Bereicherung für Kemptens kulturelles Leben

Heimat bewegt, bewegte Heimat

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Heimatverbundener Global Player und Weltbürger Bernhard Simon, CEO des Logistikunternehmens Dachser, möchte den Menschen bewusst machen, dass Heimat etwas wertvolles ist.

Kempten – Eine Aktionswoche „So geht Heimat“ vom 17. bis 21. Juli 2017 wird Kemptens kulturelles Leben auf besondere Weise bereichern. Teil davon ist eine Doppelausstellung, die bereits kommenden Dienstag im Hofgartensaal der Kemptener Residenz startet: „Frau.Land.Flucht“ ist eine fotografische Suche nach Heimat von Frauen; von Frauen in Indien und im Allgäu.

Der Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt zeigt Bilder indischer Frauen, die Bilder des Wahl-Allgäuer Fotografen Kees van Surksum und die biografischen Videos der Allgäuer Künstlerin Veronika Dünßer-Yagci zeigen Frauen aus der Türkei, aus ­Eritrea, Russland, Italien oder Heimatvertriebene, die hier eine neue Heimat gefunden haben (mehr dazu in unserer kommenden Mittwochsausgabe).

Initiiert (und finanziell unterstützt) hat das gesamte Projekt das weltweit tätige Logistikunternehmen DACHSER, das in Kempten seinen Hauptsitz hat und seine Verbundenheit mit dem Heimatstandort auf vielfache Art immer wieder zum Ausdruck bringt. Warum aber eine Aktionswoche, die Deutschland bzw. das Allgäu und Indien verbindet?

„Unser Kerngeschäft ist Kommunikation“, ist die seitens eines Logistikunternehmens, dessen Kerngeschäft man wohl eher im Bewegen von Waren vermuten würde, vielleicht überraschende Aussage von Dachser-CEO Bernhard Simon. Aber ein Blick ins Programm zeigt, um Bewegung geht es schlussendlich ja auch bei „So geht Heimat“. Denn egal ob durch Flucht und Vertreibung, durch beruflich bedingten Ortswechsel, der Liebe wegen... unglaublich viele Menschen sind überall und im Grunde schon immer in Bewegung und müssen – im Idealfall dürfen – eine neue Heimat finden oder sich schaffen.

"Spannendes Kommunikationsfeld"

Auch eine Art Globalisierung also und die ist auch für Simon „mehr als Headlines“. Er sieht seine unternehmerische Verantwortung eben auch darin, sich einzubringen und zu informieren „wie wir in einer globalisierten Welt zusammen leben“. Im Übrigen sei gerade Kempten ein Ort, „der immer wieder über Migration in seiner kulturellen Heimat-

identität neu gebildet worden ist“ und es gebe in Kempten „nur wenige Familien, in denen es keinen Migrationshintergrund gibt“. Globalisierung zu verknüpfen mit der Migrationsgeschichte Kemptens „hielten wir für ein sehr spannendes Kommunikationsfeld“.

Kommunikation funktioniere aber nur „wenn man Menschen in ihren Lebenswelten abholt“, sagt Simon und möchte nicht nur die Zielgruppen ansprechen, die man immer erreicht. Eines der Ziele: „den Menschen bewusst zu machen, dass Heimat etwas wertvolles ist“, was sie selbst als Heimat empfinden, warum sie dort gerne leben möchten oder gerne immer wieder dorthin zurückkehren möchten, was sie einmal als Heimat empfunden haben. Nach zehn Jahren Entwicklungszusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh) – im Schwerpunkt in Indien – sei es an der Zeit in den unterschiedlichsten Lebensdimensionen „erfahrbarer zu machen, was das eigentlich bedeutet“. Dafür wurde erstmals auch ein Jugendaustausch durchgeführt, bei dem fünf Auszubildende des Unternehmens, die dafür ein Auswahlverfahren durchlaufen haben, eine zweiwöchige, etwas andere, sehr lebensweltnahe „Bildungsreise“ mit vielen herausfordernden wie beeindruckenden Erfahrungen, durch Indien erleben durften. „Am besten kommunizieren junge Menschen mit jungen Menschen“, die egal woher sie stammten im Wesentlichen die gleichen Ziele und Träume hätten, so dass viel vorbehaltlosere Begegnungen möglich seien als zwischen Erwachsenen. Eine der Erkenntnisse für die Reisenden sei zum Beispiel gewesen, dass es „ein Privileg“ ist lernen zu dürfen und dass es dafür keine großen, top ausgestatteten Klassenzimmer brauche, sondern vernünftige sanitäre Einrichtungen, „eine Mahlzeit am Tag und Lehrkräfte, die sich für einen interessieren“. Im Gegenzug werden im Juli fünf indische Jugendliche, die sich in den von Dachser unterstützten Projekten engagieren und von ihren Jugendgruppen ausgewählt wurden, ebenso lebensweltnah Deutschland besuchen und während ihrer Kempten-Etappe an der Aktionswoche mitwirken. Simon ist überzeugt davon, dass „nur über Auseinandersetzung Kultur, Heimat neu entstehen kann“, ein weiterer Punkt, „warum wir es für wertvoll finden, uns für solch eine Aktionswoche zu engagieren“, denn Heimat sei „kein statischer Begriff“ sondern entwickle sich ständig weiter.

Für die Vermittlung zwischen den Kulturen setzt Simon auf die „emotional betonte Stimme“ von Theater, Dichtungen, Musik, Tanz, kulinarischen Themen... „eine Sprache „die die Sinne anspricht“. Als identitätsstiftendes Symbol sticht eine kunterbunte indisch-allgäuerische Kuh ins Auge, die das Deckblatt des 80 Seiten starken, informativen Programmbuchs als Verbindungsmoment der beiden Welten ziert: in Indien Symbol für Hinduismus und viele sich daraus ergebende Themen; im Allgäu Symbol für „wirtschaftliche Entwicklung nach einer schwierigen Zeit“, erinnert Simon an die Schwabenkinder.

"Viele tolle Impulse"

Besonders freut sich der Initiator darüber, dass es „leicht war Menschen begeistern zu können“ sich bei dem Projekt miteinzubringen – vor allem angesichts der doch vielen Aspekte im Programm für ihn nicht selbstverständlich. Teilweise seien für die Mitstreiter dadurch „sehr viele Welten aufgegangen“ Antworten auf möglicherweise schon lange gestellte Fragen zu finden, für die sie bislang weder die richtigen Worte noch Gesprächspartner gefunden hätten. Am Anfang habe er zwar „schon sehr viel katalytische Energie einbringen müssen“, aber dann seien „wirklich viele tolle Impulse“ entstanden, verweist er auf das echt „gute Team“ mit „hohem Engagement“ und „viel Selbstverantwortung“ bestehend aus OB-Büro, Mitarbeitern des Kemptener Kulturamts, des Theaters in Kempten und von Dachser. Nicht ganz unproblematisch sei es vor einiger Zeit für tdh Indien gewesen an die Fotoausstellung von Schmidt, ehemals Vorstand bei tdh und der Organisation „aufs engste verbunden“, zu kommen. Es gab nämlich in Indien Schwierigkeiten mit dem Zoll, als die Bilder in der Deutschen Botschaft im indischen Delhi gezeigt werden sollten. Dachser India sei von tdh um Hilfe gebeten worden und so sei man erst auf die Bilder aufmerksam geworden. „So ist schließlich aus einer Verzollungsschwierigkeit eine Ausstellung mit qualitativem Weltcharakter jetzt nach Kempten gekommen“, hofft Simon, dass sie, eingebettet in das umfangreiche Rahmenprogramm, „auch wirklich richtig Beachtung findet“.

Und was ist Heimat für den viel auf Achse befindlichen Dachser- CEO oder wie das Münchner Residenztheater einmal fragte: „Wohin gehst Du, wenn Du sagst, dass Du nach Hause gehst?“? „Ich habe meinen Lebensmittelpunkt öfter in meinem Leben verändert und habe das dann auch als Heimat empfunden.“ Wo ich mit anderen Menschen längere Zeit lebe und sie kenne, ist für mich Heimat“, wobei „im Moment mein Lebensmittelpunkt in Kempten liegt“. Für ihn sei Heimat dort, „wo man es selbst als wertvoll empfindet, zurückkommen zu können“.

Die Doppelausstellung „Frau.Land.Flucht“ läuft bis Sonntag, den 8. August und ist geöffnet dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr, im Hofgartensaal der Kemptener Residenz. Der Eintritt ist frei.

Christine Tröger

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