Kunstgeschichte oder Kunst-Geschichten?

Ausstellung in der Kunsthalle lässt Kunst ganz schön alt aussehen

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Dieses Portrait von Jan Hendrik Pelz ist wie alle seine Werke auf der Vorderseite mit JHP signiert, aber nicht datiert.
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Zusätzlich zu über 50 Werken zeigt die Ausstellung auch erklärende Schautafeln und Presseberichte. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts.

Kempten – „Filderstädter findet Bilderschatz“, „Vom Dachboden in die Ausstellung“, „Kunstverein zeigt verloren geglaubte Werke“ – derartige Online-Meldungen auf bekannten Nachrichtenportalen begleiteten im Herbst 2017 die erste Retrospektive des Stuttgarter Malers Jan-Hendrik Pelz...

...(1884 – 1984) im Kunstverein Friedrichshafen. Der 1984 in Filderstadt geborene gleichnamige Urenkel des Malers hatte die Werke 2014 auf dem elterlichen Dachboden entdeckt. Die Medien nahmen die spektakuläre Geschichte gerne auf, klingt sie doch wie ein wunderbares Märchen. Mehr als 50 dieser Bilder und einige private Gegenstände sind jetzt im Rahmen in der Kunsthalle Kempten zu sehen. Infotafeln erzählen vom Leben des verkannten Malers, Abbildungen von Meldungen auf focus.de, neon.de und anderen Webseiten dokumentieren den Kunstfund und die Ausstellung. Grund genug, auf Spurensuche nach diesem wiederentdeckten Künstler zu gehen.

Die Recherche nach Jan-Hendrik Pelz „dem Älteren“ ist schwierig. Die online einsehbaren Kataloge zur Großen Berliner Kunstausstellung und zur Münchener Kunstausstellung im Glaspalast führen den Namen „Pelz“ nicht auf, obwohl der am 8. Februar 1884 in Filderstadt geborene Maler laut präsentierter Vita zwischen 1923 und 1927 daran teilgenommen hat. Kunstforum, Monopol und FAZ haben sich als Expertenblätter mit dem gesamten Vorfall nicht näher beschäftigt. Auch Wikipedia kennt nur den Urenkel, der genau 100 Jahre nach seinem Urgroßvater am 8. Februar 1984 ebenfalls in Filderstadt das Licht der Welt erblickte. Jan-Hendrik Pelz „der Jüngere“ studierte Malerei und Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und war Meisterschüler bei Konzeptkunstprofessor Christian Jankowski. Das etablierte „ART Magazin“ widmete ihm als „Starter“ kürzlich ein kleines Portrait. Seine Arbeiten setzen sich aktuell insbesondere mit Aufmerksamkeitsstrategien, der wandelnden Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und Fake News auseinande. Jüngster Erfolg: Der Gewinn des Kunsthallen-Stipendiums der Stadt Kempten.

Es lohnt sich, genauer auf und auch hinter die Bilder in der Ausstellung zu blicken, die signierten Infotafeln aufmerksam zu studieren und den historischen Daten und Fotografien skeptisch zu begegnen. Auch das eigene Bauchgefühl als Kunstexperte ist gefragt: Sind diese Bilder wirklich Meisterwerke, deren Wiederentdeckung so wichtig ist? Worin genau liegt die künstlerische Qualität? Überstrahlt nicht dieses moderne Märchen das angeblich „wegbereitende“ Moderne in dieser Malerei? Erleben wir hier reichhaltige Kunstgeschichte oder trickreiche Kunst-Geschichten? Nehmen wir am Ende vielleicht nur das wahr, was wir wahrhaben wollen?

Gut, wer sich die Zeit nimmt, zur Klärung dieser Fragen tiefer in die vielen in der Ausstellung gezeigten Presseartikel einzutauchen. Dort entdeckt man die eigentliche Dimension des künstlerischen Konzepts von Jan-Hendrik Pelz „dem Jüngeren“. Die lancierten Pressemitteilungen und redaktionellen Beiträge sind alle echt und sie sind tatsächlich erschienen. Vermeintliche Fakten mischen sich mit faktischen Meinungen. Einen fundierten und recherchierten Beitrag zur entdeckten Kunst oder zum Kunstentdecker selbst findet man nicht.

Die Lösung liegt aber online zum Greifen nah: Laut seiner Webseite initiierte Jan-Hendrik Pelz zum Beispiel 2012 eine Demonstration gegen sich selbst als Kunst-Scharlatan, der „unser Geld für sogenannte Kunst verschwendet“. Auch der Kunstverein Friedrichshafen bezeichnete 2017 die eigene Ausstellung noch vor der Eröffnung in einer Pressemitteilung als „überzogene Wiederentdeckung“. Widersprüche mit Wortwitz, Ablenkungsmanöver mit Ansage, wir hätten also vorbereitet sein können. Spätestens mit dieser Ausstellung gilt: Man sollte immer genau hinschauen.

Christian Hof

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