"Wir fühlten uns wie die Herren der Residenz"

Die Brüder Hans und Eberhard Liebl besuchen ihren ungewöhnlichen Geburtsort

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Hans und Eberhard Liebl vor der Residenz
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Hans (li.) und Eberhard Liebl heute.
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Im dritten Stock wohnte die Familie Liebl. Die linken zwei Fenster waren Schlafzimmer bzw. Wohnzimmer.
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Schwester Eleonora mit Kindermädchen im Innenhof der Residenz etwa 1941. Man kann sehr schön die Johannisbeersträucher und die Bäume erkennen.
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Hans (li.) und Eberhard Liebl im Innenhof der Residenz etwa 1939.

Kempten – „Wir fühlten uns wie die Herren der Residenz.“ Als mir das jemand neulich sagte, saß ich zwei Herren gegenüber, denen man beim Erzählen trotz fortgeschrittenen Alters immer noch den Schalk ansieht.

Hans und Eberhard Liebl aus Ulm kamen kürzlich in die Residenz nach Kempten. Sie wollten keineswegs die Prunkräume besichtigen, sondern noch einmal die Stätte ihrer Kindheit besuchen. Wer kann schon von sich sagen, dass er in der Residenz geboren wurde und das weiträumige Areal der Residenz und die Innenhöfe als Kinderspielplatz benutzen durfte? Die Geschichten, die beide heute noch erzählen, könnten gut mit den Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma mithalten. Allerdings waren sie zu zweit. Eben nach dem Motto: „Zu zweit sind wir unerträglich.“


VON INGRID MÜLLER

Der Vater, Johann Baptist Liebl, war Regierungsinspektor im Bauwesen. So hatte die Familie Liebl eine Dienstwohnung im dritten Stock der Residenz über dem heutigen Haupteingang zur Justiz. Die Mutter, Franziska Liebl, geb. Rieger, war von Beruf Schneiderin. Eberhard Liebl meint, dass dies schrecklich war, denn die Mutter hat ihnen ständig etwas Neues genäht, was die beiden gar nicht wollten.

Zwei Räume, das Schlafzimmer und das Wohnzimmer, gingen zum Residenzplatz mit Blick in die Königstraße. „Bei gutem Wetter konnte man von dort aus den Grünten sehen“, sagt Hans Liebl. Die Küche und das Kinderzimmer waren zum westlichen Innenhof ausgerichtet, jener Hof der Residenz, der näher bei der Lorenzkirche liegt. Hans und Eberhard erblickten in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in der Residenz das Licht der Welt. Einige Jahre später kam noch eine Schwester dazu. 

Wenn sie heute die Residenz von damals beschreiben, so war sie zwar ein grauer Kasten und nicht so farbig bemalt wie heute, aber es war ihr persönliches Eldorado. Der westliche Innenhof war keine Wiese wie heute. Im westlichen Teil des Hofes standen Kastanienbäume, wo sie damals noch jedes Jahr fleißig Maikäfer gesammelt haben. Längs der Nordseite des Hofes standen Apfelbäume. In der Mitte befand sich eine Hütte mit Hasen und daneben gab es zwei Brunnen.

Der restliche Hof wurde unter den Bewohnern als Gemüsegarten aufgeteilt. Auch einen Wäschetrockenplatz gab es. Die Gemeinschaftswaschküche befand sich in einer Ecke des heutigen Foyers, der Rest des Foyers war eine bessere Rumpelkammer. Hans Liebl erinnert sich daran, dass die Prunkräume, die heute von tausenden von Touristen jährlich besucht werden, Büros der Justiz waren. Etwa 1946/47 hat er miterlebt, dass im Thronsaal sogar ein Faschingsball für die Angestellten der Jusitz veranstaltet wurde. Im Übrigen haben die Prunkräume auf die zwei Lausbuben keinen besonderen Eindruck gemacht.

In der Umgebung der Residenz haben die beiden vor allem an das Gasthaus im Landhaus (heute Commerzbank) noch Erinnerungen. Dort, wo heute die Autos parken, hatten die Bauern ihre Pferde und Wagen abgestellt, um sich einen Trunk im Gasthaus zu gönnen. Es gab kaum Autos. „Wir wohnten nicht allein in der Residenz“, berichten die beiden. „In jedem Stockwerk gab es einen Hausmeister, der auch dort wohnte. Diese Hausmeister waren unsere natürlichen Feinde. Neben unserer Wohnung waren Zellen für den Jugendarrest und anschließend wohnte ein Justizwachtmeister, dessen Frau für die Häftlinge gekocht hat. Wir erinnern uns noch, wie die Häftlinge im Winter Schnee schippen mussten. Ein Häftling hat sich sogar einmal mit Betttüchern aus dem dritten Stock abgeseilt, um zu flüchten. 

Da unsere Mutter Schneiderin war, brachten die Leute ihr auch Kleidungsstücke zum Flicken. So hat sie auch einmal die Jacke des Wachtmeisters bekommen. Wir fanden in der Tasche Handschellen und haben diese gleich bei unserer Schwester getestet und ihr die Füße gefesselt. Leider war kein Schlüssel dabei und so musste unsere Schwester bis zum Abend auf ihre Befreiung warten. Der weiträumige Dachboden der Residenz war vor allem im Winter unser begehrter Lieblingsspielplatz. Aus Pappkartons bauten wir uns Hütten zum Cowboy- und Indianerspielen. Am Dachboden gab es aber auch einen Raum, in dem unsere Kohlen, die wir zum Heizen benötigten, gelagert wurden. Dort hat man uns auch schon mal eingesperrt, wenn wir wieder etwas ausgefressen hatten. Die langen Gänge in der Residenz animierten uns zu mutigen Gefechten wie jenen der Musketiere. Wir hatten auch einmal tatsächlich zwei Säbel aufgetrieben. Einer war ein vernickelter Ehrensäbel aus dem Ersten Weltkrieg. Der sah nach unserem Gebrauch eher aus wie eine Säge.“ 

Eberhard Liebl erinnert sich folgender Episode:„Papa kam immer zum Mittagessen, ging danach wieder hinunter ins Amt. Einmal begleitete ich ihn zum Treppenhaus, blieb oben stehen und als Vater weiter unten war, spuckte ich hinunter und traf Papas Hand auf dem Treppengeländer – eine Chance von 1:1 Million! Statt stolz auf des Sohnes Treffsicherheit zu sein, rannte der aufgebrachte Mann die Treppe hoch, verhaute oben erst einmal den völlig unbeteiligten Hans, der grinsend den rasenden Papa anschaute und suchte dann den Übeltäter.“

Die Kriegsjahre, vor allem die letzten Jahre des Krieges, waren eine aufregende Zeit, wie die zwei zu berichten wissen. „Auf dem Dach der Kaserne (nördlicher Teil der Residenz), also genau unserer Küche gegenüber wurde 1944 ein Holzgestellt montiert, dort war ein Beobachtungsposten. Mutter hatte Angst, da man davon gesprochen hatte, dort auch eine Flugzeug-Abwehrflak zu montieren. Wenn da eine Flak hinkommt, werden wir als erstes bombardiert, war ihre große Sorge. Aber die Flak kam Gott sei Dank nie. 

Im östlichen Innenhof wurde 1944 ein Tunnel gegraben, der es bei einer Bombardierung der Residenz ermöglichen sollte, aus dem Gebäude heraus zu kommen. Wir hätten aber nie eine Chance gehabt, denn unser Keller ging zwei Stockwerke unter die Erde. Als die Artilleriekaserne bombardiert wurde, saßen wir im Keller. Unser Vater war Luftschutzwart. Wir hatten sogar extra Kinderhelme auf. Trotzdem war unsere Angst riesengroß. Mutter hat uns anschließend für einige Zeit zu Bauern aufs Land gebracht.

Im Winter 1945 kamen deutsche Soldaten als Kriegsgefangene in den westlichen Innenhof der Residenz. Es waren so irre viele – Mann an Mann – dass man die einzelnen Einrichtungen im Hof, wie Hütte und Brunnen gar nicht mehr erkennen konnte. Mama warnte uns drei Kinder, ans Fenster zugehen, denn sonst müssten wir womöglich aus der Wohnung raus, da die Amis von oben die Gefangenen besser kontrollieren könnten. Gott sei Dank blieb das nur wenige Tage so und die Soldaten wurden umquartiert.“

Hans erinnert sich auch, dass zu Kriegsende im östlichen Innenhof Akten verbrannt wurden. Da beide Brüder schon immer gern gemalt haben und Papier knapp war, wollten sie sich von den noch nicht verbrannten Akten welche sichern. Dies wurde ihnen aber strikt durch eine bewaffnete Person verwehrt.

Eberhard Liebl berichtet: „1945, noch vor Kriegsende, schossen in Kempten Ami-Tiefflieger auf uns Volksschüler im Park bei der Königstraße. Wir hatten gerade die Schule aus. Da rannten wir hinter die Bäume und Gott sei Dank ist nichts passiert.“

In den nördlichen Flügel der Residenz, der ja Kaserne war, waren nach dem Krieg Polen untergebracht. Hans Liebl meint: „Wir hatten einen ganz unkomplizierten Umgang mit ihnen. Dass wir überall von den Amerikanern Munition fanden und damit spielten, durfte unsere Mutter nicht wissen. Auch die Zigarettenkippen, von den Amis weggeworfen, wurden heimlich geraucht. Zum Rauchen haben wir uns auf den Kastanienbäume im Innenhof versteckt. „Mir wurde einmal richtig übel“, erzählt Eberhard Liebl.

Auch wenn erspäter selbst beim Stadtnikolaus als Engel hoch zu Ross durch Kempten zog, so war es für ihn und seinen Bruder in ihrer Kindheit immer eine besondere Herausforderung, wenn der Nikolaus mit Engeln und Begleitern genau unter ihrer Wohnung an der Residenz Halt machte. „Wir haben aus sicherer Warte Wasser hinuntergegossen“ meint Hans. „Das hat man uns schwer verübelt.“

Eines Tages kam der Abschied von Kempten. Der Vater wurde nach Ulm versetzt und man zog aus der Residenz aus. Das neue Umfeld war kein Vergleich zu früher. Man zog in das Haus der Großeltern. Hans sagt: „Es war ein kleines Haus, die Straße kam uns so eng vor. Die Großzügigkeit der Residenz hat einfach gefehlt.“

Hans hat sich später als Grafikdesigner selbständig gemacht. Eberhard wurde leitender Angestellter einer großen Ulmer Firma. Jetzt im Ruhestand denken sie gerne zurück an ihre wunderbare Kindheit in der Residenz in Kempten.

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