; Kilian Eimansberger, Auszubildender; Sebastian Beschnidt, Auszubildender und Christina Hauser, Auszubildende.

Kempten – Bisher war es im Freistaat nicht so gern gesehen, wenn Schüler ihre digitalen Geräte mit in den Unterricht nehmen. So gilt bis auf einen laufenden Modellversuch, dass Handys, Smartphones oder andere digitale Speichermedien in den Klassenräumen auszuschalten sind.

Nun läuft seit einem Jahr an der Staatlichen Berufsschule I in Kempten ein Modellversuch, bei dem es explizit erwünscht ist, dass digitale Geräte zu Unterrichtszwecken verwendet werden. Hier wird derzeit im Rahmen des Projektes „Exzellenzzentren an Berufsschulen“ ein digitaler Hightechraum eingerichtet, in dem Auszubildende im Berufszweig Industriemechaniker bewusst im Umgang mit digitalen Medien geschult werden sollen. 

In den Unterrrichtseinheiten verdrängt das Tablet somit Stift und Papier. Die technische Ausstattung der Räume wird u.a. durch ein Förderprogramm des Freistaats Bayern finanziert. Um den Modellversuch der Öffentlichkeit vorzustellen, lud das Staatliche Berufsschulzentrum I nun zum 4. Forum BSI Kempten – „Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der Wirtschaft und an der BSI“ ein. Neben einem Fachvortrag von Stefan Hohm, Leiter der Organisationseinheit Corporate Solutions, Research & Development bei der Dachser Group, gab es die Vorstellung des Projekts „Digitale Klasse an der BSI“. 

Begrüßt wurden die Besucher der Veranstaltung durch den Schulleiter Hanns Deniffel, der sich in seinen Grußworten insbesondere bei Landrat Anton Klotz für dessen Unterstützung bedankte. Digitales Unternehmen Hohm stellte in seinem Vortrag „Innovation Cosmos – die Digitalisierung bei Dachser“ den Grad der Digitalisierung in den Geschäftsfeldern des Unternehmens vor. DACHSER gehört weltweit zu den größten Logistikunternehmen, das sowohl auf der Straße, in der Luft als auch auf Seewegen Fracht bewegt. „Man versuche stets, den Fühler am Puls der Zeit zu haben“, wie Hohm ausdrückte. 

Dabei sei nicht jede Idee am Ende auch wirklich eine Innovation. Vielmehr versuche das Unternehmen in Pilotversuchen vorab zu testen, ob eine Idee am Ende in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann. Als Beispiel nannte er die Elektromobilität. Die Idee, mit Hilfe von E-Trucks Frachten zu transportieren, sei hinsichtlich der Reduzierung CO2-Ausstoß ein löblicher Ansatz, allerdings sei dies derzeit nicht umsetzbar. Die großen Reichweiten von 600 bis 800 Kilometern im Fernlastverkehr seien von E-Trucks nicht zu bewältigen. Allerdings prognostiziert der Logistik-Experte, dass sich im innerstädtischen Transportwesen zukünftig Lösungen mit E-Mobilität durchsetzen werden. 

Micro-Hubs (kleine Verteilstationen) werden entstehen, die von mittelgroßen E-Trucks nächtens beliefert werden, anschließend übernehmen am Tag kleinere E-Mobile den Transport „auf der letzten Meile“. Um neue Wege in der Logistik zu beschreiten, arbeitet Dachser eng mit dem Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund zusammen. Derzeit entwickelt man gemeinsam unter dem Begriff „City-Distribution“ einen digitalen Tracker, der die Bewegung von Paletten, 150 Millionen Stück werden vom Konzern jährlich bewegt, möglichst genau verfolgt. Im Lager in Memmingen läuft derzeit ein anderer Versuch, bei der in der Nacht eine Drohne zwischen den Regalen fliegt und eine digitale Inventur in Echtzeit erstellt. Stefan Hohm versucht mit seinen Fallbeispielen zu erläutern, dass es in der Praxis nicht eine einzige Innovation ist, die sich durchsetzt oder etwas anderes verdrängt sondern, dass es u.a. die Kombination von Innovationen wie QR-Barcodes, 5G, Sensor- und Drohnentechnik ist, die am Ende Innovation schafft. Hohm spricht in diesem Zusammenhang von der „Connectivity of Future“. 

Digitale Klasse
 Im zweiten Teil der Veranstaltung präsentierte Studiendirektor Klaus Kolb das Projekt „Digitale Klasse an der BSI“, an dem sich neben den Unternehmen Voith, Swoboda, Liebherr, Albrecht Datentechnik, BBS Automation auch Dachser beteiligt. Der Studiendirektor machte deutlich, dass es höchste Zeit sei, dass die Digitalisierung auch an bayerischen Schulen Einzug hält, „schließlich gibt es auf diesem Planeten bereits mehr Mobilfunkverträge als Erdenmenschen“. 

Ziel sei es, dass Schüler sich nicht nur untereinander vernetzen, sondern auch mit dem Ort, an dem sie für das Leben lernen. „Dabei müssen wir darauf achten, das zu tun, was sinnvoll ist, aber auch das zu lassen, was nicht zielführend ist“, so Kolb. Schon immer war die Industriewelt im Wandel, ihre Entwicklung wurde beispielhaft durch Elektronik oder Automatisierung von Prozessen durch Information voran gebracht. Industrie 4.0 setze derzeit mit der umfassenden Digitalisierung der industriellen Produktion den maßgeblichen Trend, vor der auch Lehranstalten sich nicht verschließen können. 

So wurde vor zwei Jahren an der Berufsschule I ein digitaler Hightechraum installiert. Ausgestattet ist dieser u.a. mit einem Beamer, der drahtlos von den Tablets der Schüler angesteuert werden kann, einer Tischkamera, zwei WLAN-Geräten, die Verbindung zum gefilterten Internet herstellen sowie einem Grafiktablett für die Lehrkraft. Eine Videokamera wird genutzt, um zum einen eine multimediale Funktionsbeschreibung durch die auszubildenden Industriemechaniker zu erstellen und zum anderen um Videokonferenzen mit externen Lehrkräften oder Ausbildern herzustellen. Die Tablets der Lehrlinge werden von den ausbildenden Unternehmen gekauft. Ziel ist es neben dem Versuch papierärmer zu arbeiten, den Schülern Lern-, Selbst- und Basiskompetenz zu vermitteln. Die Lehrlinge sollen ihre Fähigkeiten in den Bereichen Kommunizieren, Kooperieren, Suchen, Verarbeiten, Produzieren und Präsentieren verbessern.

Die Schüler zeigten sich überzeugt von dem Versuch, im Unterricht auf digitale Tools zu setzen, wenngleich angemerkt wurde, dass zu Beginn des Projektes die häufig instabilen WLAN-Verbindungen ein Ärgernis darstellten, was aber mit der Zeit behoben worden sei. Besondere Freude hatten die Auszubildenden am Erstellen der ansonsten unbeliebten Funktionsbeschreibung mittels Video und Vertonung. „Ich habe noch nie erlebt, dass mit einer solchen Lust an dieser Aufgabe gearbeitet wurde“, konnte auch Studiendirektor Kolb bestä- tigen. „Allerdings“, so der Leiter des Projektes, „wir unterrichten die Schüler weiterhin im Technischen Zeichnen, so viel Handarbeit muss sein.“

Jörg Spielberg

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