Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Das Fotoprojekt von Reiner Metzger "Räume Zeiten Kempten 2020" stellt Realitäten auf den Kopf

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Berliner Platz

Kempten – Eine Stadt, 30 Gebäude und Plätze, zwei Realitäten. So könnte die reduzierte Beschreibung des neuen Bildkatalogs „Räume Zeiten Kempten 2020“ lauten, der in der Reihe Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten frisch erschienen ist.

Der Fotograf Reiner Metzger hat dafür 30 ausgewählte Stadträume Kemptens ins Visier bzw. vor das Objektiv seiner Kamera genommen und sie – eine Spezialität des Oberstdorfers (Jahrgang 1957) – langzeitbelichtet. Das ist die eine Realität. Eine Wirklichkeit aus „streng komponierten, menschenleeren schwarz-weiß Lichtbildern“, wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn im Vorwort schreibt. 

Zusammen mit Kulturamtsleiter Martin Fink, unter Mitspracherecht des Fotografen, hat sie die Aufnahmeorte zusammengestellt. Eine andere Realität haben Schüler der Medienklasse der Montessori Fachoberschule (MOS) Kempten unter Leitung des Künstlers Christian Hörl dokumentiert. Streetphotography (Straßenfotografie) mit kurzen Belichtungszeiten, in ihrer ganzen bunten Quirligkeit. Beide Serien scheinen in verschiedenen Welten entstanden zu sein. Dabei richten sie den Fokus in denselben Straßen nur aus unterschiedlichen Positionen auf jeweils das Detail, das individuell als wichtig oder der Dokumentation würdig erscheint. Jede der beiden Sichtweisen ist so wirklich wie die andere. Aus den 400 Bildern der Schulklasse hat Metzger 30 als Ergänzung zu seinen eigenen ausgewählt und so eine eigenwillige Zeitdokumentation der Stadt kreiert. 

Eine eigene Komponente hat das Projekt durch den Corona bedingten Lockdown erhalten: Im Verlauf des Projektes „haben wir bemerkt, dass die statischen Langzeitbelichtungen realistischer sind, als die belebten Bilder“, sieht Metzger darin auch die Dokumentation „einer auf den Kopf gestellten Welt“. Bei seinen Fotografien ist für Metzger die „Form vom Inhalt nicht zu trennen“, d.h., „das Bild entspricht dem, was ich sehe“. Dass sein Auge dabei die gesamte Komposition der jeweiligen Szenerie erfasst, wird z.B. bei der Aufnahme am „Freudenberg“ (S. 22) deutlich, auf der aufeinanderprallt, was Metzger als „verlogen“ empfindet: Trachtentradition auf einem Festwochenplakat, gegenüberliegend der Hinweis auf das Reflektarium in der Unterführung, der das Heile-Welt-Plakat zu konterkarieren scheint, und auch das Skyline-Hochhaus mit Vorbau wollen nicht so recht zu den Holzdielen mit tanzenden Füßen in Haferlschuhen auf dem Plakat passen.

Das „unverstellte Zeigen“ der Bauten durch die Langzeitbelichtung „macht bewusst wahrnehmbar, was sonst unbewusst bleibt“, sagt Metzger. Die menschenleere Nüchternheit zeigt die unverstellte Architektur in all ihrer Schönheit oder Hässlichkeit, ohne ablenkende Zutat. Metzger bezeichnet seinen Fotoapparat als eine „Zeitmaschine“; und die im Durchschnitt 15 Minuten lang belichteten Aufnahmen – Zeit genug, dass die Menschen und der fließende Verkehr darauf verschwinden, während helle Lichtreflexe als kleine Blitzfetzen bleiben – zeigen die dargestellte Welt vielleicht realer als sie in unserer gängigen Wahrnehmung ist, stellt er in den Raum. Wie „mit einem Hauch von Vergänglichkeit überzogen“ wirkt die bleierne Orangerie (S. 33) umgeben von leblosen Grautönen statt bunten Blumen. Vor einem befremdlichen Himmel breitet sich zwei Seiten weiter ein „Lidl“-Markt aus – wie Metzger findet „unsere Orangerie von heute“, denn „wer konnte sich so etwas damals leisten?“. 

„Still und starr ruht der See“ ist die pure Untertreibung für den entseelten Blick auf das Gewässer im Engelhalde-Park (S. 44). Zum Schmunzeln hat Metzger ein Detail an der St.-Mang-Kirche gebracht, die doch eigentlich „ein Bau für die Ewigkeit“ sein soll, aber scheinbar doch nicht ist, weist der Fotograf auf das Schild „Unsere Kirche braucht Ihre Hilfe“ an der Gebäudemauer. Bei den Fotos der Schüler sei ihm wichtig gewesen, „dass sie möglichst unbeeinflusst losgehen“. Sie seien zwar mit der gleichen Liste losgezogen, mussten aber nicht das gleiche Motiv ablichten. So wurde de facto ein völlig anderer Blick auf die Stadträume möglich. Die unverändert übernommenen Bilder wirken spontaner, dynamischer, aus dem Moment geboren, dabei nicht wahllos, und natürlich ungleich lebendiger als die wie in einer anderen Zeitachse eingefrorenen Metzgers. 

Auch für die Jugendlichen habe, so Metzger, die Prämisse gegolten, dass die Fotos für ein Museumsbuch sind und Kempten darin auch in 50 Jahren noch erkennbar sein soll. Für den Profifotografen stand bei dem Projekt auch die Frage im Raum, ob es eine eigene Bildsprache der Jugend gibt oder eher die viel bemühte „Verwüstung der Sinne durch digitale Medien“. Keinesfalls gehe es in dem Buch um ein Besser oder Schlechter; „nur um das Anders“ und darum, dass unsere Welt in zwei Wirklichkeiten dargestellt wird. 

Jedenfalls sei das Buch jetzt „ein Gedächtnis der Stadt, ob es gefällt oder nicht“. Viele der Gebäude seien austauschbar, letztendlich auch ein Merkmal unserer Zeit, stellt Metzger nüchtern fest. Für ihn ist es bereits der neunte Bildband, davon der vierte in der Reihe Kataloge und Schriften der Museen der Stadt Kempten. Eine runde Sache wird aus dem Buch der multiplen Wirklichkeiten durch Textbeiträge von Michael Frank Meier über Idee und Gestalt in Reiner Metzgers Fotografie; von Franz G. Schröck vom architekturform allgäu zur Architektur der gezeigten Gebäude und Plätze; sowie von Susan Funk zur Fotografie der Schüler. Beide Fotoserien sind ab Freitag, 10. Juli, auch „in natura“ zu sehen, und zwar als Sonderausstellung im Kemptener Stadtmuseum im Zumsteinhaus, Di – So 10 – 18 Uhr. 

Der im Kunstverlag Josef Fink erschienene Katalog „Räume Zeiten Kempten 2020“ ist unter der ISBN-Nr. 978-3-95976- 267-0 auch im Buchhandel erhältlich. 

Christine Tröger

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